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08.09.2009: Interview |
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Gáspár
Miklós Tamás, prominenter ungarischer Dissident und heute
Philosophieprofessor in Budapest, sprach mit Chris Harman über die
Entwicklungen in Osteuropa seit dem Sturz des Stalinismus
Chris Harman: Zum
zwanzigsten Mal jährt sich jetzt der Zusammenbruch
des
stalinistischen Regimes in Ungarn und der Fall der Berliner Mauer. In
diesem Jahr hat die Weltwirtschaftskrise auch Osteuropa mit
verheerenden Folgen erreicht. Sie selbst gehörten vor 1989 zu den
Dissidenten in Ungarn. Wie sah die Opposition aus und welchen Weg hat
sie nach der Wende eingeschlagen?
Gáspár
Miklós Tamás: Die
oppositionelle Bewegung in Ungarn war nicht sehr groß. Ich gehörte
zu ihren führenden Leuten und war seit Ende der 1970er Jahre an dem
Widerstand beteiligt. Als ich mich dazu entschied, das Regime direkt
anzugreifen, war ich noch ein Linker, ein libertärer Sozialist. Ich
und meine Freunde in der Dissidentenbewegung kamen faktisch alle von
der Linken und wurden allesamt zu Liberalen. Einige gingen sehr weit
in diese Richtung, einschließlich meiner selbst, andere weniger.
Diese Gruppen hatten fast überall in Osteuropa ihre intellektuellen
und soziologischen Wurzeln in linker Politik. Unsere ersten
Auseinandersetzungen hatten wir nicht mit dem Sozialismus an sich,
sondern mit den stalinistischen Regimen.
Zwei
Personen waren da sehr typisch: János Kis und ich selbst. János Kis
war Schüler der zweiten Generation von György Lukács und verfasste
marxistische Werke von hoher Qualität (die leider nicht alle
übersetzt wurden).1
Ich war weniger ein Marxist als ein libertärer Sozialist und stand
sehr weit links. Wir alle schlugen eine liberale Richtung ein,
zusammen mit unseren polnischen und anderen Waffenbrüdern und
Waffenschwestern. Und als wir zum Wendepunkt kamen - in Ungarn war
das 1988 -, setzten wir auf ein liberales Menschenrechtsprogramm.
Das ging fast jedem so.
Miklós
Haraszti, der
das Buch »Stücklohn«2
schrieb,
das einen großen Einfluss auf die Linke in Großbritannien hatte,
schlug denselben Weg ein.
Eindeutig!
Er war ursprünglich ein Guevarist und hielt sich selbst für einen
konsequenten Kommunisten. Heute ist er Beauftragter für
Pressefreiheit bei der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE), und ich sah ihn auf einem Foto von
einem Treffen slowakischer Figuren der »Koalition der Willigen« mit
George W. Bush, als dieser das Land besuchte. Haraszti ist ein
kämpferischer Liberaler, wenn es um Pressefreiheit geht, und ein
kämpferischer Neokonservativer, wenn es um soziale und
wirtschaftliche Fragen geht. Ich schlug schließlich einen anderen
Weg ein, aber bis Mitte der 1990er Jahr war ich kein Deut anders als
der Rest meiner Generation.
In
den über 15 Jahren, die ich in der Opposition verbracht habe, war
ich arbeitslos und lebte von Übersetzungen, die ich unter anderem
Namen verfasste, und von Schwarzarbeit als Sprachlehrer. Ich war ein
oppositioneller Intellektueller, schrieb theoretische Abhandlungen,
politische Essays und politische Texte für die Untergrundpresse
Samizdat.3
Wir
hielten illegale Seminare ab über historische, politische,
wirtschaftliche und soziologische Themen. Dann erhielt ich ab 1986
die Erlaubnis, im Ausland zu lehren, in den USA, Großbritannien und
Frankreich, und ich machte etwas Forschungsarbeit in Oxford. Anfang
1988 nahm ich teil an der zunehmend organisierten und formalisierten
Widerstandsbewegung gegen das Regime. Ich sprach auf Demonstrationen
und war aktiver Teilnehmer an Protesten. Es gab ein Aufblühen der
Zivilgesellschaft, Tausende neue Gruppen, Diskussionsforen und Klubs
entstanden. Es war eine wunderbare Zeit. Wir schliefen nicht sehr
viel - ich schlief insgesamt in den Jahren 1988 bis 1992 nur sehr
wenig. Viele, viele Leute diskutierten und diskutierten und
diskutierten. Es war eine Zeit, in der eine Unzahl gesellschaftlicher
Ideen entwickelt wurden, aus denen aber nicht sehr viel folgte, außer
dass es ein Moment der vermeintlichen und erhofften Freiheit war. Ich
stand im Zentrum all dessen und wurde später als Abgeordneter für
den Freidemokratischen Bund gewählt, der damals die Partei der
Oppositionellen und die zweitgrößte Partei im Parlament war. Es war
eine liberale Partei und ich stand ziemlich weit auf dem rechten
Flügel.
»Liberal«
eher im europäischen Sinn als im britischen oder nordamerikanischen?
Eigentlich
beides. Ich stand ziemlich weit links in Bezug auf Menschenrechte,
Minderheitenrechte, kulturelle Freiheiten, gleiche Rechte für
Schwule und Lesben und so weiter - in dieser Hinsicht sehr dem
amerikanischen Liberalismus ähnlich. Aber wirtschaftlich war ich
Neokonservativer. Und auch ich habe eine Mischung dieser Politik
empfohlen.
Wir
waren sofort und unerwartet in einen Kampf mit der konservativen
Rechten verwickelt. Unser erster Wahlkampf zielte auf den Hauptfeind,
die poststalinistische Partei. Aber diese Partei löste sich auf und
spielte eine Zeit lang keine Rolle mehr. Einige ihrer Mitglieder
schafften es ins Parlament, hatten aber kaum etwas zu sagen. Und dann
plötzlich waren wir mit der konservativen Rechten konfrontiert, mit
ihrem Gerede von einer »jüdischen Konspiration«, von »Feinden
unserer Rasse« und so weiter. Das war wieder der alte Konflikt
zwischen den »Verwestlichern« und »Nationalisten«, »Kosmopoliten«
und »Patrioten« - und, ein höchst altmodischer Ausdruck der
ungarischen Rechten, »den Fremdherzigen« und den »Altverwurzelten«.
Das war im Jahr 1990 und geht bis heute in seiner ganzen
Stumpfsinnigkeit weiter. Im Jahr 1988/89 bekamen wir immer noch hier
und da Drohungen von der alten stalinistischen Garde - »Ihr werdet
hängen« und so ein Zeug. Wir erwarteten eigentlich noch mehr davon.
Stattdessen wurden wir von der nationalistischen Rechten angegriffen.
Alle meine Wahlplakate wurden mit dem Davidstern und dem Hakenkreuz
verunziert. Damals wurden solche Einstellungen allerdings von der
Mehrheit der Wählerschaft abgelehnt.
Die
Rechte gewann die Wahl, aber es war der gemäßigte Flügel, der die
Mehrheitsmeinung repräsentierte. Insofern rückte das Problem für
eine Zeit in den Hintergrund. Im Jahr 1994, als ich in höchster
Verwirrung aus der Berufspolitik ausstieg, wurden die Wahlen von
einem Bündnis aus Sozialdemokraten und Liberalen gewonnen. Die
Stimmung hatte sich vollständig gedreht und die rechte
nationalistische Gefahr schien vorbei.
Im
Rückblick war das wichtigste Ereignis der ersten beiden Jahre, die
ich in den höchsten Kammern meines Landes als Gesetzesmacher
verbrachte, dass zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen -
und ich glaube, ich habe es nicht einmal bemerkt. Das ist mit die
größte Schande meines Lebens. Ich glaube, in den politischen
Debatten damals kam es gar nicht vor. Es gab wichtige Diskussion über
Verfassungsrechte und republikanische gegen monarchistische Symbole,
Auseinandersetzungen über die Kontrolle des Staatsfernsehens und
Staatsrundfunks. Ich will damit nicht sagen, dass politische
Konflikte nicht wichtig gewesen seien, aber verglichen mit der
wirtschaftlichen Katastrophe spielten sie eine geringere Rolle, und
wir erkannten die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Bereiche
nicht. Warum brauchte die herrschende Klasse die Zentralisation der
Medienmacht? Weil sie die Unterstützung in der zunehmend verarmenden
Bevölkerung verlor. Wir waren absolut naiv und unser Diskurs zu der
Zeit war einer des klassischen Liberalismus und ziemlich ineffektiv.
Diese liberale Partei wird jetzt vermutlich aus dem Parlament
verschwinden - und das zu Recht.
Erst
als die Legislaturperiode sich dem Ende zuneigte, begann ich
wahrzunehmen, was um mich herum geschah, und ich entschied mich,
nicht erneut für das Parlament zu kandidieren. Es handelte sich
nicht nur um ein ungarisches Problem. Von Sibirien bis Prag und von
Alma Ata bis Ostberlin gab es dieselben Probleme. Was da passierte,
war nicht die Transformation der Ökonomie, sondern ihre Zerstörung.
Wir schufen nicht einfach einen neuen Kapitalismus, sondern ein
schwarzes Loch. Es handelte sich um eins der großen Beispiele für
die destruktive Kraft des Kapitalismus.
Die
Methoden waren dieselben, wie sie in anderen Gegenden der Welt zu
beobachten ist - Schrumpfung und Auslagerung, Privatisierung und
Sozialdumping. Auslandskapital kam auf der Suche nach Konsummärkten
ins Land, machte verarbeitende Industrien dicht, die es für ein Lied
gekauft hatte - der Unterschied war jedoch das Ausmaß. Überall
hat es große Verluste bei den Arbeitskräften gegeben, vor allem im
Industriesektor, hier jedoch ging eine ganze Lebensweise verloren.
Die recht erfolgreichen Landwirtschaftskooperativen verschwanden
faktisch; die neuen Familienhöfe waren kommerziell nicht
existenzfähig. Auf dem Land herrscht weitverbreitete
Arbeitslosigkeit. Ich erinnere mich noch gut an den
Bergarbeiterstreik in Großbritannien, als die Leute plötzlich
merkten, dass nicht nur die Kohlenindustrie verschwinden würde,
sondern mit ihr auch die Kultur Hunderter von Bergarbeiterstädten,
sodass Wales danach niemals wieder dasselbe sein würde. Hier aber
hatten wir einen qualitativen Wandel, eine Situation, in der eine
ganze Kultur verschwand. Seit den 1920er Jahren hatte das
stalinistische System - so monströs, tyrannisch und
staatskapitalistisch es war - durch Urbanisierung und
Industrialisierung den Lebensunterhalt und die Lebensweise von
Hunderten Millionen Menschen geprägt. Sie mögen enttäuscht und
unzufrieden mit ihrem Leben gewesen sein, aber es war immerhin ihres.
Und niemand bereitete sie auf das vor, womit es ersetzt wurde. Es war
nicht etwas Besseres, nicht etwas, das wir »Wandel« nennen könnten,
sondern das Ende der Wirtschaft als solche.
In
weiten Teilen Osteuropas und Eurasiens ging verloren, was wir als
Zivilisation kannten und was sehr stark vom Staat abhängig war. Der
Staat hat in Putins Russland gerade erst wieder zu funktionieren
begonnen - und das auf sehr unschöne Weise -, aber er fängt
wieder systematisch an zu arbeiten, archiviert, hat Staatseinnahmen,
zahlt den Beamten Gehälter, beantwortet Briefe, empfängt Bürger
mit ihren Beschwerden. Anfang der 1990er Jahre gab es nicht einmal
das: Es war ein völliges Desaster. Unterdessen feiern wir, die Creme
an der Spitze der Gesellschaft, den Triumph der Freiheit und
Offenheit und Pluralität und Fantasie und des Vergnügens und all
das. Das ist frivol, und ich bin tief beschämt.
Irgendwie
wusste ich, dass es Probleme gab. Das spiegelte sich in meinen
Schriften wider. Aber die Analyse, die ich anbot, war politisch sehr
oberflächlich. Es gab Anzeichen - zum Beispiel die
US-amerikanische Politik gegenüber den Balkanländern, der
Golfkrieg, die allgemeine Unzufriedenheit, dass es nicht gut lief.
Aber das wurde als Übergangserscheinung gesehen: Der Übergang war
schwierig, aber am Ende wäre alles bestens - genauso funktionierte
der »rechte Glaube« der Kommunisten an den Stalinismus. Heute
schreckliche Opfer und dann, in der strahlenden Zukunft, »Les
lendemains qui chantent« (Ein Lied von kommenden Tagen)4.
Aber
es war nicht alles in Ordnung und würde es auch nicht sein. Als
jemand, der beruflich mit theoretischer Forschung befasst war, fühlte
ich, dass ich das verstehen müsste. Also begann ich mich erneut in
Theorie und Wirtschaftswissenschaften zu vertiefen, in empirische
Soziologie und Geschichte, und versuchte zu begreifen, was da vor
sich ging, versuchte herauszufinden, was an den Grundlagen unserer
Ideen falsch war und auch einen Weg daraus zu finden. Ich machte
sogar einen Abstecher zu der konservativen Literatur, die sich
kritisch mit dem Liberalismus auseinandersetzt, und von dort aus war
es nur ein Sprung zum Marxismus. (Witzigerweise bahnte mir die
konservative Kritik frommer Liberaler wie Michael Oakeshott und Leo
Strauss den Weg zum Marxismus.) Ich verbrachte also Jahre mit Lernen
- oder besser Wiedererlernen, denn ich war vorher nie ein
wirklicher Marxleser gewesen - und ging wieder in die Schule. Ich
versuchte sehr langsam und gründlich den Charakter des vorherigen
Regimes zu verstehen, warum der Übergang zur Marktwirtschaft auf
diese Weise vonstatten ging und warum Marktformen weder im
Allgemeinen noch für die lokalen hausgemachten Probleme des
osteuropäischen Staatskapitalismus ausreichend waren.
Das
dauerte lange, und noch länger dauerte es, meine Erkenntnisse
öffentlich und politisch zu formulieren und meinen Diskurs, meine
Sprache, mein Vokabular zu verändern. Es war wie eine lange
Krankheit und eine lange Genesung. Aber ich denke, dass ich
schließlich vor einem neuen Lebensanfang stehen könnte.
Für
mich ist das außerordentlich wichtig, nicht nur in Bezug auf Sie als
Individuum, sondern mit Blick auf den gesamten Ostblock, wo
Zehntausende von Menschen sich einem liberalen demokratischen Wandel
verschrieben hatten und glaubten, dieser könne durch den Markt
erreicht werden. Wir besuchten Polen während der Streiks im Jahr
1988 und sprachen mit Menschen, die im Allgemeinen zur Linken
gehörten. Ich erinnere mich an Gespräche mit Menschen in Poznan,
die einen Wandel nach skandinavischem Modell vor Augen hatten. Es gab
keine Vorstellung davon, dass es auch ein völlig anderes Modell der
kapitalistischen Welt sein könnte.5
Dann war ich Anfang 1989 in Leningrad, heute St. Petersburg, und
sprach mit mutigen Menschen, die ihre Flugblätter zu den Wahlen noch
auf der Schreibmaschine tippten. Sie konnten sich nicht vorstellen,
was die westliche Form des Kapitalismus hieß. Sie glaubten, das
bedeute Freiheit und Wachstum und so weiter.
Wir
waren besser informiert. Wir waren Linke. Wir waren gegenüber den
Verbrechen des modernen Kapitalismus nicht blind. Die Führer der
ungarischen Oppositionsbewegung waren allesamt in den 1980er Jahren
in den Westen gegangen und konnten selbst sehen, was das hieß. Wir
konnten sehen, was Ronald Reagan bedeutete. Wir wussten, was 1973 in
Chile passiert war, und können leider nicht einmal für uns in
Anspruch nehmen, unwissend gewesen zu sein. Wir waren es nicht. Viele
von uns lasen begeistert das britische Magazin Spectator
(ich schrieb sogar dafür), den US-amerikanischen Weekly
Standard
und das Monatsmagazin Commentary.
Wir
akzeptierten den Kapitalismus mit all seinen Schandflecken, und
unsere Vorstellung davon hieß nicht Skandinavien, sondern die
Vereinigten Staaten. Zu dieser Zeit hatte sich der Wohlfahrtsstaat
schon lange aufzulösen begonnen. Wir traten in dieses Kapitel mit
weit geöffneten Augen ein. Natürlich waren Leute in Polen und der
Sowjetunion viel mehr vom Westen abgeschnitten als wir und die
Jugoslawen. Aber für uns gibt es keine Entschuldigung.
Es
gab untergeordnete Überlegungen. Wir konnten sehen, wie die letzte
Arbeiterbewegung, die die Menschen begeistert hatte, Solidasrność
in Polen, von der deutschen Sozialdemokratie fallen gelassen wurde.
Herbert Wehner und Helmut Schmidt, die damaligen Führer der
deutschen SPD, und Bruno Kreisky, der österreichische
sozialdemokratische Parteichef, fragten, »Warum greifen die Russen
nicht ein?«. Sie hatten Angst, dass die Bewegung auf Ostdeutschland
übergreifen und es zu sich ausweitenden Arbeiterunruhen kommen
könnte. Dann gab es die Menschen in der Friedensbewegung, die im
Kalten Krieg auf der Seite der Sowjetunion standen (siehe »einseitige
Abrüstung«), und es schien uns, dass die nichtkommunistische Linke
nicht an der Befreiung Osteuropas vom stalinistischen System
interessiert war. Ich habe immer Respekt für die antistalinistische
linke Tradition empfunden und ich denke, auch den anderen geht es so.
Ich habe immer noch großen Respekt vor linken Kommunisten und
rätekommunistischen Traditionen.
Ich
bin mit den Werken von Boris Souvarine und Victor Serge aufgewachsen
- eins der ersten Bücher, die ich auf Französisch las, war
Verratene
Revolution.
Wir haben also niemals gesagt: »Das ist dasselbe, jeder Marxist ist
ein Gulaganhänger, jeder Kommunist ein blindgläubiger Stalinist.«
So dumm waren wir nicht. Aber es schien uns, dass Versuche, das
Sowjetsystem von links zu überwinden, zum Scheitern verurteilt
waren, und dass wir den Preis des Kapitalismus zahlen müssten, um
der Diktatur ein Ende zu setzen. Zunächst sagten wir, dass dies ein
Preis war, den wir zahlen müssten, und dann wurde es, leider, zu
einer Liebe.
Aber
sie hielt nicht. Mein eigener Fall ist ein prominentes Beispiel dafür
in Ungarn, weil ich als führender Dissident bekannt war, und dann
war ich gleichzeitig Vorsitzender der liberalen Partei. Ich war als
jemand, der für Zeitungen mit hohen Auflagen schrieb und immer noch
schreibt und der im Fernsehen auftrat, sehr bekannt. Das hieß nicht,
dass mein Fall wichtig war, aber er war sichtbar.
Ich
glaube nicht, dass es für mich möglich gewesen wäre, zurück zu
derselben Art konfuser libertärer Linkspolitik zu gehen, der ich
mich in den 1980er Jahren verschrieb.6
Ich glaube auch immer noch nicht, dass das zum Teil erfolgreiche
sozialdemokratische Modell des Wohlfahrtsstaats wiederbelebt werden
kann. Ich glaube auch nicht, dass die verschiedenen Modelle davon
erstrebenswert sind. Ich habe nicht die Absicht zu vergessen, dass
1968, der revolutionärste Moment der neueren Geschichte in
Westeuropa, aus Protest gegen den Wohlfahrtsstaat ausbrach. Wir sind
geneigt, die Probleme des Wohlfahrtsstaats zu vergessen, und selbst
wenn es möglich wäre, ihn wiederzuerschaffen, würden sie nach wie
vor existieren: der Dirigismus, Konformismus und das
autoritär-hierarchische Modell politischen Handelns. Es ist
hinterhältig, wenn die Neokonservativen den Wohlfahrtsstaat
kritisieren, aber das heißt nicht, dass die wohlfahrtsstaatliche
Version von Kapitalismus so attraktiv ist, auch wenn er in vieler
Hinsicht der heutigen Version überlegen war, egalitärer, und ein
Minimum an Gegenmacht und Gegenhegemonie erlaubte. Es war schließlich
ein System des Kompromisses, während dies ein System der völligen
Dominanz des Kapitals ist.
Ich
glaube nicht, dass es noch so viele andere Versionen von Kapitalismus
gibt, die das System hervorbringen könnte, um den Menschen, die kein
Kapital besitzen und nicht durch den imperialistischen Staat
geschützt sind, auch nur ein verheißungsvolles Versprechen zu
geben. Wenn du also heute mit dem Kapitalismus brichst, wirst du dich
vermutlich sehr viel weniger Illusionen hingeben als bei den
vorherigen Fällen. Wir haben all die Kompromisse schon erlebt: den
alten sozialdemokratischen Kompromiss im Jahr 1914, die
stalinistische Konstruktion eines tyrannischen Staatskapitalismus,
den Caudillismo
von rechts wie von links, den New Deal, den Nationalsozialismus,
militärische Systeme, nationalistische Systeme, katholischen
Korporatismus à la Seipel/Dollfuß, à la Salazar,
Neokonservativismus. Die meisten vorstellbaren Versionen wurden
ausprobiert, und die Probleme tauchen immer wieder auf.
Als
ich begann, mit dem bürgerlichen Mainstream zu brechen, gab es
keinen Ersatz mehr, also musste ich zum revolutionären Marxisten
werden. Ich konnte keine andere intelligente und glaubwürdige Lösung
erkennen. Man muss den Fakten ins Gesicht sehen. Es ist keine bequeme
Wahl oder eine Wahl, die die Mehrheit der Bevölkerung trifft, aber
das ist egal. Ich denke, alle anderen Möglichkeiten haben sich
erschöpft.
Das
liegt jetzt angesichts der aktuellen Krise offen zutage. Wenn die
Herren des Universums mit verschiedenen Mischungen kalter Lösungen
experimentieren und sogar weniger intelligent und weniger radikal
sind als in den 1930er oder 1950er Jahren, wer könnte dann noch
glauben, dass sie den Kapitalismus auf humane Weise von seinen
schlimmsten Aspekten retten könnten? Das scheint einfach nicht
möglich zu sein. Hätte ich früher mit dem Liberalismus gebrochen,
wäre ich vielleicht Sozialdemokrat geworden. Wo aber ist die
Sozialdemokratie? Sie ist tot. Sie ist eine Tradition, aber keine
lebendige politische Alternative. Die Menschen wählen immer noch
Labour und Sozialdemokratie, weil diese für sie traditionell das
Sinnbild eines Heims der Arbeiterklasse und unteren Mittelschicht war
und für größere Gleichheit einzutreten schien. Aber das ist eine
Gewohnheit, keine Idee, und das ist der Unterschied.
Ein
paar mehr Fragen über Ungarn. In den 1980er Jahren wurde Ungarn als
Modell des Marktsozialismus präsentiert, das sich auf schwere
Auslandskredite stützte und im Jahr 1988 und 1989 scheiterte, und
ihr Dissidenten übernahmt die Regierung.
Das
haben wir nicht getan. Wir blieben in der Opposition.
Die
Nichtkommunisten übernahmen das Geschäft. Aber die Kernstrukturen
des Staats blieben dieselben - die Polizeichefs, die Chefs der
Streitkräfte, die Unternehmensmanager?
Ja.
Aber die wichtigste Institution des Staats war die Partei, und die
gab es nicht mehr. Die Veränderungen waren also enorm, selbst im
Staatsapparat. Die Partei war das Rückgrat der Staatsstrukturen,
sowohl territorial als auch in allen Wirtschaftszweigen (also
horizontal und vertikal), und schuf in jeder Hinsicht eine Einheit in
der staatlichen Lenkung des Lebens. In klassischen kapitalistischen
Ländern bleibt die Staatsbürokratie außerhalb der Fabrik. Aber die
Partei war dieselbe in der Regierung und im Unternehmensmanagement,
ein Instrument zur Aufrechterhaltung der Ordnung und ein Instrument
zur Modernisierung. Es war eine Struktur, die Disziplin bot, und
Kultur und Freizeit, die das Leben so vieler prägte und Mittel der
Förderung wie Indoktrination bot, ein Gefühl von Ort, ein Gefühl
der Zugehörigkeit und ein anscheinend solides Projekt für die
Zukunft. Man kann also nicht sagen, dass alles gleich blieb. Wir
sollten die Veränderungen nicht unterschätzen, auch wenn die
Politik der kommunistischen Parteiführung in den 1970er und 1980er
Jahren dogmatisch die Marktwirtschaft verfolgte.
Gleichzeitig
sollten wir aber die wesentlichen Elemente der Kontinuität nicht
vergessen. Der Staatskapitalismus nach sowjetischer Art war eine
warenproduzierende, auf Lohnarbeit gestützte ungleiche,
hierarchische, repressive Geldwirtschaft und eine
Klassengesellschaft, die alle Klassengesellschaften in den Schatten
stellte und extrem effizient den proletarischen Widerstand
unterdrückte. Revolten gegen das Regime waren immer sozialistische
Revolutionen, im Jahr 1956 die Arbeiterräte in Ungarn, im Jahr 1968
der humanistische Sozialismus in der Tschechoslowakei. Solidarność
war faktisch keine Gewerkschaft, sondern ein Netzwerk territorial
organisierter Arbeiterräte, das ursprünglich eine sich selbst
verwaltende proletarische Republik eines sich selbst regierenden
Volks anstrebte, ehe die Repression es in eine tief konservative,
pessimistische und katholische Bewegung verwandelte, die im Moment
des politischen »Sieges« zusammenbrach. Der zentraleuropäische
Stil des »aufgeklärten Absolutismus«, die Reformen von oben,
ausgedacht von wissenschaftlich und philosophisch geschulten
Eliteplanern, hat sich seit dem 18. Jahrhundert nicht verändert.
»Kommunistische« Wirtschaftsplaner wurden problemlos umgemodelt in
neokonservative monetaristische Planer. Für sie war »Sozialismus«
auf charakteristisch positivistische Weise nur ein Irrtum der
Wirtschaftsrechnung. Die Theorie des »Grenznutzens« schien
»moderner« als die Arbeitswerttheorie - und Bürokraten gehen
bereitwilliger mit der vorherrschenden Mode mit als Modeschöpfer.7
Und
die Menschen aus der Kommunistischen Partei behielten ihre Macht?
Ja,
vor allem in den Provinzen - in den Stadträten, in der Polizei, im
Wirtschaftsleben, in den Handelskammern und den bürgerlichen
Parteien. Eine der Schwierigkeiten meiner liberalen Partei bestand
darin, dass sie mit ihrem Ursprung bei den Dissidenten keine
ehemaligen Mitglieder der Kommunistischen Partei anzog. Auf diese
Weise blieb sie ohne diese Wurzeln in der Lokalverwaltung, bei
örtlichen Bossen und örtlichen Cliquen.
Was
die Wirtschaft in den 1980er Jahren betrifft, war Ungarn nicht nur
von Auslandskrediten abhängig gewesen, sondern auch beteiligt an den
gut geschützten Handelsmechanismen des Comecon.8
Selbst ziemlich rückständige Technologien und Billigprodukte
konnten in die Sowjetunion mit ihrem riesigen inneren Markt
exportiert werden. Das hielt die überalterte Fabrikationsindustrie
am Leben, während sie gleichzeitig Investitionen über Westkredite
anzog. Der Verkaufsmarkt in der Sowjetunion und die
Auslandsinvestitionen brachten also Vorteile mit sich. Der Markt war
für die anderen »stalinistischen« Länder da, aber ohne die
Kredite.
Ein
Grund, warum das Regime überall zusammenbrach, lag darin, dass die
Kommunistische Partei nicht ohne ihre Ideologie und ihr Gefühl der
Identität überleben konnte. Wie sehr sie auch ein Instrument der
Macht und Kontrolle war, hing sie wesentlich ab von dem freiwilligen
Einsatz der Parteimitglieder, und die Partei versuchte, ihre
Mitglieder ideologisch zu kastrieren. Marxismus war für sie
unbequem, denn wenn du den Marxismus am Leben erhieltst, dann
produziertest du Rebellen. Deshalb kastrierten sie marxistische
Forschung und Denken auf verschiedene Weise - in Ungarn durch
Weber'sche »Modernisierungstheorien« und wilden Ästhetizismus, in
Polen und Rumänien durch Nationalismus. Zweifellos war der Marxismus
in den 1980er Jahren die Weltanschauung einer Minderheit, beschränkt
auf die alten Genossen, die keine Rolle bei der Sozialisation der
neuen Parteikader spielten. Die heute Vierzig- oder Fünfzigjährigen
in den osteuropäischen sozialistischen Parteien, die aus der alten
Staatspartei kamen, haben niemals in ihrem Leben ein marxistisches
Buch gelesen. Überall in Osteuropa, einschließlich natürlich in
der Sowjetunion, hat die Partei ihren ideologischen Kern verloren.
Sie funktionierte eine Zeit lang ohne ihn, völlig entleert, wobei
Macht die Rechtfertigung war, aber sie fiel in sich zusammen mit der
ersten echten Herausforderung, einer ziemlich banalen - der von
Menschenrechtsliberalen und demokratischen Nationalisten. Sie hatten
kein Wort zu sagen. Ihre Haltung war: »Wir wollen dasselbe (also
liberalen Kapitalismus), nur ein bisschen langsamer.«
Am
16. Juni 1988 sprengte die Partei höchst gewalttätig eine
Demonstration zum Gedenken an den Tod von Imre Nagy (und verprügelten
Sie vor laufenden Fernsehkameras), aber nur zwölf Monate später
brach sie zusammen, als große Zahlen von Ostdeutschen nach Ungarn
kamen, um von dort über die österreichische Grenze in den Westen zu
gelangen.
Um
die Ostdeutschen am Grenzübertritt zu hindern, wäre eine echte
Machtdemonstration nötig gewesen, was sie nicht tun konnten. Im
Großen und Ganzen verliefen die Veränderungen in Osteuropa ohne
Blutvergießen - mit ein paar Ausnahmen, zum Beispiel in Rumänien.
Niemand wollte schießen, und auch in den alten »kommunistischen«
Parteien gab es niemand, der dafür sein Leben opfern wollte. Niemand
hat auch nur den kleinen Finger zur Verteidigung des Systems gerührt,
das immerhin nach der Oktoberrevolution von 1917 geschaffen worden
war. Es gab keine ernsthafte Motivation, sich dem Wandel
entgegenzustellen. Was wäre die Staatsräson für die herrschenden
»kommunistischen« Parteien gewesen? Der Unterschied zwischen einem
monetarisierten und marktwirtschaftlich orientierten
Staatskapitalismus und dem echten Kapitalismus ist verschwindend
gering. Sie hätten den chinesischen Weg wählen können
(ungezügelter Kapitalismus plus Einparteienherrschaft), aber dafür
mangelte es ihnen an wirtschaftlicher Autarkie und den echten
revolutionären Wurzeln, wie sie die chinesische Kommunistische
Partei hatte. Die treibende Kraft in Osteuropa war ganz einfach der
Westen. Die »kommunistischen« Parteiführer hatten nichts zu sagen
und modelten sich selbst unbekümmert in »sozialliberale«
parlamentarische Wichtigtuer um. Diese unterscheiden sich von anderen
Parteien nur wegen der Vergangenheit ihrer Mitglieder, nicht wegen
ihrer Gegenwart. Die politischen Programme und Manifeste dieser
ehemaligen »kommunistischen« Parteien sind nicht anders als die der
übrigen.
Ich
erinnere mich, als ich in einer Nachwahl 1989 in das alte Parlament
als erstes und einziges Oppositionsmitglied gewählt wurde und ich
eine Rede hielt, in der ich dem »kommunistischen«
Ministerpräsidenten ins Gesicht sagte, er sei ein Lügner, und das
wurde live im Fernsehen übertragen. Es war das erste Mal seit 40
Jahren, dass jemand so etwas öffentlich aussprach, und es
verursachte große Aufregung. Aber dann kam der Generalsekretär im
Foyer auf mich zu, stellte sich mir vor (wir waren uns natürlich nie
zuvor begegnet) und sagte mir zu meiner großen Überraschung, dass
ich absolut recht hätte. Die Risse waren sichtbar geworden. Selbst
die Fassade begann zu bröckeln. Die Nummer eins im Staat machte die
Nummer zwei vor dem Volksfeind herunter ...
Erzählen
Sie mir etwas über das heutige Ungarn.
Während
Industrie und Landwirtschaft zusammenbrachen, sagten die herrschenden
politischen Kräfte, dass sie Ungarn in ein Finanzservicecenter der
Welt verwandeln wollten. Das war Unsinn. Nach dem völligen
Zusammenbruch Anfang der 1990er Jahre gab es einige
Auslandsinvestitionen, und angesichts der reichlich vorhandenen
billigen Arbeitskräfte wurde auch hier und dort ein Bauprojekt
verwirklicht. Aber bei den Aufkäufen ging es hauptsächlich darum,
Konkurrenten zu liquidieren und die Konsummärkte für die
Multinationalen zu bereinigen. Als die Arbeiter ihre Jobs verloren,
verflüchtigten sich natürlich die Träume von diesen Konsummärkten.
Inzwischen packen die Multinationalen wieder ihre Sachen und hauen
ab. Im Großen und Ganzen war es immer noch der Staat, der irgendwie
versuchte, sich um die wachsende Zahl von mittellosen Menschen zu
kümmern. Wir haben viel mehr Rentner als gewinnbringend beschäftigte
Menschen im Privatsektor. Der Lebensstandard ist abgestürzt, die
Arbeitzeit wurde für die noch Beschäftigten verlängert, und
Arbeitslosigkeit grassiert überall, und das bei einer
Arbeitslosengeldzahlung für nur sechs Monate. Viele Menschen
hungern, und das ist etwas, das sie nicht kennen. In den 1970er und
1980er Jahren war Ungarn verglichen mit der übrigen Region ein
blühendes Land, vor allem in den 1970er Jahren, als der
Lebensstandard stieg. All das bricht zusammen.
Was
die politischen Konflikte hier bestimmt, ist ein verzweifelter Kampf
um schwindende Staatsressourcen. Es ist ein Kampf zwischen der
Mittelschicht und den übrigen. Das ist die Basis für die
Rechtsradikalen. Es gibt nicht genug für jeden. Es gibt ein
verzweifeltes Schachern um Sozialhilfe, Einkommensunterstützung,
Sozialwohnungen, europäische Zuschüsse etc., und die Politik der
»sozialistischen« Regierung, die aus Einschnitten und noch mehr
Einschnitten und dann ein paar Einschnitten besteht. Das bringt die
Mittelschicht gegen die »Modernisierer« auf, die das multinationale
Kapital repräsentieren, und also gegen »Ausländer«.
Die
Gegnerschaft zu der neoliberalen Globalisierung nimmt überwiegend
nationalistische Formen an. Es ist notwendig, in einem mehr oder
weniger demokratischen Land der Nation zu erklären, wie und warum
die Regierung sich traut, den Bedürftigen solche Mittel zu
verweigern. Die Antwort heißt, den Konflikt über Kriminalisierung
und Schüren von Rassismus auszutragen, also zu sagen, dass all die
Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, sich rassisch von uns
unterscheiden, dass sie rassisch minderwertig sind im Fall der Roma,
oder faule Versager, stützeabhängige Schmarotzer im Fall des »White
Trash«, des weißen Mülls. Die Antwort lautet dann, mehr
Gefängnisse zu bauen, mehr Polizei einzusetzen und das Proletariat,
das Prekariat und die Unterklasse an ihrem Platz als Minderwertige zu
halten. Es ist ziemlich verblüffend, wie sehr die allgemeine Antwort
auf die Krise, die galoppierende Gesetzlosigkeit und die sich
ausbreitende Armut antiplebejisch sind. Der offene Hass gegen alte
Rentner, die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger als »Parasiten«
findet sein Gegenstück in dem Hass auf die herrschende Ordnung des
Kapitals als »ausländisch«. Die westlich-liberale Kritik am
osteuropäischen Rassismus, an Fremdenfeindlichkeit und Neofaschismus
wird als Finte verstanden, den »nationalen« Widerstand einem
wurzellosen kosmopolitischen Finanzkapital und lebenszerstörender
»politischer Korrektheit« auszuliefern. Die Stärkung der Rechten
heißt nicht nur, dass alte widerliche, quasifaschistische
Traditionen wiedererstehen, sondern es ist auch eine Antwort auf
sozialen Zusammenbruch und Auflösung. Die Rechte verspricht Ordnung,
sozialen Zusammenhalt und das Überleben der Mittelschicht, vor allem
für junge weiße, christliche Mittelschichtfamilien.
Und
das geschieht zu einer Zeit, da die Arbeiterklasse keinerlei
politische Vertretung hat, nicht einmal eine Minderheitsvertretung
oder eine Avantgarde, die in einer Konfliktsituation einen
Unterschied machen könnte. Es gibt nicht einmal eine symbolische
Repräsentation wie die Sozialdemokratie oder eine radikale
Minderheitenrepräsentation wie eure Socialist Workers Party. Die
Arbeiterklasse hier schweigt. Sie ist ein schlafender Riese. Sie ist
die einzige Klasse in Osteuropa, die abwartet, die gar nichts tut,
die politisch nicht existiert. Sie schließt sich weder den
Rechtsextremen und ihrem heldenhaften Kampf gegen die Unterklasse an
noch irgendeiner sozialistischen oder sozialdemokratischen
Opposition, weil so etwas nicht existiert. Die Gewerkschaften sind zu
Tode verängstigt, dass sie ihre Privilegien und ihre üblichen
Verhandlungspositionen verlieren.
Ich
weiß nicht, wie lange das so bleiben wird. Zurzeit ist der einzige
sichtbare Kampf der der Mittelschicht gegen die Unterschicht und
gegen die Krise, die als Konspiration von außen begriffen wird, als
etwas, das der Westen uns aufgezwungen hat durch die plutokratische,
kosmopolitische, antiungarische, antipolnische Weltordnung.
Einerseits haben wir neokonservative Parteien an der Macht, die den
globalen kapitalistischen Flügel der herrschenden Kräfte
repräsentierten; andererseits eine »nationalkonservative« Rechte,
die symbolisch die Interessen der Mittelschicht vertritt, aber sich
nicht offen dazu bekennt. Die Spannung ist riesig, aber die echten
politischen Bedingungen werden der öffentlichen Meinung nicht
präsentiert. Dagegen versuchen einige von uns zu kämpfen, aber es
ist ein harter Kampf, der im Moment nur aus Propaganda und Aufklärung
besteht. Wir könnten es am Ende schaffen, aber vielleicht zu spät.
Du
hast eine kleine Gruppe von Menschen um dich, und du bist an einem
Wahlprojekt beteiligt.
Es
gibt eine informelle Gruppe Linksintellektueller, die versuchen, den
Gewerkschaften bei ihrer Arbeit zu helfen - mit kostenloser
Öffentlichkeitsarbeit und indem sie die Gewerkschaften in der
Mehrheitsgesellschaft, wo sie stigmatisiert sind, hoffähig machen.
Das sind die Leute, die Feste zum 1. Mai organisieren mit Luftballons
und Würstchen und Bier. Sie werden mit größter Verachtung bedacht.
Die Menschen in dieser Gesellschaft halten mit ihrer blanken
Verachtung für jene, die körperlich arbeiten, nicht hinter dem
Berg, und selbst sogenannte Mitte-links-Publikationen machen sich
öffentlich lustig über Leute mit schmutzigen Händen. Das ist wie
in den 1920er Jahren: antidemokratisch und gegen die Arbeiterklasse
gerichtet und scharf antikommunistisch, angesichts der völligen
Abwesenheit einer sozialistischen Linken.
Wir
sagen also nicht nur, dass wir die Ungleichheit grundsätzlich nicht
mögen. Wir gehen zu Eisenbahnarbeitern und Metallarbeitern und
versuchen zu helfen, mit ihnen zu reden und zu lernen. Ich habe diese
neue Wählergruppe nicht gegründet. Ich wurde von Führern einer der
kleinen orthodoxen Nachfolgergruppen der Kommunistischen Partei plus
Grünen und Feministinnen gebeten, ihre Kandidatenliste bei den
Europawahlen anzuführen. Ich habe lange gezögert. Es ist schwierig
für mich, als halsstarriger Kämpfer gegen das frühere System mich
mit noch so moderaten, nichtbezahlten, völlig unschuldigen Erben des
Systems zu verbinden. Nicht, dass sie jemals Macht gehabt hätten,
der Chef der Partei ist ein junger Ingenieur, der zwanzig Jahre alt
war, als das System sein Ende fand. Ich habe schließlich ja gesagt.
Inzwischen haben sich uns andere Gruppen angeschlossen: Attac Ungarn,
linke »zivilgesellschaftliche« Gruppen, und wir haben vorsichtige
gewerkschaftliche Unterstützung. Wir machen eine Kampagne mit sehr
geringen Mitteln und ohne große Erwartungen. Dennoch ziehen wir
gewisse Aufmerksamkeit auf uns. Unseretwegen horchen vielleicht Leute
auf, und dann nehmen sie vielleicht unsere Literatur und fangen
irgendwas an.9
Wir
bilden also den Anfang überhaupt einer linken, sozialistischen
marxistischen Art von Organisation, aber immerhin haben wir
angefangen. Das ist ein langsamer und schwieriger Kampf, aber ich bin
überzeugter denn je, dass es absolut notwendig ist. Es gibt einen
scharfen Klassenkampf von oben nach unten. Da sind die Bourgeoisie
und die Mittelschicht, multinationales Kapital und die heimische
Mittelschicht, mit sehr unterschiedlichen aber sich zum Teil
überschneidenden Interessen, die das Proletariat und die
Unterschicht angreifen, und es gibt keine Antwort darauf - aber es
muss eine Antwort geben.
Es
wird auch im Interesse eines Teils der Mittelschicht sein, ein
Bündnis mit neuen proletarischen Kräften einzugehen, wie in alten
Zeiten, wenn sie nicht eine Art autoritärer nationalistischer
Halbdiktatur wollen. Die Menschen werden das irgendwann merken, aber
ich fürchte, es könnte dann zu spät sein. Denn was uns jetzt
bedroht, ist ein Bündnis von Konservativen und Rechtsradikalen, die
das Diktat des globalen Kapitals akzeptieren werden und das mit
nationalistischer Parolenschmiederei kaschieren, mit der
Kriminalisierung des proletarischen Widerstands und rassistischen
Spaltungen.
Du
kannst sehen, wie dieses bürgerliche Establishment versucht, jeden
rauszudrängen, der am Rande zu stehen scheint. Schwulen- und
Lesbenclubs, Frauengruppen werden angegriffen - abgefackelt -
ebenso wie die Roma. Es gibt straff organisierte neonazistische,
terroristische Gruppen, die schon einige »Zigeuner« ermordet und
versucht haben, Sozialisten und liberale Politiker umzubringen.
»Nationalkonservative« Politiker zögern im Großen und Ganzen,
solche Vorgänge zu verurteilen. Ungarn hat die einzige
nationalsozialistische Tageszeitung und den einzigen
nationalsozialistischen Fernsehsender in Europa, vielleicht in der
ganzen Welt. Hunderte offen antisemitische Kommentare werden täglich
auf den Webseiten von angesehenen Mitte-links-Zeitungen gepostet,
ganz zu schweigen von anderen Foren. Eine autoritäre Bildungsreform
mit körperlicher Züchtigung von Kindern wird befürwortet -
etwas, das seit 1945 verboten ist. Es gibt Rufe nach Wiedereinführung
der verrufenen Gendarmerie, deren Eifer und Grausamkeit bei der
Deportation ungarischer Juden im Jahr 1944 sogar Eichmann verblüffte.
Noch so schüchterne Maßnahmen zur Aufhebung von Segregation an
Schulen werden heftig bekämpft und von den örtlichen Behörden
abgelehnt. Dunkelhäutige Kinder haben ihre eigenen miesen
»Bildungseinrichtungen«. Moderne Kunst wird auf eine Weise
niedergemacht, wie wir es seit den 1930er Jahren nicht mehr erlebt
haben. Die Aufklärung und das modernistische Erbe werden wieder als
degeneriert und teuflisch dargestellt. In all diesen Dingen wird ein
rebellisches Potenzial gewittert. All die reaktionären Klischees
kommen hoch.10
Die Reaktion lehrt die Osteuropäer, wie diese Kämpfe
zusammenhängen. Wir lernen es auf die harte Tour. Uns muss niemand
erzählen, dass Sozialisten und Feministinnen, schwule und lesbische
Aktivisten, Aktivisten für Minderheitenrechte und Gewerkschafter
zusammengehören, weil wir alle von demselben Feind verprügelt
werden.
Aus dem Englischen von Rosemarie Nünning
Literatur
Haraszti, Miklós,
Stücklohn,
Rotbuch
Verlag, Berlin 1975.
Rakovski, Marc,
Towards
an East European Marxism, Macmillan,
London 1978.
Tamás, Gáspár
Miklós,
L'Oeil
et la Main,
Editions Noir, Genf 1985.
Tamás, Les
Idoles de la Tribu,
Editions de l'Arcantère, Paris 1989.
Tamás,
»Ethnarchy and Ethno-Anarchism«, Social Research, Band 63, Nr. 1,
Frühjahr 1996.
Tamás, »On
Post-Fascism«, Boston
Review, Sommer
2000, www.bostonreview.net/BR25.3/tamas.html.
Tamás, »Ein
ganz normaler Kapitalismus«, Grundrisse
22,
Wien 2007,
http://www.grundrisse.net/grundrisse22/Gaspar_Miklos_Tamas.htm.
Tamás,
»Konterrevolution gegen eine Konterrevolution«, Westfälisches
Dampfboot, 22. 10. 2007, http://www.linksnet.de/de/artikel/20807.
Zebrowski, Andy,
und andere, »Solidarity at the Crossroads«, International
Socialism 41,
London, Winter 1988.
Fußnoten
1János
Kis war gemeinsam mit György Bence Verfasser des Buchs, das unter
dem Pseudonym Marc Rakovski-Rakovski im Jahr 1978 erschien. Bence,
Kis und ihr früherer Lehrer György Márkus versuchten sich in den
1970er Jahren an einer systematischen Kritik von Marx's »Kapital«
in einem wichtigen Buch, das in Ungarn erst 1989 erschien und bisher
nicht übersetzt wurde.
2Haraszti,
1975. Siehe auch die englische Besprechung unter:
http://www.marxists.org/history/etol/newspape/isj/1977/no103/barkere.htm.
3Samizdat
war der russische Name für unzensiertes Untergrundmaterial der
Opposition.
4So
lautete die Parole der französischen Kommunisten im Zweiten
Weltkrieg.
5Eine
Mitschrift eines Teils dieser Diskussion findet sich in Zebrowski
und andere, 1988.
6Siehe
Tamás, 1985.
7Siehe
Tamás, 2007, S. 66-75, and Tamás, 2008, S. 61-67.
8Der
Comecon war der von den Russen beherrschte »Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe«.
9Seit
diesem Interview ist es der ungarischen Grün-Linken gelungen, die
notwendigen 20.000 Unterschriften zu sammeln, um zu kandidieren. Sie
wurden jedoch durch bürokratische Trickserei an der Teilnahme
gehindert. Das führte zu einem riesigen internationalen Skandal,
wobei die deutsche Partei Die Linke bei allen Stellen Protest
einlegte. Die Organisation rief ihre Anhänger dazu auf, quer über
den Stimmzettel »Grün-Linke« zu schreiben und somit als stiller
Protest ungültig zu stimmen. Selbst in den Massenmedien gab es
einen Grad von Solidarität.
10Siehe
Tamás, 1989; Tamás, 1996, S. 147-190, Tamás, 2000.
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