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13.12.08: Griechenland |
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Panos Garganas berichtet aus Athen über
die anhaltende Protestwelle gegen die konservative Regierung.
 Studierende und Schüler führen die Proteste an. (Foto: murplej@ne / flickr.com) Studentische Boykotts, Massenproteste
und Streiks: Die wütende Antwort der Bevölkerung auf den Mord eines
15-jährigen Jungen durch die Athener Polizei letzten Samstag lässt
die konservative Regierung wanken. Die Polizei erschoss Alexandros
Grigoropoulos im Stadtteil Exarchia der griechischen Hauptstadt am
Samstag Abend. Der Mord hat den ohnehin vorhandenen Groll unter
Arbeitern und Studenten wegen der neoliberalen Wirtschaftspolitik der
Regierung weiter angefacht. Es brachen spontane Proteste aus, als
sich die Nachricht verbreitete. Die Polizei griff die Demonstranten
an und die Menschen verwüsteten das Stadtzentrum.
Falsches Bild in den Medien
 Die Wut auf die Regierung hat die gesamte Bevölkerung ergriffen. (Foto: murplej@ne / flickr.com) Die internationalen Medien rückten vor
allem die Ausschreitungen in den Vordergrund und ignorierten
weitgehend die Massenbewegung, die durch Griechenlands Straßen und
Betriebe fegt. Ihr ist nämlich eine erfolgreiche Mobilisierung gegen
die Regierung gelungen. Es finden große Demonstrationen im
ganzen Land statt. Die Menschen fordern den Rücktritt des
Innenministers und die Bestrafung der verantwortlichen
Polizeibeamten. An über 100 Orten boykottierten die
Schüler den Unterricht und gingen auf die Straße, um vor
Polizeirevieren zu protestieren. Die Atmosphäre glich der im März
2003, als zehntausende junge Menschen spontan aus den Schulen
strömten, um gegen den Irakkrieg zu demonstrieren.
Die Wut hat die gesamte Bevölkerung
ergriffen. Am Montag Abend beteiligten sich über 40.000 Menschen an
einer Demonstration, zu der die antikapitalistische Linke aufgerufen
hatte. Zeitgleich fand eine getrennte
Demonstration statt, zu der die griechische Kommunistische Partei
aufgerufen hatte. Es beteiligten sich aber so viele Menschen, dass
beide Demonstrationszüge zusammen flossen. Die Regierung verfolgt eine klare
Strategie: Die Demonstrationen wurden brutal angegriffen, damit diese
in Krawalle ausarten. Sie hat die Schulen schließen lassen, um so
die Menschen daran zu hindern, zusammen zukommen.
 Polizisten versuchen, mit Gewalt die Demonstrationen aufzulösen. (Foto: murplej@ne / flickr.com) Die Polizei beschoss die Demonstration
am Montag Abend mit Tränengas, Rauch- und Knallgranaten, um die
Teilnehmer auseinander zutreiben. Große Gruppen junger Menschen gerieten
danach in Straßenschlachten mit der Obrigkeit. In anderen Städten
Griechenlands spielte sich ähnliche Szenen ab. Die Regierung erhofft sich davon eine
Abwendung der öffentlichen Meinung von den Randalierern und eine
Beruhigung der Lage. Aber die Arbeiter und die Studenten haben die Initiative an sich gerissen und die Regierung weiter unter Druck
gesetzt. Es kam zu Arbeitsniederlegungen in
verschiedenen städtischen Behörden am Montag, als sich die Arbeiter
an Massenveranstaltungen beteiligten und Solidaritätsresolutionen
mit den jungen Menschen in ihren Auseinandersetzungen mit der Polizei
verabschiedeten. Die Lehrergewerkschaften an Grund- und
weiterführenden Schulen streikten am Dienstag dieser Woche, dem Tag
von Alexandros Beerdigung, um den Schülern die Gelegenheit zu geben,
daran teilzunehmen. Die Gewerkschaft der Hochschuldozenten rief zu
einem dreitägigen Streik ab Montag dieser Woche aus.
Studierende
Hochschulstudenten kämpfen bereits
seit längerer Zeit an vorderster Front gegen die Regierungspläne
zur Privatisierung des höheren Bildungswesens. Letzte Woche wurden
die Hochschulen für drei Tage besetzt - eine Fortsetzung der
Bewegung, die Griechenland vor 18 Monaten erfasste. Am Mittwoch
riefen die Gewerkschaften zu einem Generalstreik auf, um gegen einen
Staatshaushalt zu protestieren, der 28 Milliarden Euro Geschenke für
die Banken vorsieht.
Das Ganze braut sich zu einem
explosiven Gemisch für die sehr unpopuläre Regierung zusammen. Diese hat sich immer noch nicht von
einer Reihe Skandale erholt - darunter der erzwungene Rücktritt
von zwei Ministern wegen ihrer Rolle in Immobiliengeschäften
zwischen dem Staat und dem vermögenden Klostertum.
Vor einem Jahr hatte die Regierung
vorgezogene Wahlen organisiert, um einer Welle von studentischen
Besetzungen gegen ihre Bildungspläne den Wind aus den Segeln zu
nehmen. Sie erzielte eine hauchdünne Mehrheit und hoffte, sie wäre
somit aus dem Schneider. Aber jetzt steckt die Regierung noch
tiefer im Schlamassel.
Die für den Mord von Alexandros
verantwortlichen Polizeibeamten wurden verhaftet und die Regierung
hat versprochen, dass sie bestraft werden. Anfänglich hatte sie
versucht, die Ermordung zu vertuschen. Die Polizei behauptete, sie
wäre angegriffen worden und hätte lediglich einen Warnschuss
gegeben, der aber abgeprallt sei und dabei Alexandros traf. Es sind
aber zu viele Augenzeugen, die sagen, es war ein gezielter Schuss.
Regierungskrise
 Arbeiter fordern den Rücktritt der Regierung. (Foto: mafaldaQ / flickr.com) Die Regierung musste gegen die Polizei
vorgehen, um die Lage zu beruhigen. Die Stimmung ist dermaßen
wutentbrannt, dass sogar Ladenbesitzer, deren Schaufenster
eingeschmissen wurden, ihre Anteilnahme bekundeten mit Kommentaren
wie: "Jetzt ist nicht die Zeit, über Entschädigung zu reden, da
ein Jugendlicher gerade sein Leben verloren hat." Als Antwort auf die wachsende Krise hat
die Regierung eine Reihe Kürzungen öffentlicher Dienstleisungen,
eine Rentenreform und weitere Privatisierungen beschlossen. Die wachsende Wut der Arbeiter, verursacht durch Arbeitsplatzverluste und hohe Inflation, war der Anlass für den Generalstreik
dieser Woche. Der griechische Gewerkschaftsdachverband steht unter
Druck, etwas gegen die Betriebsschließungen und die Privatisierung
zu unternehmen. Das Parlament stimmt in der Woche vor Weihnachten
über den Haushalt ab, der Milliarden Euros für die Banker enthält. Die Gewerkschaften rufen zu Streiks und
Demonstrationen auf - die Protestwelle wird bis Weihnachten
anhalten und wahrscheinlich bis ins neue Jahr übergehen.
Die
Staatsverdrossenheit hat eine lange Tradition. Eine von den USA
unterstützte Militärjunta beherrschte das Land von 1967 bis 1974.
Die studentische Revolte von 1973 verwandelte sich schnell in einen
allgemeinen Aufstand gegen das Regime, dem es nicht lange Stand
hielt. Seit 2004 erleben wir eine Welle von Kämpfen gegen die
konservative Regierung unter Kostas Karamanlis. Befristet angestellte
Arbeiter haben für die Umwandlung ihrer Jobs in unbefristete
Arbeitsverhältnisse demonstriert. Diese und die Ereignisse dieser
Woche haben die Regierung geschwächt. Die Dinge fallen auseinander
in den höheren Etagen der Gesellschaft, während die Menschen in den
unteren Etagen in kämpferischer Stimmung sind.
(Aus dem Englischen von David Paenson)
Über den Autor:
Panos Garganas ist Sozialist und lebt
in Athen.
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