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09.02.09: Umwelt |
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Willkommen im Anthropozän |
Den Klimawandel kann man nicht mit dem Markt bekämpfen. Mike Davis über den angeblichen "Klimaschutz" im Kapitalismus
Unsere Welt, unsere alte Welt, die wir
in den letzten 12000 Jahren bewohnt haben, ist am Ende, auch wenn
keine Zeitung in Nordamerika und Europa bislang ihren
wissenschaftlichen Nachruf abgedruckt hat. Im vergangenen Februar, als
auf der Baustelle des Wolkenkratzers von Burj Dubai, der bald die
doppelte Höhe des Empire State Building erreichen wird, das
141.Stockwerk errichtet wurde, ergänzte die Kommission für
Stratigrafie [die Wissenschaft der geologischen Schichten, die Redaktion] bei der
Londoner Geologischen Gesellschaft die Erdgeschichte um eine neue
Epoche.
Abschied vom Holozän
 Verändern das Gesicht des Planeten: Energiekonzerne halten am Abbau von Braunkohle fest und schädigen damit das globale Klima. (Foto: Jambo Man / flickr.com) Die 1807 gegründete Londoner Gesellschaft ist der
Welt älteste Vereinigung von Geowissenschaftlern, ihre
Kommission handelt als höchste Autorität in Sachen
Einteilung der geologischen Zeitskala. Die Stratigrafen unterteilen
die Geschichte der Erde entsprechend den erhaltenen Sedimentschichten
in Äonen, Ären, Perioden und Epochen. Diese setzen sich
voneinander ab durch Ereignisse wie Massenaussterben, auffällige
Artenbildung oder abrupte Veränderungen der Chemie in der
Atmosphäre.
Wie in der Biologie oder der
Geschichtswissenschaft ist auch in der Geologie die Periodisierung
eine komplexe und kontroverse Kunst. Der heftigste Streit in der
britischen Wissenschaft des 19.Jahrhunderts - bekannt als die "große
Devon- Kontroverse" - drehte sich um die unterschiedliche
Interpretation der walisischen Grauwacke und des englischen Roten
Sandsteins. In jüngerer Zeit haben Geologen darüber
gestritten, wie die Eiszeiten in den vergangenen 2,8 Millionen Jahren
stratigrafisch abzugrenzen sind. Einige Wissenschaftler haben nie
akzeptiert, dass die jüngste warme Zwischenzeit - das Holozän
- als eine eigene "Epoche" aufzufassen ist, weil es die
Geschichte der Zivilisation umfasst.
Infolgedessen legen die
heutigen Stratigrafen außerordentlich strenge Standards an die
Verkündung einer neuen erdgeschichtlichen Unterteilung. Obwohl
die Vorstellung von einem Anthropozän - das heißt einer Epoche, die
sich definiert durch das Entstehen einer urban-industriellen
Gesellschaft, die eigene geologische Spuren hinterlässt - seit
langem diskutiert wird, haben sich die Stratigrafen bislang
geweigert, ihre Existenz anzuerkennen.
Zumindest was die Londoner
Gesellschaft betrifft, ist diese Position nun aufgegeben worden.
Die
Frage "Leben wir nun im Anthropozän?" beantworten die
21 Mitglieder der Kommission nun einmütig mit "Ja" Sie
erbringen den stichhaltigen Beweis, dass die Epoche des Holozäns
- die interglaziale Phase mit einem ungewöhnlich stabilen Klima,
das die rasche Entwicklung von Landwirtschaft und städtischer
Zivilisation ermöglichte - zu Ende ist und dass die Erde in "ein
stratigrafisches Stadium" eingetreten ist, das in den letzten
Jahrmillionen keine Parallelen hat. Zusätzlich zur dramatischen
Steigerung der Treibhausgase führen die Stratigrafen die
Transformation der Landschaft durch den Menschen an, die "nun
die [jährliche] Produktion natürlicher Sedimente
beträchtlich übertrifft", die Übersäuerung
der Ozeane und die schonungslose Zerstörung der Fauna und Flora.
Kennzeichnend für diese neue Epoche ist sowohl der Trend zur
Erwärmung (die nächstliegende Parallele dazu ist womöglich
die Katastrophe, die als "thermales Maximum" beim Übergang
vom Paläozän zum Eozän vor 56 Millionen Jahren bekannt
ist) als auch die radikale Instabilität des Klimas, das in der
künftigen Umwelt zu erwarten ist. In düsterer Prosa warnen
sie, dass "die Kombination von Aussterben, globaler
Artenwanderung und verbreiteter Ersetzung natürlicher Vegetation
durch landwirtschaftliche Monokulturen ein charakteristisches
zeitgenössisches biostratigrafisches Signal produziert. Diese
Auswirkungen sind dauerhaft, weil die zukünftige Evolution auf
der Grundlage überlebender (und oft anthropogen umgesiedelter)
Stämme ablaufen wird." In anderen Worten, die Evolution ist
auf eine neue Bahn gezwungen worden.
Sinken die Treibhausemissionen von
selbst?
Die Anerkennung des Anthropozäns
durch die Kommission fällt zusammen mit einer zunehmenden
wissenschaftlichen Kontroverse über den im letzten Jahr vom
"Intergovernmental Panel on Climate Change" (IPCC) [= UN-Klimarat, die Redaktion] herausgegebenen
vierten Lagebericht. Der IPCC ist beauftragt, für die
internationale Bemühungen zur Reduzierung der globalen Erwärmung
wissenschaftliche Grundlagen zu schaffen, aber einige der
prominentesten Forscher kritisieren seine Szenarien als zu
optimistisch.
Die aktuellen Szenarien gründen sich auf Daten
des IPCC aus dem Jahr 2000, mit deren Hilfe Modelle für künftige
globale Emissionen auf der Grundlage variabler Annahmen über das
Bevölkerungswachstum, die technologische und die ökonomische
Entwicklung erstellt wurden. Einige der Szenarien des IPCC sind den
politischen Entscheidungsträgern wie auch den Umweltaktivisten
durchaus bekannt. Aber nur wenige außerhalb der
Forschungsgemeinde haben tatsächlich die Details gelesen oder
verstanden - das gilt insbesondere für das Vertrauen des IPCC,
dass sich als "automatisches" Nebenprodukt der zukünftigen
Wirtschaftsentwicklung eine größere Energieeffizienz
einstellen werde. Tatsächlich nehmen alle seine Szenarien, sogar
die Varianten "Business as usual", an, dass sich
Kohlenstoff in Zukunft mindestens um 60 Prozent reduzieren werde -
unabhängig von aktiven Maßnahmen zur Reduzierung der
Treibhausgase.
Der IPCC setzt ausschließlich auf einen
nicht planmäßigen, marktgetriebenen Übergang zu einer
Weltökonomie nach dem Kohlenstoff - das setzt voraus, dass
Energiekonzerne den Reichtum, den sie durch höhere Energiepreise
gewinnen, in neue Technologien und erneuerbare Energie investieren
werden. Die International Energy Agency (IEA) schätzte
allerdings vor kurzem, dass eine Halbierung der
Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 etwa 45 Billionen Dollar
kosten wird.
Abkommen wie das von Kyoto und der Handel mit
Kohlenstoffemissionen sind dazu da, den Fehlbetrag zwischen dem
erwarteten spontanen Rückgang des CO2-Ausstoßes und den im
jeweiligen Szenario geforderten Ziel der Emissionsreduzierung zu
überbrücken. Zufällig senkt dies die Kosten für
die Abschwächung der globalen Erwärmung auf ein Niveau, das
sich an das politisch Mögliche anpasst - dargelegt wird es im
britischen "Stern Review on the Economics of Climate Change" (2006) und
anderen Berichten dieser Art.
Kritiker argumentieren jedoch, dass
damit die ökonomischen Kosten, technologischen Hürden und
gesellschaftlichen Veränderungen, die erforderlich sind, um das
Wachstum der Treibhausgase einzudämmen, radikal unterschätzt
werden. In Europa steigen die Kohlenstoffemissionen zum Beispiel immer noch
(in einigen Bereichen sogar dramatisch) trotz der vielfach gelobten
Annahme eines Verfahrens der Deckelung und des Handels (cap-and-trade
system) 2005 durch die EU. Es hat in den letzten Jahren auch kaum
Anzeichen für einen automatischen Fortschritt bei der
Energieeffizienz gegeben - der aber eine Voraussetzung für die
Szenarien des IPCC ist. Seit 2000 hat die Energieintensität nach
Ansicht der meisten Forscher tatsächlich zugenommen, das heißt die
globalen CO2-Emissionen haben mit dem Energieverbrauch Schritt
gehalten oder sogar geringfügig schneller zugenommen.
Besonders
die Kohleförderung erfährt eine dramatische Renaissance,
und das 21. Jahrhundert wird vom 19. heimgesucht. Hunderttausende
Bergleute arbeiten heute unter Bedingungen, die Charles Dickens
erschreckt hätten, sie fördern das schmutzige Mineral, das
es China ermöglicht, jede Woche zwei neue Kohlekraftwerke ans
Netz zu schließen. Mittlerweile lautet die Prognose, dass bis
zur nächsten Generation der Gesamtverbrauch an fossilen
Brennstoffen um mindestens 55 Prozent zunehmen wird, die internationalen
Ölexporte werden sich verdoppeln.
Das United Nations
Development Program (UNDP), das eine eigene Studie über die
Ziele erneuerbarer Energie erstellt hat, warnt, dass eine
"Reduzierung der weltweiten Treibhausgasemissionen um 50 Prozent bis
2050 gemessen am Stand von 1990" erforderlich ist, sonst werde
die Menschheit in den roten Bereich einer aus dem Ruder laufenden
Erwärmung geraten (darunter versteht man gewöhnlich eine
Zunahme der Erwärmung um 2 Grad in diesem Jahrhundert). Die IEA
aber sagt voraus, dass die Emissionen in aller Wahrscheinlichkeit in
diesem Zeitraum um nahezu 100 Prozent zunehmen werden - genug Treibhausgas,
um uns vielfach über diesen kritischen Punkt hinaus zu
katapultieren.
Höhere Energiepreise werden zum Verschwinden
der SUVs [Bezeichnung für bestimmte spritfressende PKW, die Redaktion] führen und mehr Risikokapital in erneuerbare Energie
lenken, doch sie öffnen auch die Büchse der Pandora der
rohesten aller Erdölförderungen - die aus kanadischem
Teersand und venezolanischem Schweröl. Das Letzte, das wir uns
wünschen sollten, ist, unter der falschen Losung der
"Energieunabhängigkeit" neue Felder der
Kohlenwasserstoffproduktion zu öffnen.
Kathedralen im Wüstensand
Können wir auf die Fähigkeit
des Marktes vertrauen, um Investitionen aus alten in neue Energien
oder aus der Rüstung in nachhaltige Landwirtschaft zu verlagern?
Unaufhörlich werden wir (besonders über das Fernsehen) mit
Propaganda bombardiert, wonach gewaltige Gesellschaften wie Chevron,
Pfizer oder Archer Daniels Midland hart daran arbeiten, den Planeten
zu retten, indem sie ihre Profite in die Forschung und Entwicklung
von Brennstoffen mit niedrigem Kohlenstoffanteil, von neuen
Impfstoffen und dürreresistenterem Saatgut investieren.
Wie
der gegenwärtige Boom von Ethanol aus Mais, bei dem 100
Millionen Tonnen Getreide für amerikanische Automotoren statt
für menschliche Ernährung verwendet werden, auf
erschreckende Weise zeigt, kann "Biobrennstoff" ein
Euphemismus für die Subventionierung der Reichen und den
Hungertod der Armen sein. Ebenso ist "saubere Kohle", trotz
ihrer heftigen Unterstützung durch Barack Obama (der auch
Ethanol befürwortet), nicht mehr als eine gigantische Täuschung
- eine 40 Millionen Dollar teure Anzeigen- und Lobbykampagne für
eine Technologie, die die Business Week als "Jahrzehnte vom
kommerziellen Einsatz entfernt" bezeichnet.
Darüber
hinaus gibt es beunruhigende Anzeichen, dass Energiekonzerne dabei
sind, sich von ihrer öffentlichen Verpflichtung zur Entwicklung
alternativer Energietechnologien und zur Reduzierung der
Kohlenstoffemissionen abzuwenden. Das Pilotprojekt der
Bush-Administration, FutureGen, wurde dieses Jahr aufgegeben, nachdem
sich die Kohleindustrie geweigert hat, ihren Anteil an der
öffentlich-privaten "Partnerschaft" zu zahlen; ebenso
sind die meisten Projekte zur Senkung der Emissionen im
US-Privatsektor gestrichen worden. In Großbritannien hat sich
Shell mittlerweile aus dem weltweit größten
Windenergieprojekt, dem London Array, zurückgezogen. Trotz
heroischer Anstrengungen in der Werbung ziehen es Energiekonzerne,
ebenso wie Pharmaunternehmen, vor, Profite auf dem Rücken der
Allgemeinheit zu erzielen - die dringende, lange überfällige
Forschung soll nicht aus ihren Profiten, sondern von Steuergeldern
bezahlt werden.
Die Extraprofite aus den hohen Energiepreisen
werden in Immobilien, Wolkenkratzer und Finanzpapiere investiert. Ein
führendes Wall-Street-Orakel, das McKinsey Global Institute,
sagt voraus, dass die sechs Länder des Gulf Cooperation Council
allein "bis 2020 einen Gewinn von fast 9 Billionen Dollar
einstreichen" werden, wenn die Rohölpreise weiter über
100 Dollar je Barrel liegen. Die OPEC-Staaten legen Staatsfonds auf,
um eine aktivere Kontrolle über ausländische
Finanzinstitutionen zu erlangen, und verwenden ihre fantastischen
Gewinne dazu, Megastädte, Einkaufsparadiese und private Inseln
für britische Rockstars und russische Gangster in Arabiens Sand
zu setzen.
Vor zwei Jahren schätzte die Financial Times die
Kosten für die geplanten neuen Baustellen in Saudi-Arabien und
den Vereinigten Emiraten auf über eine Billion Dollar. Heute
werden es eher 1,5 Billionen Dollar sein, das ist erheblich mehr als
der gesamte Welthandel mit Agarprodukten. Die meisten Golfstaaten
bauen halluzinatorische Skylines - und unter ihnen ist Dubai fraglos
der Superstar. In wenig mehr als einem Jahrzehnt hat es 500
Wolkenkratzer errichtet, es beschäftigt derzeit ein Viertel
aller Riesenkräne der Welt.
Von diesem Turboboom am Golf
behauptet der Stararchitekt Rem Koolhaas, er sei dabei, "die
Welt neu zu gestalten" Die Entwickler von Dubai hat er dazu
gebracht, die Ankunft eines "Premium-Lebensstils" zu
verkünden, der sich in einem 7-Sterne-Hotel, privaten Inseln und
Jachten der J-Klasse zeigt. Es überrascht daher nicht, dass die
Vereinigten Arabischen Emirate und ihre Nachbarn weltweit den größten
ökologischen Fußabdruck pro Kopf der Bevölkerung
aufweisen. Für die rechtmäßigen Besitzer des
arabischen Ölreichtums aber, die Bevökerung in den engen
Wohnvierteln von Bagdad, Kairo, Amman und Khartoum, fallen davon
allenfalls ein paar Jobs auf den Ölfeldern oder in von den
Saudis subventionierten Koranschulen ab. Während die Gäste
des Burj Al-Arab, des berühmten Hotels von Dubai in Form eines
Segels, 5000 Dollar für eine Nacht zahlen, gehen die Werktätigen
in Kairo gegen unerschwingliche Brotpreise auf die Straße.
Katastrophen verstärken die
Ungleichheit
Die Emissionsoptimisten werden über
diese düsteren Bilder lächeln und das kommende Wunder des
Emissionshandels beschwören. Was sie dabei außer Acht
lassen, ist die Möglichkeit, dass ein Markt dafür zwar
tatsächlich entsteht, aber dass er die globalen
Kohlenstoffemissionen nur minimal reduzieren wird, solange es keinen
Mechanismus gibt, den Verbrauch fossiler Brennstoffe wirksam zu
senken.
In der aktuellen Diskussion über den Handel mit
Emissionsrechten werden viele Nebelbomben geworfen. Zum Beispiel
prahlt die reiche Ölenklave Abu Dhabi damit, sie habe mehr als
130 Millionen Bäume gepflanzt - jeder einzelne davon absorbiert
CO2 aus der Atmosphäre. Aber dieser künstliche Wald in der
Wüste verbraucht auch eine gewaltige Menge (Meer- )Wasser, das
in teuren Entsalzungsanlagen gewonnen wird. Sie stellen nur eine
energieintensive Kosmetik dar, wie das meiste des sog. grünen
Kapitalismus.
Was aber ist, wenn der Handel mit
Kohlenstoffzertifikaten das Thermometer nicht senken kann? Was genau
wird Regierungen und Konzerne dann dazu bewegen, für die
Reduzierung der Emissionen durch Regulierung und Besteuerung
einzutreten?
Die Klimadiplomatie vom Typ Kyoto nimmt an, dass
alle Hauptakteure, haben sie erst einmal die den Berichten des IPCC
zugrunde liegenden Daten akzeptiert, ein übergreifendes
gemeinsames Interesse an der Kontrolle über den Treibhauseffekt
entdecken werden. Aber die globale Erwärmung ist kein "Krieg
der Welten", bei dem Invasoren vom Mars beabsichtigen, die
gesamte Menschheit ohne Unterschied zu vernichten. Der Klimawandel
wird von Anfang an extrem ungleiche Auswirkungen auf die
verschiedenen Regionen und sozialen Klassen haben. Er wird die
geopolitische Ungleichheit und die Konflikte nicht verringern,
sondern verstärken.
Wie das UNDP in seinem letztjährigen
Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine
Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen,
"beides Größen mit geringem oder gar keinem
politischen Gewicht" Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren
Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein
Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch
beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder
und Klassen in eine aufgeklärte "Solidarität"
Letzteres wäre nur realistisch, wenn die privilegierten Gruppen
keinen anderen Ausweg haben, wenn eine internationalistische
öffentliche Meinung die Politik in den wichtigsten Ländern
beeinflusst und wenn die Senkung der Treibhausgasemissionen ohne
größere Opfer für den Lebensstandard der höheren
Schichten auf der nördlichen Hemisphäre erreicht werden
kann. Alle diese Annahmen erscheinen als sehr unwahrscheinlich.
Und
wenn die zunehmenden sozialen und Umweltturbulenzen dazu führen,
dass die Eliten sich noch massiver vom Rest der Menschheit
abschotten? Die globale Abschwächung des Treibhauseffekts würde
in diesem noch unerforschten, aber nicht unwahrscheinlichen Szenario
stillschweigend aufgegeben zugunsten der beschleunigten Investition
in eine selektive Anpassung zugunsten der Erste-Klasse-Passagiere des
Planeten - z.B. durch grüne, abgezäunte Oasen permanenten
Wohlstands auf einem ansonsten schwer mitgenommenen Planeten.
Vielleicht übernehmen einige europäische Städte
und kleine Länder vollständig alternative Energien. Doch
der Übergang zu einem Lebensstil mit geringen oder gar keinen
Emissionen wird fast unvorstellbar teuer. Nach 2030 wird er gewiss
noch weniger vorstellbar sein, wenn sich die Auswirkungen von
Klimawandel, Öl- und Wasserknappheit und zusätzlich 1,5
Milliarden Menschen auf dem Planeten summieren und das Wachstum
ersticken.
Die ökologische Schuld des
Nordens
Die wirkliche Frage lautet: Werden die
reichen Länder jemals den politischen Willen und die
ökonomischen Ressourcen aufbringen, um die Ziele des IPCC zu
erreichen oder den ärmeren Ländern zu helfen, sich an die
bereits erreichte Erwärmung anzupassen? Werden die Wähler
in den reichen Nationen ihre verriegelten Grenzen öffnen, um die
Flüchtlinge aus den kommenden Epizentren der Dürre und
Verödung wie dem Maghreb, Mexiko, Äthiopien oder Pakistan
aufzunehmen? Werden die US-Amerikaner, das geizigste Volk gemessen an
der Auslandshilfe pro Kopf, bereit sein, sich selbst zu besteuern,
damit die Millionen, die aus dicht besiedelten Deltaregionen wie
Bangladesh durch Überschwemmungen vertrieben werden, wieder
angesiedelt werden können?
Der größte Teil der
Dritten Welt will, dass die Erste Welt die Umweltkatastrophe zugibt,
die sie geschaffen hat, und die Verantwortung für ihre
Beseitigung übernimmt. Sie protestiert zu Recht gegen die
Auffassung, dass diejenigen die größte Last bei der
Anpassung an das Anthropozän tragen sollen, die am wenigsten zu
den Emissionen beigetragen und die geringsten Vorteile aus 200 Jahren
Industrialisierung gezogen haben.
In einer nüchternen
Studie, die jüngst von der National Academy of Science der USA
veröffentlicht wurde, hat ein Forscherteam versucht, die
Umweltkosten der ökonomischen Globalisierung seit 1961 zu
berechnen - für Entwaldung, Klimawandel, Überfischung,
Zerstörung der Ozonschicht und Expansion der Landwirtschaft. Sie
kommen zu dem Schluss, dass die reichsten Länder, die für
42 Prozent der Schäden verantwortlich sind, nur 3% der daraus
entstehenden Kosten tragen.
Radikale Kräfte im Süden
verweisen zu Recht auf eine weitere Schuld. Seit dreißig Jahren
sind die Städte in den Entwicklungsländern rasant gewachsen
- ohne entsprechende Investitionen in Infrastruktur, Wohnung und
Gesundheit. Zu einem großen Teil war dies die Folge der
Auslandsschulden der Diktatoren, der erzwungenen Zahlungen an den
IWF, der Ruinierung des öffentlichen Sektors wegen der
"Strukturanpassungsprogramme" der Weltbank.
Laut UNO
leben derzeit mehr als eine Milliarde Menschen in Slums; ihre Anzahl
soll sich bis 2030 verdoppeln. Ebenso viele oder mehr suchen ihr
Auskommen im sog. informellen Sektor (ein Euphemismus der Ersten Welt
für Massenerwerbslosigkeit). Beim gegenwärtigen
demografischen Trend wird die städtische Weltbevölkerung in
den nächsten vierzig Jahren um 3 Milliarden zunehmen (90 Prozent davon
in armen Städten) - und absolut niemand hat eine Vorstellung
davon, wie ein Planet von Slums mit wachsenden Nahrungsmittel- und
Energiekrisen für ihr biologisches Überleben sorgen kann,
geschweige für ihre unvermeidliches Streben nach Würde und
elementarem Glück.
Wem dies übertrieben apokalyptisch
scheint, der sollte berücksichtigen, dass die meisten
Klimamodelle voraussehen, dass die Ungleichheit entschieden zunimmt.
Einer der Pioniere der Ökonomie der Klimaerwärmung, William
R. Cline, veröffentlichte kürzlich eine Länderstudie
über die wahrscheinlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die
Landwirtschaft bis zum Ende des jetzigen Jahrhunderts. Die
optimistischsten Simulationen ergeben einen Rückgang der
landwirtschaftlichen Produktion in Pakistan um 20 Prozent, in Nordwestindien
um 30 Prozent - ebenso in einem großen Teil des Mittleren Ostens, des
Maghreb, der Sahelzone, Südafrikas, der Karibik und Mexikos. Das
bedeutet die Verwüstung der landwirtschaftlichen Systeme. In 29
Entwicklungsländern wird die Produktion wegen der Klimaerwärmung
um 20 Prozent oder mehr zurückgehen, während die Landwirtschaft im
schon reichen Norden wahrscheinlich um durchschnittlich 8 Prozent zunehmen
wird.
Im Licht solcher Studien ist die rücksichtslose
Konkurrenz unter den Energie- und Nahrungsmittelmärkten durch
die internationale Spekulation mit Rohstoffen und Agrarland nur ein
schwaches Vorzeichen für das Chaos, das sich aus dem
Zusammentreffen von Ressourcenverknappung, hartnäckiger
Ungleichheit und Klimawandel ergibt und bald exponentiell zunehmen
kann.
Die wirkliche Gefahr ist, dass die menschliche Solidarität
dabei selbst wie ein westantarktisches Eisschelf in tausend Stücke
auseinanderbricht.
Zum Autor:
Mike Davis
ist Autor, Historiker und Sozialist. Er lehrt am Department of
History an der University of California in Irvine (USA). Zuletzt auf
deutsch erschienen ist sein Buch "Planet der Slums",
Assoziation A, 248 Seiten, 20 Euro.
Zum Text:
Veröffentlichung
auf marx21.de mit freundlicher Genehmigung von SoZ
- Sozialistische Zeitung.
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