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Serie: Marx neu entdecken - Teil 8 | Drucken |
Die Bildung der Arbeitskraft im Kapitalismus
Wie Wissenschaft zur Ware wird. Von Elmar Altvater

Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Vor nahezu einem halben Jahrhundert, im Jahr 1961, gab der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) die Denkschrift zur »Hochschule in der Demokratie« heraus. Die Botschaft: Studieren ist eine wichtige und gesellschaftlich nützliche Tätigkeit, für die nicht etwa Gebühren zu zahlen sind, sondern die mit einem Studienhonorar zu finanzieren ist. Nur ein selbstbestimmtes und honoriertes Studium befähigt zu kritischer Praxis an der Hochschule und später in Beruf und Gesellschaft. Deshalb muss die Hochschule demokratisch organisiert sein und allen den Zugang zum Hochschulstudium ermöglichen. Wissen und Bildung sind ein öffentliches Gut und daher für alle da und sie dürfen nicht durch politisch oder wirtschaftlich mächtige Gruppen monopolisiert werden. Die Zeit der Privilegien ist in der Demokratie vorbei.

Etwa ein Jahrzehnt danach löste sich zwar der SDS auf, aber eine »Kapital-Lesebewegung« an einer Reihe von Hochschulen im damaligen Westdeutschland entstand. Sie fragte nicht nur nach der Hochschule in der Demokratie, sondern auch nach der Stellung der Hochschule in der kapitalistischen Gesellschaft. Es musste ja erklärt werden, warum die hehren Ziele der Hochschuldenkschrift nicht Wirklichkeit geworden sind. Also wurde die Kritik der Politischen Ökonomie auf den so genannten »Ausbildungssektor« ausgedehnt, das heißt das Kapital-Studium war zugleich eine kritische Aufarbeitung der Institution, in der man - als Student(in) oder Dozent(in) - arbeitete. Es war auch wichtig zu wissen, welche emanzipatorischen und politischen Fähigkeiten Lehrer und Hochschullehrer, und vor allem die Schüler und Studenten entwickeln können (und sollten), um die Gesellschaft zu begreifen und sozialistisch (zumeist in undogmatischem Sinne verstanden) verändern zu können.

Jedoch sind nach drei Jahrzehnten neoliberaler Hegemonie die Hochschulen weniger offen für theoretische und praktische Kritik als zu Zeiten der »68er« und der »ersten Lesebewegung« des Kapital. Sie sind stärker durchkapitalisiert als damals. Das Management einer Hochschule folgt betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien, so als ob es die Rendite eines Hedge-Fonds im Interesse von Shareholdern zu maximieren hätte. Kein Wunder daher, dass der eine oder andere von ihnen keine Scham empfindet, sich aktiv als Ideologe des Kapitalismus für eine Lobby-Organisation wie die der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« zu betätigen. Der moderne finanzmarktgetriebene Kapitalismus hat das Bildungssystem, also auch die Universitäten, im Griff.

Alles um das Studium und die Forschung herum wird in Waren verwandelt. Da zum Beispiel Fachhochschulen kein Promotionsrecht haben, bilden sie zwar wissenschaftlich-technisch hoch qualifizierte Arbeitskräfte mit hoher »employability« (Beschäftigungsfähigkeit) in Wirtschaft und Verwaltung aus.

Es ist ihnen aber verwehrt, die Doktorwürde zu verleihen, die noch immer die Eintrittskarte in den gehobenen Dienst und die oberen Etagen der Karriere ist und daher für den Akademikerhimmel prädestiniert. Doch den Doktortitel kann man z.B. an einer britischen Universität erwerben - wenn im Rahmen der europäischen Kooperationsvereinbarungen (Bologna-Zusammenhang) entsprechende Kurse belegt und Examina absolviert werden. Gegen Gebühren von etwa 15.000 Euro, versteht sich.
Adam ist der gleiche, ob mit oder ohne Doktor-Urkunde, aber Adam Ware Arbeitskraft kann sich als Dr. Adam teurer verkaufen. Vermarkten lohnt sich, und damit dies möglich ist, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Inwertsetzung, die profitable Verwertung der Promotion als zertifizierte Ware erlauben.

Da hier ein neues Geschäftsfeld für kapitalistisch operierende Bildungseinrichtungen geschaffen wurde, entsteht auch sogleich das passende Geschäftsmodell. Nicht nur Promotionen werden verkauft, sondern Studiengänge werden zertifiziert, und dafür benötigt man Zertifizierungsgesellschaften. Universitäten werden ähnlich wie toxische Papiere »geratet«, und dafür braucht man rating agencies. Leistungen werden gemessen, Zitationen gezählt - alles gegen klingende Münze in den Kassen einer neuen Industrie der Bildungsvermarktung.

Auch die Bildung des Arbeitsvermögens der Ware Arbeitskraft wird vermarktet. Deshalb kam in den 1960er Jahren die Bildungsökonomie als eine neue Wissenschaft auf. So genannte »Manpower-Studien« sollten die Bildungsplanung unterstützen, um das an den Universitäten »produzierte« Angebot an Qualifikationen der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt anzupassen und ein den ökonomischen Gegebenheiten angemessenes Arbeitsvermögen bereit zu stellen. Dafür setzte sich international die OECD ein. Also ging es vor allem darum, mit makroökonomischen Modellen die Entwicklung der Qualifikationsstruktur zu erforschen und dann die Bildungsinstitutionen zu veranlassen, ihren »Output« entsprechend zu planen. Planung war in den 1960er und 1970er Jahren im Westen keineswegs »megaout« wie seit der neoliberalen Wende und dem Zusammenbruch der Planungssysteme im real existierenden Sozialismus, sondern ein vollständig und breit akzeptiertes staatliches Steuerungsinstrument. Doch die Versuche der makroökonomischen Steuerung des Bildungssystems sind trotz Vollbeschäftigung gründlich gescheitert.

Ein Grund, wenn auch nicht der einzige, sind die Produktionsbedingungen von Qualifikation, die denen der Schweinezucht gleichen, die der Agrarökonom Arthur Hanau 1927 untersucht hatte. Auf das Bildungssystem angewandt, besagt das Modell des »Hanauer Schweinezyklus«: Sehr viele Schweine auf dem Markt führen zum Preisverfall von Schweinefleisch. Also werden in den nächsten Perioden weniger Schweine gezüchtet und auf den Markt geworfen, da es sich nicht lohnt. Der Schweinepreis steigt und die späteren Schweinezüchter folgen ganz rational diesem Signal, indem sie wieder mehr Ferkel mästen. Ähnlich ist es mit der Lehrer- oder Ärzteschwemme oder dem Akademikerüberhang im Allgemeinen, nur dass die »Zyklen« länger dauern als bei der Schweinezucht, und dass daran menschliche Schicksale hängen. Der individuelle Student, der sein Studium wählt, handelt aufgrund der Marktsignale ganz rational. Aber gerade weil alle rational handeln, kommt ein gesellschaftlich irrationales Ergebnis heraus, ein im klassisch griechischen Sinne tragisches Resultat.

Dennoch sind zwei Aspekte der Debatte um Bildungsplanung wichtig geworden. Sie haben in der Kapital-Lesebewegung der 1970er Jahre viele Kontroversen ausgelöst, und zwar zur Bedeutung der Qualifikationsstruktur für die schnelle Rekonstruktion der kapitalistischen Gesellschaften nach dem zweiten Weltkrieg und zum sogenannten Reduktionsproblem, das Marx im ersten Band des »Kapital« aufwirft.

Während sich im Jahre 2009 der Kapitalismus in seiner schwersten Krise befindet, leuchtete noch in den 1960er Jahren die Sonne des »Wirtschaftswunders«. Doch diese wurde verdunkelt in einer kleinen Krise mit kurzzeitig knapp einer Million Arbeitslosen in den Jahren 1966/67. Wie sollte dieser Wehrmutstropfen in der Wirtschaftswunderseligkeit interpretiert werden? Der ungarische Ökonom Franz Jánossy hatte ein damals innerhalb der nach kritischen Analysen dürstenden Studentenbewegung breit rezipiertes Erklärungsangebot. Die Entwicklung der Qualifikationsstruktur der Arbeitskraft ist sowohl der dynamische als auch der limitierende Faktor des Wachstums. Solange genügend qualifizierte Arbeitskräfte verfügbar sind, geht es aufwärts. Wenn aber die Qualifikationsstruktur mit ihren Reserven ausgeschöpft ist, können hohe Wachstumsraten nur noch realisiert werden, wenn man viel in die Bildung investiert. Das war ein süffiges Erklärungsangebot für die »Wirtschaftswunder« und deren Ende in der Mitte der 1960er Jahre. Es begründete zugleich die große Bedeutung des Ausbildungssektors für Wirtschaft und Gesellschaft und lieferte Argumente für massive Bildungsinvestitionen. Mit dem Ansatz waren also die strategischen Optionen der Studentenbewegung gut zu fundieren. Freilich wurde hier der »Gebrauchswertseite« der Bildung eine übermäßig wichtige Rolle beigemessen und der Tauschwertseite eine zu geringe.

Das wird mit der Marx'schen Unterscheidung von Wert und Gebrauchswert, von konkreter und abstrakter, von qualifizierter und komplizierter Arbeit vermieden. Die Grundannahme ist, dass konkrete Arbeiten nicht nur so verschieden sind wie die Berufe und die Arbeitsprozesse, sondern dass auch die abstrakte Arbeit keineswegs homogen ist. Es gibt »komplizierte Arbeit«, die als »potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit« gilt (MEW 23: 59). Arbeit, in die mehr Bildung eingeflossen ist, Arbeit, die nur nach langjähriger Berufserfahrung geleistet werden kann etc., ist in diesem Sinne komplizierte Arbeit. Im Resultat des Arbeitsprozesses, dem Produkt, werden die unterschiedlich komplizierten Arbeiten jedoch gleichgesetzt; sonst könnten sich die Produkte dieser Arbeiten nicht auf dem Markt austauschen: »Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt die Erfahrung. Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar« (MEW 23: 59). Der Markt homogenisiert die inhomogenen Arbeiten »hinter dem Rücken« der Beteiligten. Wichtig ist dieser »Querpass« von der konkreten, qualifizierten Arbeit zur abstrakten, Wert produzierenden komplizierten Arbeit, ist es so doch möglich zu begreifen, dass Bildung des Arbeitsvermögens auf die Bildung des ökonomischen Werts Einfluss ausübt.

Im modernen Kapitalismus wird alles verwertet und als Kapital kalkuliert - Realkapital, Immobilienkapital, Naturkapital, Sozialkapital - und nicht zuletzt Humankapital. Dass durch Bildung individuell zurechenbares »Humankapital« erzeugt wird, das wie Geld- und Produktivkapital einen Einkommensstrom in Form von Profiten und Zinsen generieren könnte, veranlasste Karl Marx schon in den »Grundrissen« von 1857 zu der Bemerkung, der Begriff des Humankapitals mache genauso viel Sinn, wie wenn man »die Substanz des Auges (als) das Kapital des Sehens etc.« bezeichnen würde. So betrachtet ist Bildung eine Investition vergleichbar der Investition in Finanzanlagen oder Immobilien.

»Humankapital« wird etablierter Begriff in der Wachstumstheorie, auch wenn es hin und wieder Ökonomen gibt, die über die Unfähigkeit jammern, den Beitrag der Bildung zum Wirtschaftswachstum exakt messen oder die Größe des Humankapitals berechnen zu können. Hat dies systematische Gründe? Ganz gewiss. Dass Bildung, die Qualifikation, das Können der Menschen für die Produktion von Gütern und Diensten in der »Wissensgesellschaft« unverzichtbar sind, kann nicht bestritten werden. Dass Bildung eine Art Investition in Humankapital sei aber sehr wohl. Zunächst ist individuelle Bildung (»mein Humankapital«) nichts ohne die Bildung aller anderen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Was jemand weiß, weiß sie oder er von anderen. Alle sind Lehrer und Lernende zugleich. Bildung und Wissen sind daher öffentliche Güter par excellence und nicht individuelles Kapital, das seinem Eigner Zinseinkünfte einbringt. Obendrein kann das Einkommen eines Menschen kaum dem Humankapital zugerechnet werden. Sonst gäbe es keine hochqualifizierten Menschen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen und partiell pfiffige Dummdäubel wie die inzwischen berüchtigten Privatbanker mit sehr hohen Bonuszahlungen. Schließlich ist es dem Humankapitalisten verwehrt, sein Humankapital zu liquidieren und alternativ, beispielsweise in Immobilienfonds zu investieren. Er kann allenfalls »Kapitalflucht« begehen und auswandern. Aber das ist keine Kapitalbewegung auf dem Finanzmarkt, sondern Migration auf dem internationalen Arbeitsmarkt.

Im Jahre 2004 wurde »Humankapital« von Sprachwissenschaftlern zum »Unwort des Jahres« gekürt. Die Jury begründete ihre Wahl damit, dass »Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen degradiert« würden. Stimmt, nur ist die Geschichte des »Unworts 2004« einige Jahrhunderte alt. Die lange Geschichte des Worts adelt es nicht. Es verkehrt die Verhältnisse, vernebelt den Unterschied von Arbeit und Kapital, macht also dumm. Die Vermarktwirtschaftlichung ist also wie ein Mahlstrom, in dem die Gesellschaftlichkeit der Bildung, ja die Demokratie untergehen. Das beklagt inzwischen auch der eher konservative Staatsrechtler und ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde und spricht von »dem um sich greifenden Ökonomismus der Lebensverhältnisse (...). Schon vor mehr als 150 Jahren hat Karl Marx diese Funktionslogik analysiert, und man kann sich der Aktualität seiner Prognose nicht entziehen« (Süddeutsche Zeitung, 24.04.2009). Böckenförde spricht sich daher für ein »Gegenmodell zum Kapitalismus (und) seinem inhumanen Charakter« aus, das weder vom Nationalstaat noch von einer nicht existenten globalen Staatlichkeit, wohl aber im Rahmen Europas realisiert werden könne. Da spricht der Staatsrechtler. Kritische Sozialwissenschaftler und diejenigen, die heute oder 1968 an den »Lesebewegungen« des »Kapital« von Marx beteiligt sind, wissen, dass der Staat ein Feld der Klassenauseinandersetzungen und politischen Konflikte ist, dass also soziale Bewegungen bei der Analyse der Krisentendenzen der Gegenwart und beim Entwurf des »Gegenmodells« zum Kapitalismus mitreden.

Zu dieser Erkenntnis, die für die politische Praxis ungeheuer wichtig ist, muss sich der Arbeiter, wie Marx schrieb, »emporarbeiten«, intellektuell und organisiert politisch. Studenten sind davon ebenso wenig ausgenommen wie ihre nicht studierenden Kolleginnen und Kollegen. Darauf wäre genauer einzugehen, wenn Wissenschaft, Bildung und Ausbildung in ihrer Bedeutung für die Entstehung des Klassenbewusstseins und für soziale Auseinandersetzungen betrachtet werden.

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marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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