|
 |
 |
 |
 |
| |
Vor 2000 Jahren fand die sagenumwobene Varusschlacht statt. Neil Faulkner über das Römische Reich und die Revolte in seinen Provinzen
Im Jahr 9 nach Christus marschierte der römische General Publius Quintilius Varus mit einer Armee von 25.000 Soldaten in Westgermanien ein. Das Gebiet war bereits fünfzehn Jahre zuvor erobert worden und sollte nun in eine profitable Provinz verwandelt werden. Der Gewalt des imperialistischen Kriegs sollte ein effektives Ausbeutungssystem folgen.
Das Römische Reich war - wie auch die Imperien vor- und hinterher - nicht gerade ein Hort der Menschlichkeit. Die damaligen Meinungsführer sprachen zwar von Frieden, Gesetz und Zivilisation. Die Wirklichkeit hieß jedoch Krieg, Unterdrückung und Plünderung zur Bereicherung einiger weniger. Das Römische Reich war ein System des Raubs und der Gewalt. Es führte Angriffs- und Eroberungskriege, um sich Beute und Sklaven zu sichern und Steuern einzutreiben.
Diese Raubzüge verhalfen der herrschenden Klasse Roms zu unglaublichem Reichtum. Dieser erlaubte ihr, ihre Armee weiter aufzubauen und neue Eroberungskriege zu führen. Zugleich sollte die Bevölkerung durch »Brot und Spiele« ruhig gestellt werden. Archäologen konnten nachweisen, dass es im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christi Geburt - genau zu jener Zeit, als sich das Reich am schnellsten ausdehnte - einen enormen kulturellen Boom gab. Monumentale Gebäude und Luxusvillen schossen aus dem Boden und die Kunst erlebte eine Blütezeit. Das Zeitalter Cäsars, Ciceros und Augustus', das so für seine »Zivilisation« bewundert wurde, war in Wirklichkeit eine Epoche des Kriegs, des Genozids und der ethnischen Säuberung, wie sie Europa bis dahin nicht erlebt hatte.
Zudem war es eine Zeit der extremen Polarisierung zwischen Reichtum und Armut. Das Mehrprodukt floss von den Besiegten zu den Siegern, von den Provinzen nach Rom, vom Land in die Städte und von der Bauernschaft - damals die große Mehrheit der Bevölkerung - zu den Reichen. Es ist kaum verwunderlich, dass dieses System heftigen Widerstand hervorrief.
Die große Ära der Reichsausdehnung war auch die große Ära der Revolten. Gleich dreimal innerhalb von nur 65 Jahren erhoben sich die Sklaven der großen Latifundien auf der italienischen Halbinsel gegen ihre Herren. Der letzte Aufstand, in den Jahren 73 bis 71 vor Christi Geburt, brachte mit Spartakus einen Anführer hervor, den Karl Marx später als den »famosesten Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat« bezeichnet hat.
In den Provinzen kämpften die Ureinwohner unter der Führung traditioneller Stammesführer und religiöser Autoritäten gegen das Imperium. Von 66 bis ins Jahr 136 kam es zu drei großen jüdischen Aufständen. Sie waren inspiriert von radikalen Predigern, die die Reichen stürzen, alle Schulden streichen und das Land an das gemeine Volk verteilen wollten. Auch in anderen Gegenden - wie Nordafrika, Spanien, Frankreich - waren die Römer in lang anhaltende Guerillakriege verwickelt.
Manchmal wurde der anfängliche Widerstand in seiner Radikalität gedämpft - durch die Zögerlichkeit seiner Anführer oder auch durch Streitigkeiten zwischen den regionalen Stämmen. Doch die Präsenz der römischen Besatzer ließ ihn schnell wieder in Form mächtiger Revolten aufflammen.
Das scheint auch in Germanien der Fall gewesen zu sein. Die dortigen Stämme hatten einzeln gegen das Römische Reich gekämpft und waren der Reihe nach geschlagen worden. Aber der anschließende Versuch Roms, Steuern zu erheben - das Mehrprodukt der verarmten Bauern abzuschöpfen, um die Reichskassen zu füllen - löste Massenwiderstand aus. An der Spitze des Aufstandes stand mit Arminius ein junger Stammesführer, der in der Vergangenheit in der römischen Armee gedient hatte. Der Einmarsch Varus' war schließlich die Reaktion Roms auf die Aufstände. Doch dessen Armee geriet in den Hinterhalt und erlitt eine vernichtende Niederlage - ein Ereignis, dass als »Schlacht im Teutoburger Wald« in die Geschichtsbücher eingegangen ist.
Der Verlust von zehn Prozent der militärischen Kräfte des Reichs riss eine klaffende Lücke in die römische Grenzverteidigung. Das Imperium musste Germanien aufgeben - es eroberte es nie wieder zurück.
Zum Autor:
Neil Faulkner
ist Archäologe und Historiker an der
Universität Bristol.
Er ist Autor des Buchs »Apocalypse. The great Jewish revolt against Rome AD 66–73«
(Tempus 2004).
Die Erfindung
der Nation
Ein Kommentar von Marcel Bois
Anlässlich des Jubiläums der Varusschlacht veranstaltete die rechtsextreme NPD Anfang März einen Gedenkmarsch in Osnabrück. Dieser stand unter dem Motto »2000 Jahre Kampf gegen Überfremdung - für nationale Selbstbestimmung«. Für die Nazis ist die Schlacht die »Geburtsstunde des deutschen Volkes«. Sie habe den Versuch dargestellt, »das freie Germanien in das multikulturelle Römische Imperium zwangszuintegieren«. Der »Freiheitskämpfer« Arminius habe »unser Vaterland vor diesem Schicksal bewahrt«.
Die NPD reproduziert hier einen Mythos des 19. Jahrhunderts. Damals wurde Arminius zum Helden des deutschen Nationalismus stilisiert. Eingedeutscht nannte man ihn »Hermann« und errichtete ihm ein gigantisches Ehrenmal am Rande des Teutoburger Waldes. 1875, vier Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches, wurde es eingeweiht. Hermann sollte den Beginn einer zwei Jahrtausende währenden Kontinuitätslinie über Karl den Großen, Martin Luther und Friedrich den Großen bis in die damalige Gegenwart markieren. Zugleich galt er als Symbolfigur der nationalen Einheit Deutschlands.
Tatsächlich ist es Arminus gelungen, verschiedene keltische und germanische Stämme kurzzeitig zu einem Stammesbund zu vereinen. Doch von einer »germanischen Nation« zu sprechen ist absurd. Nationen oder Nationalbewusstsein gab es weder in der Antike noch im Mittelalter. Der Bezugspunkt der Menschen dieser Zeit war vielmehr ihr Hof, ihr Dorf oder ihre Kirche.
Nationalismus ist ein Produkt frühkapitalistischer Gesellschaften. Der Begriff in seiner heutigen Bedeutung ist erst im späten 18. Jahrhundert entstanden, wie der Historiker Benedict Anderson in seinem Buch »Die Erfindung der Nation« aufgezeigt hat. Das, was wir heute als Deutschland kennen, war noch im frühen 19. Jahrhundert ein Mosaik verschiedener Königreiche und Fürstentümer. Lange Zeit gab es keine einheitliche deutsche Sprache. Ein Bewohner Badens hätte sich nicht einmal mit einem Einwohner Mecklenburgs unterhalten können.
Arminus zum Nationalhelden zu machen, ist historisch ebenso falsch wie der Standort des Hermanndenkmals. Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte haben zum Vorschein gebracht, dass die Varusschlacht wahrscheinlich nicht im Teutoburger Wald stattgefunden hat, sondern im 80 Kilometer entfernten Kalkriese.
Zum Autor:
Marcel Bois ist Historiker und Redakteur von marx21. Er ist Mitglied der Historischen Kommission der LINKEN.
|
|
|
|
 |
|