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06.07.09: Pop |
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»Michael Jackson hat die Musik für immer verändert« |
Alexander
Billet gräbt das umfassende musikalische Erbe von Michael
Jackson aus, das von seinem oft bizarren Auftreten überschattet
wurde.
Die letzten 15 Jahre im Leben von
Michael Jackson reichen fast, um die wahre Größe dieses
Künstlers zu überdecken. Wir haben miterlebt, wie der gut
aussehende, charmante Popstar so viele Schönheitsoperationen
durchlief, dass er schließlich aussah wie ein moderner Peter
Pan. Wir haben gesehen, wie die Fallen seines beispiellosen Ruhmes
sich in Verhalten niederschlugen, das mehr als bizarr war und mit
exzentrisch noch freundlich beschrieben ist.
Und obendrein gab es die Skandale wegen
Kindesmissbrauchs. Die Medien waren bereit, seinen seltsamen
Charakter irgendwie mit seinem angeblichen Missbrauch von
Minderjährigen in Verbindung zu setzen - wenige waren bereit,
auch die Verbindung zum Missbrauch durch seinen Vater zu ziehen. Das
alles reicht fast, um sein Erbe unter sich zu begraben. Fast, aber
nicht ganz. Darum geht es den Millionen nicht, die jetzt in der
ganzen Welt seinen plötzlichen Tod betrauern. Diese Geschichten
sind nicht der Grund, warum wir Filmaufnahmen von Menschen sehen, die
auf die Nachricht von seinem Tod hin in Tränen ausbrechen.
Mitleidsbekundungen kommen nicht nur von Musik-Ikonen wie Madonna oder
Paul McCartney, sondern auch von Politikern wie Nelson Mandela und
Hugo Chavez. Einen solchen Einfluss kann man nicht einfach dem
Vergessen anheim geben.
Jackson setzte Standards
Über einen Zeitraum von 40 Jahren haben
Michael Jacksons Tanz- und Singstil weltweit Standards gesetzt wie
niemand, wirklich niemand sonst außer ihm. Es wäre schwer,
auch nur einen Menschen zu finden, der nicht mit seiner Musik in
Kontakt gekommen wäre. Die Tatsache, dass philippinische
Gefängnisinsassen das Thriller-Video nachspielen und dies zu
einem Ereignis im Internet werden konnte, ist ein Beleg von vielen
hierfür.
Dreizehn seiner Single-Auskopplungen
wurden zu Nummer Eins-Hits. Insgesamt wurden weltweit 750 Millionen
seiner Alben verkauft. Und wer immer noch Zweifel an Jacksons Erfolg
hat, sollte sich fragen, ob er jemanden kennt, der nicht schon
einmal versucht hat, den Moonwalk zu imitieren. Mehr muss ich wohl
nicht sagen. Soul, Disco, Rock, Pop, R&B und sogar Hip-Hop -
Jackson hat alle diese Stilrichtungen beeinflusst. Im Laufe des
Fortschritts und der Entwicklung seiner 40jährigen Karriere fand
sich Jackson immer wieder in einer Position, wo er den Ton populärer
Musik angab - alldieweil er deren schlimmsten Widersprüche
verkörperte.
Kindheit
1970 führte Motown Records die
Musikindustrie an. Die ersten Singles der »Jackson 5«
festigten diesen Status, indem sie es allesamt an die Spitze der
Billboard Hitliste schafften. Während der Erfolg einer schwarzen
amerikanischen Gruppe unter Zuhörern aller Hautfarben die wachsende
Reife eines Landes unter Beweis stellte, das unter dem Einfluss der
damals sehr lebhaften Black Panther Bewegung (und des beinharten
Marketing des Motown-Vorstandsvorsitzenden Berry Gordy) stand, war es
die jugendliche, fast kindliche Unschuld der Jackson 5, die Massen
von Zuhörern begeisterte.
Im Zentrum dieses Sounds stand
Michael. Obwohl er bereits elf Jahre alt war, gab die Plattenfirma
sein Alter als 8 an, um den Kindchenfaktor zu verstärken.
Michaels außergewöhnliches Talent wurde früh erkannt.
Seine helle Stimme konnte irgendwie die gefühlsmäßigen
Tiefen tragen, die in Songs wie »I want you back« oder
»I' ll be there« steckten und sie von
Allerweltsliebesliedern absetzten. Indem die Jackson 5 die Hitlisten
eroberten und das Quintett mit plötzlichem Ruhm überrollten,
bekam Michael seine ersten traumatischen Schläge in der
Musikindustrie ab.
1993 berichtete er zum ersten Mal über
den körperlichen und emotionalen Missbrauch durch seinen Vater
Joe. Joe war selbst früher Musiker gewesen und hatte die Gruppe
in ihren ersten Tagen gemanagt. Er war so versessen auf den Erfolg
der Jungs, dass er die Proben mit einem Ledergürtel in der Hand
in einem Sessel überwachte. Michael berichtete: »Wenn man
es nicht richtig machte, zerriss er einen in der Luft, dann hat er
sich uns wirklich vorgenommen.« Die vielen Aufnahmen und Touren
bedeuteten, dass Michael im Grunde genommen keine eigene Kindheit
erleben konnte. Jahre später beschrieb ihn Smokey Robinson als
»eine alte Seele im Körper eines kleinen Jungen«.
Wurde Michael Jackson seiner Kindheit beraubt? Oder ist er nur
einfach nie erwachsen geworden? Vielleicht beides?
Steigender Stern
In jedem Fall ist klar, dass er zu
einem kranken Mann wurde aufgrund der frühen Geschichte seines
Aufstiegs zu einer Ikone der Musikwelt. Der Einfluss der Jackson 5
verging gegen Ende der 70er inmitten von Problemen ihres Labels und
einer sich wandelnden Musikszene. Während die Gruppe ihren
Abstieg antrat, stieg Michaels Stern jedoch weiter. Der Erfolg seines
ersten Solo-Albums, Off the Wall, von 1979 bezeugte die
außergewöhnliche Begabung von Jackson und seinem Team
von Songwritern. Der glitzernde Disco-Sound war unterlegt mit der
Nüchternheit des Pop und schien zu verstehen, dass der Sound der
70er ausgedient hatte. Off the Wall schrieb Geschichte, indem es als
erstes Album überhaupt vier Top-Ten-Auskopplungen enthielt. Es
verkaufte sich 20 Millionen mal.
In Jacksons Einschätzung jedoch
hatte das Album nicht die Wirkung erzeugt, auf die er gehofft hatte.
Er zielte deshalb darauf, es bei seinem nächsten Versuch noch zu
übertreffen. Es kann nicht bezweifelt werden, dass das
Folgealbum diesen Anspruch erfüllte. Bis heute hat sich Thriller
mehr als 100 Millionen mal verkauft - eine Summe, die die Sprache
verschlägt. Auch wenn man es heute hört, ist es ein
hervorragendes Stück Arbeit, das Elemente des Rock, Soul, Funk
und R&B in sich zu einem einheitlichen Werk musikalischer
Perfektion vereint. Thriller hat bleibende Maßstäbe in
populärer Musik gesetzt. Jeder Trend, der sich in den 80er
Jahren durchsetzte, schuldet seine Existenz diesem Album. Der
klassische Eddie-Van-Halen-Riff in »Beat it« ist zu einem
der Gitarren-Akte mit dem größten Wiedererkennungswerte in
der Welt geworden. Und während im Laufe der 80er Jahre
Pop-Musik sich in synthetischen, klebrigen Wassern verlor, bewiesen
Songs wie »Billie Jean«, dass die Musik noch immer
bissig, kraftvoll, sogar anrüchig sein konnte.
Und dann gab es natürlich den
Titelsong selbst. Das 14-minütige Video Thriller glich eher
einem Kurzfilm als sonst irgendwas und half dabei, das Musikvideo als
Kunstform zu etablieren. Auf seinem Höhepunkt strahlte MTV das
Video zweimal pro Stunde aus, um dem Verlangen seiner Zuschauer
nachzukommen, und so erstand der Kabelsender, der damals noch in
seinen Kinderschuhen steckte, in einem ganz neuen Licht. Es muss
keine Übertreibung sein, zu behaupten, dass MTV ohne Jackson
vielleicht nicht überlebt hätte. Indem er den Rahmen des
Musikvideos erweiterte, ebnete er anderen farbigen Künstlern
den Weg. Vor der Veröffentlichung von Thriller hatte MTV unter
öffentlicher Kritik gestanden, weil es nicht genügend Musik
von schwarzen Künstlern gespielt hatte. Als Jackson sich dieser
Kritik anschloss, sah sich der Präsident von CBS Records, Walter
Yetnikoff, genötigt, die MTV-Manager persönlich vorzuladen
und ihnen zu erklären: »Ich gebe euch keine weiteren
Videos mehr, und ich werde an die Öffentlichkeit gehen und den
Leuten ,Scheiße noch mal, berichten, dass ihr keine Musik von
einem Schwarzen spielen wollt.« MTV gab nach, und der Rest ist
Geschichte.
Dass ein schwarzer Künstler auf
dem Höhepunkt der 80er unter Ronald Reagan zu einem der
beliebtesten werden konnte, ist tatsächlich bemerkenswert.
Reagan lud in einem der surrealistischsten Momente der
Musikgeschichte Jackson 1984 sogar ins Weiße Haus ein.
Schleichender Realitätsverlust
Auf einer tieferen Ebene spielt jedoch
noch ein weiterer Widerspruch eine Rolle. Während Jackson
nämlich musikalisch und gesellschaftlich Breschen schlug, wurde
er selbst in den ultimativen Goldesel verwandelt. Die Musikindustrie
wuchs während der 80er Jahre gewaltig, und während des
größten Teils dieser Zeit war Jackson ihre Galionsfigur.
Es ist daher kein Zufall, dass Jackson auch in den 80ern die ersten
Anzeichen seines exzentrischen und seltsamen Verhaltens zeigte. Mit
Thriller war er in den exklusiven Rang eines Superstars aufgestiegen.
Sein Anwalt, John Branca, brüstete sich, für Jackson mit
zwei Dollar pro verkauftem Album die höchsten Tantiemen aller
Zeiten gesichert zu haben. Das bedeutete nicht nur, dass der Künstler
nun ein Multimillionär war, sondern auch dass er in einer nicht
zu zerstechenden Blase zu leben begann. Jackson begann, sich mit
Menschen zu umgeben, die, wie manche sagten, ihm nie wiedersprachen.
Er machte millionenschwere Anschaffungen. Er kaufte sich einen
Schimpansen namens Bubbles. Gerüchten zufolge schlief er in
einem Sauerstoffzelt und versuchte, die Knochen des Elefantenmannes
zu erwerben. Beide Gerüchte stellten sich als unwahr heraus,
aber die Tatsache, dass Jackson sie selber in die Welt setzte, zeigt,
dass er sich schrittweise von jedem Realitätsbezug
verabschiedete.
Ebenfalls zu jener Zeit begann seine
Hautfarbe sich merklich aufzuhellen. Bis Mitte der 80er war seine
Haut mittelbraun gewesen. Manche haben vermutet, dass er seine Haut
als Ergebnis eines zutiefst verinnerlichten Rassismus bleichen ließ.
Der eigentliche Grund, erklärten seine Sprecher, war, dass er
mit Vitiligo, einer seltenen Hautkrankheit, diagnostiziert worden sei
und deshalb die entstehenden weißen Flecke auf seiner Haut mit
hellerem Make-up ausgleichen musste.
Erschöpfung und Abstieg
Wie dem auch sei, unbezweifelbar machte
der Sänger in dieser Zeit einige wesentliche physische
Veränderungen durch. Jackson brachte seinen Wunsch nach einem
»Tänzerkörper« vor und fing an, merklich
Gewicht zu verlieren. Mediziner erklärten öffentlich, dass
er unter Magersucht und der Körperdysmorphen Störung (KDS),
einer psychisch bedingten Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen,
leide. Als Pop Anfang der 90er durch Grunge und Hip-Hop verdrängt
und Jacksons eigenes Leben von immer neuen Skandalen durcheinander
gewirbelt wurde, musste er sich anstrengen, seinen Platz unter der
musikalischen Avantgarde zu behaupten. Das hinderte ihn nicht daran,
weiterhin Millionen Alben zu verkaufen und weltweit die größten
Stadien zu füllen. Es brachte jedoch seine wachsende
Zurückgezogenheit und Erschöpfung ans Licht der
Öffentlichkeit.
Anfang des neuen Jahrtausends musste
seine geschwächte Stimme immer stärker technisch
unterstützt werden, und seine Auftritte wurden seltener, um
seinen erschöpften Körper zu schonen. Zu der Zeit, als er
sich 2003 zum zweiten Mal wegen Vorwürfen des Kindesmissbrauchs
vor Gericht zu verantworten hatte, hatten viele frühere Fans ihn
bereits aufgegeben. Es ist auf schauerliche Weise symbolträchtig,
dass Jackson als tief verschuldeter Mann zu einem Zeitpunkt aus der
Welt geht, als diese von der schlimmsten Wirtschaftskrise in mehreren
Jahrzehnten heimgesucht wird. Es ist auch tragisch, wenn man bedenkt,
dass Popmusik zum ersten Mal in einem Jahrzehnt wieder anfängt,
interessant zu werden. Ob die lange Reihe von Konzerten, die Jackson
grade für London plante, ihn wieder an die Spitze katapultiert
hätte, bleibt eine Frage, die nicht
mehr zu beantworten ist.
Eines jedoch steht außer Frage:
es wird nie wieder einen Künstler geben, der die musikalische
Entwicklung so wie Michael Jackson beeinflussen wird. Er hat die
Horizonte populärer Musik unermesslich erweitert und ihre
Richtung für immer verändert. Egal, was wir von ihm als
Menschen halten, wir können ihn nicht getrennt von der kranken
Welt betrachten, die ihn hervorgebracht hat. Wir können ebenso
wenig vernachlässigen, dass er durch seine Musik diese Welt zum
Besseren beeinflusst hat - wenn auch nur ein wenig.
Aus dem Englischen von David Meienreis
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