Zum ersten Mal seit Jahrzehnten reagieren Arbeiter in den
USA auf ihre Entlassung mit einer Fabrikbesetzung: Erfolgreich, wie Lee Sustar
aus Chicago berichtet.
Mit einer Demonstration im Bankenviertel von Chicago machten die Beschäftigten auf sich aufmerksam. (Foto: ueunion / flickr.com)
Die US-Zeitungen brachten es auf ihre Titelseiten, Gewerkschafter und
Aktivisten im ganzen Land ließen sich davon inspirieren: Der Arbeitskampf der
Beschäftigten bei "Republic Windows and Doors". Die Firma produziert
Energiespartüren und Fenster. Sie sollte dichtgemacht werden. Entgegen der gesetzlichen Vorschriften wurden die 300 Arbeiter erst drei
Tage vor Schließung davon unterrichtet - ohne Auszahlung der Ansprüche der
Belegschaft.
Um das Unternehmen zu zwingen, seinen
Verpflichtungen nachzukommen, beschlossen die Arbeiter, nach der
Produktionseinstellung am 5. Dezember an Ort und Stelle im Betrieb
zu bleiben.
Erfolgreiche Besetzung
Die Arbeiter entschieden sich, den Betrieb zu besetzen. (Foto: ueunion / flickr.com)
Durch ihre Entscheidung, den Betrieb zu besetzen -
eine Taktik der Arbeiterbewegung in den 1930er Jahren, die aber
zwischenzeitlich vollkommen in Vergessenheit geraten ist - stießen
die Arbeiter eine Solidaritätsbewegung an. Sie zwangen eine der
größten US-amerikanischen Banken dazu, zwei Monatslöhne und
Gesundheitsleistungen zu zahlen, obwohl sie gesetzlich dazu nicht
verpflichtet gewesen wäre. Aber die "Bank of America" und andere
Gläubiger zahlten zwei Millionen Dollar Abfindung, Urlaubsgeld und
Krankenversicherungsbeiträgen. Ein voller Sieg für die
Gewerkschaftsmitglieder. Dementsprechend fiel der Beschluss, die
sechstägige Betriebsbesetzung zu beenden, einstimmig. "Wir
fühlen uns großartig", sagte der müde aber lächelnde Armando
Robles, Präsident von "United Electrical, Radio and Machine Workers
(UE)", Bezirk 1110. Melvin Maclin, Vizepräsident des Bezirks, stimmte
zu: "Es ist toll. Ich fühle mich als Mensch wahrgenommen.
Alle sind überglücklich. Es ist ein bedeutendes Ereignis, weil es
Arbeitern überall zeigt, dass wir sehr wohl eine Stimme in dieser
Wirtschaft besitzen. Weil wir das Rückgrat dieses Landes sind. Es
sind nicht die Manager. Es sind die arbeitenden Menschen."
"Siehst du das Schild da oben? Ohne uns würde da nur 'Republic'
stehen, denn wir sind es, die die Fenster und Türen bauen! Das
zeigt, dass wir kämpfen können, und kämpfen müssen."
(Video der Besetzung)
Was als resoluter Akt einer Gruppe von 250 Arbeitern begonnen hatte, wurde schnell zu einem nationalen Symbol von Arbeiterwiderstand in einer krisengeschüttelten Wirtschaft. Viele hunderte Gewerkschaftsmitglieder und -sekretäre, nicht nur aus Chicago selbst, sondern aus dem Midwest, besuchten die Republic, um sich solidarisch zu zeigen und dringend benötigte Lebensmittel und Geldspenden vorbeizubringen.
Katalysator
Unterstützung für die Republic kam
aber auch von außerhalb der organisierten Arbeiterbewegung. Der
Widerstand wirkte wie ein Katalysator für die Wut der Bevölkerung
wegen des 700 Milliarden US-Dollar schweren Rettungspakets für Wall
Street. Obwohl die "Bank of Amerika", Republics wichtigster Gläubiger,
ansteht, um 25 Milliarden Dollar Steuergelder in Empfang zu nehmen,
sah sie sich nicht in der Lage, die 60 Tage Lohnfortzahlung zu
gewähren, die den Arbeitern nach dem Bundesgesetz (WARN) im Fall
einer Betriebsschließung ohne die vorgeschriebene zweimonatige
Vorankündigung zusteht.
Hunderte zeigten sich solidarisch und spendeten Lebensmittel und Geld. (Foto: ueunion / flickr.com)
Demokratische Politiker, angefangen mit
dem zukünftigen Präsidenten Barack Obama, bis hin zu Chicagoer
Stadtsräten, gerieten unter Druck, ihre Unterstützung für den
Kampf zu äußern.
Auch die Presseberichterstattung war davon
betroffen. Ausnahmsweise warf sie nicht nur ein Licht auf die
Beweggründe des Arbeiterkampfes, sondern fokussierte auch auf den
Arbeitgeber. Die "Chicago Tribune" berichtete, dass der
Hauptanteilseigner der Republic, Rich Gillman, im Kauf einer nicht
gewerkschaftlich organisierten Fensterfabrik in Iowa verwickelt war,
um dorthin die Produktion zu verlagern. Journalisten brachten auch
Beweise ans Tageslicht, dass die "Bank of America" wiederholt
Forderungen nach Ausweitung der Kreditlinie an die Republic abgelehnt
hatte, obwohl sie selbst durch die staatliche Rettungsaktion über
genügend frisches Geld verfügte. Als die Gewerkschaft beschloss,
am 10. Dezember eine Kundgebung gegen die "Bank of America" zu
organisieren, war die Resonanz daher groß: etwa 1000 Menschen kamen
trotz der Kurzfristigkeit der Ankündigung. "Da wir uns hier mitten im
Bankenviertel befinden, lasst uns ein paar
Berechnungen
anstellen", sagte Pastor Gregory Livingston von Rainbow/PUSH.
"Die Bank of America hat 25 Milliarden Dollar erhalten. Wieviel
die Arbeiter von Republic? Nichts."
"Deshalb sind wir
auch hier, inmitten des Finanzsektors, da, wo das Geld liegt. Das
Volk arbeitet, nun ratet mal, wessen Geld auf den Bankkonten hier
liegt? Wessen Geld wird vermarktet? Wessen Geld landet in deren
Taschen? Es ist unser Geld."
Arbeitermacht
Der Streik: Ein Hauch von Arbeitermacht. (Foto: karaeo / flickr.com)
Was aber an den Streikposten
bemerkenswert war, war weniger die Wut gegen die Banken, sondern das
spürbare Gefühl von Arbeitermacht. Mitglieder von rund einem Dutzend Gewerkschaften waren anwesend, studentische Gruppen,
Sozialisten und Bürgerinitiativen, die allesamt vom mutigen
Vorgehen der Republic-Arbeiter angetan waren.
Larry Spivack,
Regionaldirektor von AFSCME, Rat 31, fasste die Stimmung in seiner
Rede zusammen: "Schaut um euch um", sagte er ins
Publikum, bezogen auf die Finanzinstitutionen ringsherum. "Wer
hat all diesen Reichtum geschaffen?", fragte er. Worauf die
Menge skandierte: "Wir waren's!" "Wer hat die Macht?"
"Wir sind's!" Spicack fuhr fort: "Dies ist erst der
Beginn. Wie der Kampf in Haymarket 1886 bloß ein Anfang war",
womit er den Kampf um den Achtstundentag in Erinnerung rief. Er
schloss mit den Worten: "Alle Macht den Arbeitern!"
Wenige
Stunden später, wieder in den Werkshallen der Republic zurück, und
nachdem sie sich die Klauseln der neuen Vereinbarung angehört
hatten, kam der Bundesleiter der UE zu einer
ähnlichen Schlussfolgerung: "Die Bedeutung dieses Kampfes
für die Arbeiterbewegung zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo
Millionen amerikanische Arbeiter mit immer schlimmeren
wirtschaftlichen Turbulenzen und immer dreisteren Beispielen von
Ungerechtigkeit konfrontiert werden, liegt darin, dass es eines
klaren Symbols des Widerstandes bedurfte. Die Arbeiter der Republic
stehen an vorderster Front dieses Widerstandes. Sie personifizieren
die Herausforderung, vor der die Arbeiterklasse in der
gegenwärtigen Wirtschaftslage steht. Sie symbolisieren aber auch die
Hoffnung, dass wir Ungeahntes erreichen können, wenn wir als
Arbeiter nur zusammenhalten, zusammen kämpfen und bereit sind, bis
zum äußersten zu gehen. Ihr Sieg kommt zu einem Zeitpunkt, wo
die Arbeiterbewegung ihn braucht."
(Aus dem Englischen
von David Paenson)
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