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27.08.09: Interview |
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Afghanistan: »Wir vertrauen den deutschen Soldaten nicht« |
Sayyed Mansur Nadiri ist Vorsitzender einer linken Partei in Afghanistan. Mit marx21 sprach er über die Präsidentschaftswahlen, den Widerstand gegen die Besatzung und die Rolle der Bundeswehr.
Dieses Interview erscheint in marx21, Heft 12. Die neue Ausgabe ist ab 7. September erhältlich.
marx21: Sayyed, gerade haben in deinem
Land Präsidentschaftswahlen stattgefunden. Waren sie ein Zeichen
dafür, dass sich die afghanische Gesellschaft demokratisiert?
Sayyed Mansur Nadiri: In einem Land, in dem - durch
westliche Intervention - die barbarischen Taliban durch die
Kriminellen der Nordallianz ersetzt worden sind, kann man kaum von
Demokratie reden. Für die Nordallianz ist Demokratie gleichbedeutend
mit Morallosigkeit. Mit ihren Waffen und ihrem Geld haben sie die
Wahlen beeinflusst. Ich würde sagen, dass von allen Gründen, die
den Westen motiviert haben, Afghanistan zu besetzen, Demokratie der
unbedeutendste war. Im gegenwärtigen Parlament sitzen Mörder,
Kriegstreiber, Kriminelle und Vergewaltiger - das ist leider keine
Übertreibung. Die Abgeordnete Malalai Joya hat am eigenen Leib
erfahren müssen, was passiert, wenn man sich mit ihnen anlegt.
Während diese Verbrecher weiterhin im Parlament sitzen, hat sie nun
Hausverbot und muss sich verstecken.
Pressefreiheit, ein anderes
zentrales Element demokratischer Gesellschaften, ist in Afghanistan
praktisch nicht existent. Ein Beispiel: Der 23-jährige Journalist
Pervaiz Kambakhsh wurde von einem Gericht wegen angeblicher
»Blasphemie« zum Tode verurteilt. Der Grund: Er hatte einen Artikel
über Islam und Frauenrechte aus dem Internet ausgedruckt und ihn
Freunden gezeigt. Mittlerweile ist er »begnadigt« worden - zu 20
Jahren Gefängnis.
Die meisten Journalisten trauen
sich nicht, die Wahrheit zu schreiben. Schon für die kleinsten
kritischen Fragen zu ihrer Vergangenheit wurden Journalisten von
Warlords massiv bedroht, einige mussten das Land verlassen. Andere
wurden ermordet.
Der Geheimdienst KHAD hat
weibliche Mitglieder unserer Partei verfolgt und verhört, weil sie
als Unterstützer der RAWA (Organisation Revolutionärer Frauen
Afghanistans) am Internationalen Frauentag in Kabul teilgenommen
haben. Viele andere Gruppen, die unter der Beobachtung des KHAD
stehen, trauen sich nicht mehr, sich öffentlich zu äußern.
Deine Partei
hat die Wahlen boykottiert. Wären sie nicht ein Weg gewesen, die
Situation zu verbessern?
Die Wahlen waren nichts anderes
als eine Showveranstaltung, um die Weltöffentlichkeit und unsere
Bevölkerung von der Besatzung zu überzeugen. Die Teilnahme an
solchen Wahlen hätte die korrupte Regierung nur legitimiert. So
waren die prominentesten Kandidaten Warlords, bekannte CIA-Spitzel
und sogar Taliban. Keiner weiß, woher sie ihr Geld für den
Wahlkampf haben. Einer dieser Kandidaten, Ashraf Ghani Ahmadzai,
unser ehemaliger Finanzminister, hat sogar einen offiziellen
amerikanischen Berater. Die meisten dieser »Kandidaten« werden von
den USA unterstützt. Sie können ungestört erpressen, plündern und
veruntreuen, ohne eine Anklage vor Gericht fürchten zu müssen.
Außerdem war die gesamte Situation so gefährlich, dass freie
Wahlkampagnen unmöglich gewesen wären, vor allem für Frauen.
Während der Provinzwahlen konnten Frauen ihre Häuser nicht
verlassen, und einige, die es doch wagten, sind ermordet worden.
Beobachter wie die International Crisis Group und die Unabhängige
Wahlkommission Afghanistans haben schon im Vorfeld der Abstimmung vor
Wahlbetrug gewarnt. So wurden an die insgesamt nur drei bis vier
Millionen Wahlberechtigten über 17 Millionen Wahlkarten verteilt.
Die Menschen in den süd- und südöstlichen Provinzen konnten
aufgrund der Sicherheitslage ohnehin nicht abstimmen. Sie allein
stellen 40 Prozent der Bevölkerung. Weitere Millionen sind als
Flüchtlinge im Ausland, und konnten ebenfalls nicht wählen.
US-Präsident
Barack Obama spricht davon, Frieden zu schaffen. Gleichzeitig schickt
er mehr Soldaten ins Land. Was passiert derzeit?
In der südlichen Provinz Helmand
sind keine Berichterstatter erlaubt. Daher gibt es kaum Informationen
darüber, was dort stattfindet. Es gab Berichte über zivile Opfer.
Die Zahl der Familien, die in Flüchtlingslagern Schutz suchen, hat
stark zugenommen. Bewohner der Region haben von Bombardierungen ihrer
Häuser durch die Amerikaner berichtet. Es war von vornherein klar,
dass die Erhöhung der Truppenstärke unserem Volk schaden wird. Im
Süden ist die Katastrophe am deutlichsten.
Sieht die
Mehrheit der Afghanen die ausländischen Truppen als Besatzer oder
als Befreier?
Die Tatsache, dass wir die
Taliban hassen, bedeutet nicht, dass wir die USA automatisch als
Befreier feiern. Die mit ihnen verbündete Nordallianz ist viel
schlimmer als die Taliban. Und eben weil die USA sich auf die
schlimmsten Verbrecher des Landes stützen, werden sie unweigerlich
scheitern. Obamas 40.000 neue Soldaten werden da auch nicht helfen.
Die Menschen in Afghanistan sehen diese Truppen als ihre Feinde.
Wie
unterscheidet sich die Situation von der Zeit der sowjetischen
Besatzung?
Es existieren eigentlich keine
großen Unterschiede zwischen damals und heute. Beide
Besatzungsmächte stützen bzw. stützten sich auf Verbrecher und
Verräter, um ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen und
geostrategischen Ziele durchzusetzen. Die Unterschiede: Die Lakaien
der Sowjetunion waren Atheisten und alphabetisiert, während die
US-Alliierten religiös und Analphabeten sind. Die USA sind unter dem
Deckmantel der Frauenbefreiung mit UN-Mandat einmarschiert, während
die Russen damals einen Stellvertreterkrieg gegen die Amerikaner
führten. Die Russen kamen gleich mit 100.000 Soldaten, während die
USA sich an diese Zahl erst langsam herantasten. Aber grundsätzlich
sind beide Besatzungsmächte bei den Menschen verhasst. Freiheit oder
Demokratie gibt bzw. gab es unter dem einen Regime so wenig wie unter
dem anderen.
Wie
hat sich die Situation der Frauen seit der Intervention des Westens
im Jahr 2001 verändert?
Den Frauen Afghanistans werden
die grundlegendsten Rechte und Bedürfnisse vorenthalten. Durch
mangelndes Bewusstsein und mangelnde Bildung (95 Prozent der Frauen
können weder lesen noch schreiben) leben sie weiterhin in
finstersten Verhältnissen, in denen Männer nach wie vor die
Religion und den tiefverwurzelten Aberglauben ausnutzen, um ihre
Frauen unter Kontrolle zu halten. Sie werden zwischen der Gewalt in
ihren Familien und der Unterdrückung durch die fundamentalistischen
Warlords zermahlen.
Unzählige Fälle von
Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen wurden in den letzten acht
Jahren angezeigt. Viele der Vergewaltiger haben nichts zu befürchten,
weil sie entweder mächtige Kommandeure sind oder aber unter dem
Schutz der Kriegsherren stehen.
Ein sehr bekannter Fall ist der
von Bashira. Das 14 Jahre alte Mädchen wurde von einer Gruppe von
Männern vergewaltigt - unter ihnen der Sohn des Parlamentariers
Haji Payinda Mohammad. Der Abgeordnete ist ein berüchtigter
Kriegsherr im Norden, dem Einsatzgebiet der Bundeswehr. Durch seinen
Einfluss wurde der junge Vergewaltiger nur kurz unter Arrest
gestellt. Bashira wurde hingegen nicht einmal von einem Gericht
angehört. Ihre Familie wurde stattdessen von Warlords bedroht und
floh schließlich nach Kabul. In einem anderen Fall konnten die drei
Vergewaltiger einer Frau namens Sara auf die Vergebung durch
Präsident Hamid Karzai zählen.
Häusliche Gewalt - so genannte
Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen Minderjähriger, die Bezahlung mit
Mädchen als Währung im Falle von Streitigkeiten, Prügel,
Beleidigungen und unmenschliche Folter durch Ehemänner oder Familien
- ist weit verbreitet. Laut einer Erhebung des United Nations
Population Fund in Afghanistan (UNFPA) erleiden 31 Prozent der Frauen
physische Gewalt, 25 Prozent sind Opfer sexueller Gewalt. Weil in
vielen Fällen die örtlichen Behörden in die Taten verwickelt sind,
gibt es für die Opfer keinerlei Hilfe.
Aufgrund von Armut und
Analphabetismus sind viele Frauen gezwungen, sich zu prostituieren,
um ihre Familien durchzubringen. Eltern verkaufen ihre Kinder - oft
für nur zehn Dollar - damit sie den Rest der Familie ernähren
können.
Die große Hilflosigkeit führt
zu einer enorm hohen Selbstmordrate unter Frauen. Noch nie in der
Geschichte Afghanistans war die Selbstmordrate unter Frauen so hoch
wie heute. Viele trauen dem Gesetz und den Richtern nicht. Selbstmord
erscheint ihnen als Erlösung von ihren Leiden.
Die Gesetze in unserem Land
bieten Frauen keinen Schutz. Im Gegenteil: Sie stellen eine
Gefährdung für jede Frau dar. Das gesamte Rechtssystem ist von
religiösen Fundamentalisten, die den Taliban in nichts nachstehen,
durchsetzt. Wir sollten nicht vergessen, dass ein Großteil der
Verbrechen im Dunkeln bleibt, weil viele Frauen sich nicht trauen,
sie anzuzeigen.
Hierzulande
hören wir oft, dass die Bundeswehr keinen Krieg in Afghanistan
führe. Vielmehr sei sie auf einer Friedensmission. Wie unterscheidet
sich die Situation im Norden, wo die deutschen Truppen stationiert
sind, von anderen Regionen?
Die Bundeswehr steht in einem
»friedlicheren« Teil Afghanistans. Trotzdem vertrauen die Menschen
den deutschen Soldaten ebenso wenig wie den amerikanischen. Sie
sagen: Die Alliierten der USA sind wie Kinder, die ihrem Vater zu
gehorchen haben und nicht unabhängig handeln dürfen. Vielleicht
hätten die Afghanen den anderen Truppen sogar eine Chance gegeben,
wenn diese nicht der Politik der USA gefolgt wären.
Wirklich friedlich ist auch der
Norden nicht. Es gibt dort zwar weniger Taliban, dafür sind aber die
fundamentalistischen Warlords sehr dominant. Die Zahl der
Vergewaltigungen ist im Norden am höchsten. Korruption ist weit
verbreitet. Die (nicht-paschtunischen) Warlords säen Misstrauen und
Feinschaft zwischen den paschtunischen Stämmen.
Die Deutschen arbeiten eng mit
Atta Murhad, dem Gouverneur der Provinz Balch zusammen. Dieser
unterhält seine eigenen Terrortruppen und richtet sich nicht nach
den Anweisungen der Zentralregierung. Wenn die Deutschen und die
anderen Alliierten den Afghanen wirklich helfen wollten, würden sie
seine Leute entwaffnen und vor Gericht stellen, statt mit ihnen
zusammenzuarbeiten.
Wie schätzt
du die Rolle der deutschen »Provinzaufbauteams« (PRT) ein? Leisten
sie einen humanitären Beitrag?
Die PRTs der Bundeswehr gehören
zu jenen Einheiten und Organisationen, die unter dem Einfluss der
US-Besatzer stehen. In einigen Gebieten im Westen des Landes arbeiten
diese Teams eng mit den Taliban zusammen, anstatt sie zu bekämpfen.
Zum wirklichen Wiederaufbau des
Landes tragen die meisten Projekte nichts bei. Wenn es nicht so
traurig wäre, müsste man fast darüber lachen: Es werden Schulen
aufgebaut, ohne dass qualifizierte Lehrer eingestellt und Bücher
oder Schreibmaterialien organisiert werden, oder es wird eine Klinik
gebaut, ohne dass jemals ein Arzt oder eine Krankenschwester das
Gebäude von innen sieht. Es mag zwar weniger Opfer durch die
Deutschen geben, aber das liegt daran, dass im Norden der Krieg
weniger heftig ist. Das ist aber noch lange kein Beweis für ihre
Freundschaft mit den Afghanen.
Was denkst du über den
bewaffneten Widerstand gegen die ausländischen Truppen?
Bis jetzt ist der Widerstand
nicht mit dem gegen die Russen in den 1980er Jahren vergleichbar. Der
Kampf der Taliban gegen die Besatzer richtet sich auch gegen unsere
Interessen. Ihnen geht es nur um Macht und die Ziele ihrer
ausländischen Herren - und nicht um die Befreiung der Afghanen.
Sollten sie die Macht wieder an sich reißen, dann würden sie mit
ihrer finsteren, antidemokratischen und mittelalterlichen Politik der
Vergangenheit weitermachen. Aber letztlich wird die US-Politik, die
Warlords zu unterstützen, zum bewaffneten Widerstand führen. Schon
jetzt schließen sich Teile der Bevölkerung, aus Verzweiflung und
Hass auf die Regierung, den Taliban in ihrem Kampf gegen die Besatzer
an.
Bist Du der
Meinung, die ausländischen Truppen sollten sich zurückziehen? Falls
ja: Was würde dann passieren?
Je schneller die Truppen
abziehen, desto besser - am besten schon heute. Denn im Moment
werden die Menschen zwischen drei Feinden zerrieben: den Jihadisten,
den Taliban und den Besatzungstruppen. Sollten die USA das Land
verlassen und ihre Unterstützung für die Nordallianz beenden und
verlören die Taliban ihre arabischen und pakistanischen
Hintermänner, dann könnten die Menschen sich gegen die
blutrünstigen Herrscher wehren. Zwar warnen manche vor dem, was nach
dem Abzug passieren könnte, aber wir befinden uns doch ohnehin im
Krieg. Die Menschen sind auch heute nicht sicher. Jederzeit kann eine
Bombe der Alliierten ihr Haus treffen, Terrorismus ist im ganzen Land
verbreitet und Armut und Arbeitslosigkeit greifen um sich.
Wenn also einerseits der Westen
seine Truppen abzieht und auch Iran, Pakistan und Saudi-Arabien
aufhören, zu intervenieren, werden wir unsere Freiheit erkämpfen
können. Der Westen warnt vor dem Bürgerkrieg - aber die Leiden
der Afghanen sind schon jetzt so groß, dass sie bereit wären,
diesen Preis für die Freiheit zu bezahlen.
Kannst du uns
noch etwas über die afghanische Linke erzählen, über die man im
Westen nahezu nichts erfährt?
Die afghanische Linke hat einen
guten Ruf. Viele schätzen sie für ihre sowjetkritische und
antifundamentalistische Politik der letzten dreißig Jahre. Einige
der wichtigsten Gruppen sind SAMA (»Befreiungsorganisation des
afghanischen Volkes«), die »Afghanische Befreiungsorganisation«
(ALO) und die Kommunistische Partei. Die afghanische Linke musste in
den vergangenen drei Jahrzehnten schwere Schläge hinnehmen -
sowohl durch die russischen Invasoren und ihre Unterstützer als auch
durch die Warlords. Tausende Intellektuelle wurden gefoltert und
erschossen, viele Organisationen zerschlagen.
Die heutige Linke leidet unter
diesen Wunden der Vergangenheit. Erschwert wird unsere Situation
dadurch, dass es kaum organisierte Arbeiter gibt. Zudem führt die
komplizierte politische Situation zu Verwirrung und Desorientierung.
Die meisten linken Strömungen
wenden sich sowohl gegen die Taliban als auch gegen die US-Besatzung
und würden sich nicht mit einem von beiden gegen den anderen
verbünden. In meinen Augen ist das ein Fehler. Keine der linken
Organisationen ist gegenwärtig in der Lage, den bewaffneten
Widerstand zu beginnen, so wie in den Jahren des Krieges gegen die
sowjetischen Besatzer. Wir denken aber auch, dass es nach wie vor
möglich ist, dass die Linke die politische Bühne wieder betritt,
wenn sie weiter für Unabhängigkeit, Frauenbefreiung und
Gerechtigkeit kämpft.
(Das Gespräch führte Paul
Grasse)
Zur
Person:
Sayyed Mansur Nadiri ist
Vorsitzender der Nationalen Solidaritätspartei Afghanistans
(Hizb-e Paiwand-e Melli-ye Afghanistan).
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