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04.12.08: Wirtschaftskrise |
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Die zwei Gesichter des John Maynard Keynes |
Rechte wie
linke Wirtschaftwissenschaftler preisen Keynes als Antwort auf die
Krise. Doch seine Theorien lassen radikalere Schlüsse zu: Die
Wirtschaft muss vom Kapitalismus befreit werden, meint Chris Harman.
"Alle sind jetzt dem großen
Ökonomen tief verpflichtet", war kürzlich das Thema eines
Artikels in der
Financial Times über John Maynard Keynes.
Und so scheint es tatsächlich zu sein. Auch der konservative
Wolfgang Schäuble bekannte im Handelsblatt: "In der Krise muss
die CDU keynesianisch denken". Ähnliches sagen derzeit auch
der US-Finanzminister Hank Paulson und der Vorsitzende der
US-Notenbank, Ben Bernanke.
Das ist das eine Ende des politsichen
Spektrums. Am anderen Ende stehen prominente Linke. Keynes, so meinen
sie, habe in den 30er Jahren gezeigt, wie Krisen überwunden
werden können, und seine Methode könne heute wieder
funktionieren. Diese Behauptung
hält einer genaueren Betrachtung nicht wirklich stand: Denn
Keynes zeigte nicht, wie man in den 30er Jahren die Krise überwindet.
Der Markt regelt sich nicht selbst
Stattdessen polemisierte er gnadenlos gegen alle,
die behaupteten, Krisen könnten gelöst werden, indem der
Lebensstandard der Arbeiter angegriffen werde. Keynes` Argumente
gegen die Annahme, der Markt werde seine Probleme schon selbst lösen,
sind heute noch relevant. Die etablierten Ökonomen seiner Zeit
verließen sich auf das sogenannte "Say'sche Gesetz".
Demzufolge können allgemeine Überproduktionskrisen im
Kapitalismus nicht eintreten: Die Märkte würden tendenziell
zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht tendieren - jedes
zusätzliche Angebot entfache zugleich Nachfrage.
Keynes widersprach dieser Theorie. Er
machte ähnliche Feststellungen, wie Karl Marx 60 Jahre vor ihm.
Alle Güter in einem Marktsystem können nur verkauft werden,
wenn die Arbeiter ihre gesamten Einkommen und die Kapitalisten ihre
sämtlichen Profite ausgeben. Die Arbeiter können es
normalerweise nicht vermeiden, ihre gesamten Löhne auszugeben.
Aber die Kapitalisten können sich dafür entscheiden, ihre
Profite auf ein Bankkonto oder unter ihre Matratze zu legen, statt
sie zu investieren oder für ihren privaten Konsum auszugeben. In
diesem Fall entsteht eine Lücke zwischen dem, was insgesamt
produziert wurde, und dem, was verkauft werden kann.
Dem Argument,
dass mehr Güter verkauft werden und die Arbeitslosigkeit gesenkt
werden könne, wenn die Arbeiter Lohnverluste hinnähmen,
setzte Keynes entgegen, dass das nur dazu führen werde, dass die
Arbeiter noch weniger kaufen können. Das würde wieder
weitere Lohnsenkungen nötig machen und noch geringere Verkäufe
zur Folge haben. Keynes wandte sich also gegen die Theorie der "Klassiker", daß nur die Lohnkosten genügend sinken
müßten, um den Aufschwung herbeizuführen. Aber er
verstand seine Argumentation nicht als antikapitalistisch: Ihm ging
es darum, die Kapitalisten zu Veränderungen zu überreden:
Das System sollte wieder zum Laufen gebracht werden.
Die Politik von Keynes
Keynes schrieb,
seine Theorie sei "in ihren Konsequenzen verhältnismäßig
konservativ". Auch sein Biograf Lord Skidelsky meint, Keynes'
Vorschläge seien vorallem auf die Psychologie der Geschäftswelt
zugeschnitten. Er bilanzierte: "In der Praxis war er sehr
vorsichtig."
Keynes'
Ansatzpunkt bei seinem Bemühen, die Krise zu überwinden
war, dass der Staat einschreite, um die Investitions-
und Konsumausgaben zu erhöhen. Zwei Arten von Maßnahmen
waren nach Keynes konkret notwendig. Erstens müsse
die Regierung die Zinsen senken. Das würde die Wohlhabenderen
ermuntern, ihre Einkommen auszugeben, statt sie zu sparen. So können
sie einen Markt für die Produkte anderer darstellen und diese zu
Investitionen anregen. Aber Keynes gab zu, "etwas skeptisch im
Hinblick auf eine ausschließlich monetäre Politik" zu
sein. Zweitens könnten
Regierungen direkt selbst Ausgaben tätigen, die mit Krediten zu
finanzieren seien. Solche schuldenfinanzierten Konjunkturprogramme
("deficit spending") würden sich schließlich selbst
tragen, da mit dem Wachstum der Wirtschaft auch die Steuereinnahmen
steigen würden. Als es aber
darum ging, diese Strategien in die Praxis umzusetzen, fürchtete
Keynes immer, die Kapitalisten zu verstimmen, weil ja ihre
Psychologie darüber entscheide, ob sie investierten. Deshalb
waren seine Vorschläge bei weitem zu milde, um die
Weltwirtschaftskrise zu beenden.
Anfang der 30er
Jahre, als die Arbeitslosigkeit um 100 Prozent stieg, unterstützte
er die Forderung des liberalen Abgeordneten und ehemaligen
Ministerpräsidenten Lloyd George nach einem öffentlichen
Beschäftigungsprogramm, das den Anstieg
auf 89 Prozent gesenkt hätte. Er riet Präsident
Roosevelt von "wirtschaftlichen und sozialen Reformen" ab, weil
sie womöglich die wirtschaftliche Erholung durch eine Störung
des „Vertrauens der Geschäftswelt komplizieren" könnten.
Es wird
geschätzt, dass die britische Regierung ihre Ausgaben um 56
Prozent hätte erhöhen müssen, um die drei Millionen
Arbeitsplätze zu schaffen, die nötig waren, um auf dem
Höhepunkt der Krise wieder zu Vollbeschäftigung zu kommen.
Solch eine Erhöhung war mit Keynes' schrittweisen Methoden
nicht zu erreichen, da sie direkt zu einer Kapitalflucht ins Ausland,
einem Anstieg der Importe, einem Zahlungsbilanzdefizit und einer
drastischen Steigerung der Zinsraten geführt hätte.
Das zweite Gesicht
An einigen
Stellen in seinem wichtigsten Buch,
Allgemeine Theorie der
Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, kam Keynes
der Erkenntnis schon nahe, dass solche Zurückhaltung nicht
ausreichen könnte. Er deutete an, dass etwas Grundlegendes im
System zu einem Abfall der Investitionen führe. Er sprach von
einem Abfall des "Grenznutzens der Investitionen". Diese
Vorstellung nähert sich Marx' tendenziellem Fall der
Profitrate an. Er beinhaltet, dass mit dem Kapitalismus etwas
grundsätzlich nicht stimmt und das nicht dadurch behoben werden
kann, dass man die Zinsraten anpasst oder die staatlichen Ausgaben
erhöht. Diese Einsicht brachte Keynes zu seiner radikalsten
Erklärung: „Dass eine recht umfängliche
Vergesellschaftung der Investitionen sich als einzige Methode
erweisen wird, um annähernde Vollbeschäftigung zu
erreichen."
Keynes selbst
blieb diesen Einsichten nicht treu, und das taten auch die meisten
seiner Anhänger nicht. Stattdessen passten sie wie Keynes ihre
Forderungen dem an, was sie glaubten, was der Kapitalismus
akzeptieren werde. Die heutigen frisch konvertierten Keynesianer in
den Regierungen der USA und anderer Industriestaaten versuchen genau
wie Keynes vor ihnen, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten. Das
bedeutet, dass sie uns alle zahlen lassen wollen, damit wir die
Kapitalisten glücklich machen. Die linken Keynesianer stehen vor
der Wahl: Sie können sich diesem Ansatz anschließen und
sich einfach darum bemühen, den Kapitalismus am Laufen zu
halten. Oder sie können sich Keynes' radikalere Einsichten zu
Herzen nehmen und sich der Schlussfogerung von Marx anschließen:
Die Wirtschaft muss vom Kapitalismus befreit werden.
Aus dem
Englischen: David Meienreis, Rosemarie Nünning
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