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Arno Klönne über den Film "Operation Walküre", die Wahrheit über den Widerstand am 20. Juli 1944 und die Enttabuisierung des Militärischen
 Arno Klönne ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paderborn und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Er schreibt regelmäßig für marx21. Die Affäre spielt sich ab wie absurdes Theater: Scientology-Cruise mimt Claus von Stauffenberg, und besorgte Medien fragen, ob der Star im Film denn mit jener freiheitlich-demokratischen Grundordnung übereinstimme, mit der den Hauptakteur in der historischen Realität gar nichts verband. Aber solche Zweifel werden den Publikumserfolg von "Operation Walküre" nicht mindern - die meinungsbildende größte deutsche Tageszeitung ist zu dem Urteil gekommen, da laufe ein Film "für die ganze Familie, über Mut, Ehre, Anstand und einen deutschen Helden".
Haben die Männer des 20. Juli 1944 endlich die rechte Würdigung gefunden? Nun hat es, was die handelnden oder auch nicht handelnden Personen angeht, „den" 20. Juli als halbwegs geschlossene Widerstandsaktion nie gegeben. Es bestand vielmehr ein lockeres Netz von Kontakten, teils unverbindlichen Gesprächen, teils konspirativen Verabredungen mit vielen halbherzig Beteiligten, manchen abwartenden und einigen entschlossenen Akteuren, die an Hitlers Politik etwas auszusetzen hatten und die Deutschland lieber ohne diesen Führer gesehen hätten. Wie man diesen los werden könnte und was nach Hitler folgen sollte, darüber gab es unter den Mitwissern und Aktivisten keine Einigkeit. Allerdings hatte der 20. Juli in der Gesamtgeschichte der deutschen Opposition gegen das Nazi-Regime seine Besonderheit: Es waren etliche professionelle Militärs beteiligt, was dann auch dazu führte, dass dieses Unternehmen später als "Aufstand der Offiziere" gelobt wurde - fälschlicherweise, denn nicht "die" Offiziere waren es, denen an der Beseitigung Hitlers gelegen war. Die große Mehrheit des Offizierskorps tat vielmehr seine Dienste für den Oberbefehlshaber Hitler bis zum bittereren Ende des Krieges.
Nach 1945, in den Gründerjahren der Bundesrepublik, galt der 20. Juli den politisch tonangebenden Kräften der westdeutschen Gesellschaft erst einmal als suspekt, mit „Eidbrechern" mochte man sich nicht anfreunden. Das änderte sich im Zuge der Remilitarisierung. Nun bot sich eine Heldenlegende als Legitimation für die Wiederverwendung der Militärkaste aus hitlerdeutschen Zeiten an: Mit dem 20. Juli, so wurde die Geschichte gedeutet, habe sich die traditionelle deutsche Militärelite als eigentlicher Träger des Widerstandes gegen das Nazi-Regime erwiesen, beseelt von „soldatischen Tugenden" und geprägt von "preußischem Geist". Freilich hätten die "politisch unerfahrenen" hohen Offiziere einige Zeit gebraucht, um die Gefährlichkeit des „böhmischen Gefreiten" zu durchschauen. So sei der späte Zeitpunkt ihres Aufbegehrens erklärbar.
Die deutsche Militärkaste als Hort des Widerstandes gegen das Hitler-System? Rigoroser lässt sich Geschichte kaum fälschen. Die militärische Machtelite im Deutschland nach 1918 war wesentlich daran beteiligt, die demokratischen Chancen der jungen Weimarer Republik zunichte zu machen, ideologisch und praktisch. Sie wollte - angeblich im Ersten Weltkrieg "militärisch unbesiegt" - die viel beschworene "Schmach von Versailles" tilgen. Den meisten hohen Militärs waren die Deutschnationalen lieber als die "plebejischen" Nazis, aber auch mit denen bestand Einigkeit darin, dass ein autoritärer Staat errichtet, die "Marxisten" unterdrückt, die Wiederaufrüstung angebahnt und Revanche für die Kriegsniederlage vorbereitet werden müssten.
1933/34 entstand ein festes Bündnis zwischen Militärkaste und NSDAP. Im März 1933 wurde beim "Tag von Potsdam" die Koalition von Nazismus und "Preußentum" demonstrativ zur Schau gestellt. Im Juni 1934 nahm die Militärkaste sogar die staatliche Ermordung von zwei eigenen Repräsentanten klaglos hin, weil Hitler dem alten Militär den Vorrang gegenüber der SA-Miliz gab. Kurz darauf wurden die Streitkräfte auf den Führer vereidigt und die Ziele der Militärkaste wurden mit aller Macht realisiert: Allgemeine Wehrpflicht, Aufrüstung, Wehrerziehung der Jugend. Deutschland wurde wieder kriegsfähig, und den Profimilitärs eröffneten sich prächtige Karrierechancen. Die Wehrmacht, wie die Armee nun hieß, wurde zu einer Säule im Bau des Dritten Reiches.
Beim Weg in den Zweiten Weltkrieg gab es mitunter bei einigen hohen Offizieren Einwände strategischer Art, aber von einer Militäropposition gegen die Grundlinien hitlerdeutscher Politik kann keine Rede sein. Auch die dann am 20. Juli beteiligten Offiziere waren fast ausnahmslos Gefolgsleute der Führung des Dritten Reiches, angetrieben durch "Großmachtwahn und Schwertglauben" (Wolfram Wette), sich einsetzend für den zweiten Griff zur Weltmacht. Und etliche dieser Offiziere beteiligten sich an den Kriegsverbrechen der Nazis. Ihre Neigungen zum Putsch gegen Hitler hingen nicht zuletzt damit zusammen, dass sie den Krieg nun nicht mehr für gewinnbar hielten. Ohne den „Führer", so dachten sie, würde sich ein Arrangement mit den Gegnern im Westen finden und so denn doch ein zurechtgestutztes "Großdeutschland" erhalten lassen. Ihrer Ideenwelt nach waren sie alles andere als Demokraten oder gar Friedensfreunde.
Beim bundesrepublikanischen Umgang mit Geschichte hatte und hat immer noch die Legende vom "preußischen Widerstand" ihre didaktische Funktion - verzerrend und fälschend. Sie lässt das Aufbegehren gegen das Nazi-Regime als spezifisches Verhalten und zugleich Privileg von "Höhergestellten" erscheinen, von Angehörigen der Oberschicht. Im Erinnerungsdiskurs wird damit die historische Wahrheit an den Rand gedrängt: Dass Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft ganz überwiegend und in großer Zahl von Menschen "von unten" kam, vornehmlich aus der Arbeiterbevölkerung, und zwar von Beginn des Dritten Reiches an unter dem Slogan "Hitler bedeutet Krieg". Und ebenso, dass während der Kriegsjahre, noch zu Zeiten der hitlerdeutschen Erfolge, Opposition gegen die Militärmaschinerie bei nicht wenigen jungen Leuten aufkam, in der Generation, die von der Militärkaste in "soldatische Gesinnung" hineinkommandiert worden war. Auch die Studenten der "Weißen Rose" waren nicht angewiesen auf Ratschläge von Generalstäblern, um zum Widerstand gegen den mörderischen Krieg und die Nazi-Größen aufzurufen.
Das Filmereignis "Operation Walküre" verstellt den Blick auf die geschichtliche Wahrheit. In seiner Wirkung fügt es sich ein in die "Enttabuisierung des Militärischen". Die filmische Heldenlegende ist brauchbar für jene Politiker, die mit subtiler Demagogie eine „Tradition des deutschen Widerstandes" im "Soldatischen" vortäuschen möchten, um so ganz aktuell den Militäreinsätzen der Bundeswehr „Out of Area" höhere Weihen zu verleihen. Das ist nichts anderes als "ethisch" daher kommender Imperialismus.
Zum Autor:
Arno Klönne ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paderborn und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Er schreibt regelmäßig für marx21.
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