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"Die Mafia ist ein Gewinner der Globalisierung" |
Tom Behan ist Autor eines Buches über die italienische Camorra. marx21 sprach mit ihm über Mythos und Realität der berühmtesten kriminellen Vereinigung der Welt.
marx21: Filme und Bücher über die Mafia kommen gut an, wie der Dauerbrenner „Der Pate", der Bestseller „Cosa Nostra" und derzeit der Film „Gomorrha" zeigen. Woher kommt dieses Interesse an einer kriminellen Vereinigung?
Tom Behan: Schon immer waren Menschen fasziniert von Outlaws, Leuten die sich gegen die Institutionen und das Gesetz stellten. Robin Hood ist eine mythische Figur, Billy the Kid ebenso und auch die Mafia-Paten. Ich glaube, gerade Menschen aus der Arbeiterklasse freuen sich, wenn „denen da oben" ein Schnippchen geschlagen wird - je intelligenter und ausgebuffter, desto besser. Filme, in dem der ganz große Bank- und Casinoraub durchgezogen wird, beziehen daraus ihre Attraktivität. Oft sind das oft auch gut gemachte Filme - wir sollten uns nur von der Vorstellung lösen, dass diese romantisierten Inszenierungen die reale Mafia zeigen. „Gomorrha" ist da mit seiner harten Darstellung näher dran.
Filme wie „Der Pate" zeigen die Mafia als eine brutale, aber doch ehrenvolle Vereinigung - fast wie einen Ritterorden. Ist das die Realität?
Nein, absolut nicht. Die Realität der italienischen Mafia sieht anders aus. Vor einigen Wochen fuhr in einer Kleinstadt nahe Neapel ein Killerkommando vor einer von Afrikanern betriebenen Schneiderei vor. Sie feuerten 130 Geschosse in den Laden, sechs Menschen starben. Der Camorra-Clan der Casalesi gilt als sicherer Auftraggeber dieser Morde. Das Motiv ist unklar, viele Afrikaner vermuten und befürchten, dass sich die Camorra zum Vollstrecker der Anti-Immigrationskampagne der Berlusconi-Regierung machen will. Sie wollen so die rechtesten Elemente der Gesellschaft auf ihre Seite zu ziehen.
Wie ehrenhaft ist das?
Natürlich gibt es unterschiedliche Ebenen. Der Jugendliche, der an der Ecke steht und pfeift, wenn die Polizei kommt, ist nur ein winziges Rädchen im System. Ebenso jemand, der einen von der Polizei Gesuchten eine Nacht bei sich versteckt. Aber auf der mittleren und oberen Ebene der Mafia haben wir es mit Leuten zu tun, die ihre Freunde umbringen oder auch ihre Verwandten, wenn diese als nicht mehr zuverlässig gelten. Wir reden von Menschen, die ihr Geld damit verdienen, Giftmüll in der Natur abzuladen oder die afrikanische Flüchtlinge bei Schleuseraktionen auf überfüllten Booten verhungern und verdursten lassen. Das ist nicht glamourös. Die Vorstellung, dass Leute sich aus Ehrgefühl der Mafia anschließen, ist lächerlich. Die Gründe hierfür sind viel handfester, profaner.
Was sind denn die Gründe? Der Film „Gomorrha" zeigt zwar, wie die Camorra das Leben in Süditalien komplett durchdringt - offen bleibt aber, warum Leute überhaupt mitmachen.
Der Film, wie das Buch auch, wurde von einem Italiener für ein italienisches Publikum gemacht - da sind große Erklärungen nicht nötig. Jeder in Italien kennt die gesellschaftlichen Verhältnisse in Süditalien: Dort gibt es Gegenden mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 60 bis 70 Prozent - höher als im Gaza-Streifen und in der Westbank. Für junge Leute gibt es keine Zukunft, keine Hoffnung und das schon seit Generationen. Langzeitarbeitslose erhalten in Italien fast überhaupt nichts vom Staat. Die Menschen stehen vor der Alternative: Am Existenzminimum leben oder für die Mafia arbeiten. In manchen Gegenden sind die von Camorra, Cosa Nostra und 'Ndrangheta kontrollierten Betriebe die größten, manchmal sind sie sogar die einzigen Arbeitgeber. Menschen bekommen Arbeit und Respekt - damit steigt auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Mafia. Ohne den Zusammenbruch der sozialen Strukturen in Süditalien gäbe es das Phänomen Mafia so nicht. Aber jetzt ist sie da und wirkt auf die politischen Strukturen zurück.
Wie meinst du das?
Leuten, die direkt bei der Mafia arbeiten oder in Betrieben, die der Mafia gehören, wird vor Wahlen gesagt, für wen sie abzustimmen haben. Viele tun das - aus Angst, den Job zu verlieren oder weil sie die Unterschiede zwischen den verschiedenen Politikern eh nicht sehen. Die Mafia kontrolliert zwar nicht die süditalienische Politik, aber über ihren Stimmblock kann sie oftmals durchsetzen, dass der korrupte, mafiafreundliche Politiker gewählt wird, und nicht der ehrliche. So münzt sie ihre ökonomische Macht in politischen Einfluss um.
Wie ist die starke Stellung der Mafia in Süditalien historisch zu erklären?
Die italienische Einigung 1861 und der darauf folgende Aufbau zentralstaatlicher Strukturen fanden im Wesentlichen in Norditalien statt - der italienische Staat war und ist im Süden schwach. Dadurch entstand eine Autoritätslücke, die durch die Mafia gefüllt wurde. Und nachdem die Mafia sich etabliert hatte, ließ der Staat sie gewähren, weil sie auch für die Herrschenden eine wichtige Funktion erfüllt - sie ist eine Art Sicherheitsventil, das Unmut und Protest von der herrschenden Klasse Italiens fernhält.
Wieso gewähren? Tatsache ist doch, dass der italienische Staat Razzien durchführt und die Mafia verfolgt.
So eindeutig ist die Sache nicht. Es gibt in der italienischen Politik keinen einheitlichen Ansatz zum Umgang mit der Mafia. Ja, es gibt Politiker, Juristen und Polizisten, die gegen die Mafia kämpfen - aus ethischer Überzeugung oder auch weil die Existenz einer umfassenden gesellschaftlichen Autorität parallel zum Staat die Idee von staatlicher Autorität insgesamt in Frage stellt.
Doch auf der anderen Seite haben sich sehr viele Akteure in Politik und Justiz mit der Mafia arrangiert. Zum einen, weil sie bestochen werden. Zum anderen aber, weil die Mafia ein politisches System etabliert hat, das den Herrschenden nützt. Die Kennzeichen sind Klientelismus und Patronage. Wenn jemand ein Problem hat, spricht er bei der örtlichen Lokalgröße vor. Diese verspricht dann, ihren Einfluss geltend zu machen, verlangt aber Gegenleistungen - sofort oder in Zukunft. So entsteht ein System von Abhängigkeiten und Gefolgschaft auf persönlicher Basis. Die Mafia ist dafür die Schnittstelle.
Wo individuelle Beziehungen die Politik beherrschen, da kann sich kollektive Interessenvertretung schwer entfalten. Obwohl die soziale Situation viel schlimmer ist als im Norden, hat der Süden nie eine starke Arbeiterbewegung oder anders geartete Protestbewegung erlebt. Als Ende der 1960er und in den 1970er Jahren eine Streikwelle nach der anderen durch Italien rollte, blieb es im Süden relativ ruhig, weil der Unmut durch das Patronage-System kanalisiert wurde. Das meine ich mit dem Bild des Sicherheitsventils für die herrschende Klasse.
Die Mafia scheint ländlich, starr und archaisch zu sein. Wie richtet sie sich im globalen Kapitalismus ein?
Prächtig. Die Deregulierung der Finanzmärkte, die Öffnung neuer Märkte, die Spekulation hat der Mafia - eigentlich der organisierten Kriminalität insgesamt - den Sprung zum ökonomischen Global Player ermöglicht. Das organisierte Verbrechen ist ein Gewinner der Globalisierung. Wir leben in einer Welt, in der Banker ohne effektive Aufsicht Milliardenpakete von Finanzprodukten verschieben, von deren Wirkung sie keine Ahnung haben. Da ist es natürlich einfach, „dreckiges Geld" zum Beispiel aus Drogengeschäften in „sauberes Geld" - in Immobilienfonds, Unternehmensbeteiligungen oder ähnliches - zu verwandeln. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 20 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts aus kriminellen Aktivitäten stammen. Ob das so genau stimmt oder nicht - die Summen sind jedenfalls gigantisch.
Die Mafia selbst war immer flexibel und hat sich schnell auf neue Geschäftsfelder bewegt, wenn hohe Profite lockten. Kerngeschäft waren immer Drogen, Glücksspiel und die über Korruption sichergestellten Gelder aus öffentlichen Bauprojekten. In den letzten Jahrzehnten hat sich dazu die illegale Müllentsorgung zu einem Riesengeschäft entwickelt. Unternehmer, die nicht für Giftmüllentsorgung zahlen wollen, wenden sich an die örtliche Mafia, die den giftigen Dreck in Kiesgruben oder einfach auf die nächste Wiese kippt. So schafft der Konkurrenzdruck der Unternehmer neue Möglichkeiten für die Mafia.
Ein anderes Beispiel für das Verhältnis von globalem Kapitalismus und Mafia: Afrika wurde in den letzten Jahrzehnten von neoliberaler Politik verwüstet und durch Bürgerkriege zerstört, die oft genug von westlichen Staaten geschürt worden sind. Deshalb versuchen Flüchtlinge, von der nordafrikanischen Küste übers Mittelmeer nach Europa zu kommen. Und wer steht da mit Booten und organisiert, gegen reichliche Bezahlung natürlich, die Überfahrt - die Mafia.
Was glaubst du, wie die Mafia besiegt werden kann?
Zwei Dinge haben die Mafia möglich und groß gemacht: Die soziale Katastrophe in Süditalien und die Funktionsweise des globalen Kapitalismus, mit seiner Orientierung, mit allen verfügbaren Mittel Profite zu machen. So lange diese Strukturen bestehen bleiben, wird es die Mafia geben
Zur Person:
Tom Behan lehrt Italienisch und Italienische Geschichte an der Universität Kent in Großbritannien.
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