|
 |
 |
 |
 |
| |
|
23.11.09: Nachruf |
| Drucken |
|
Chris
Harman, Chefredakteur des Magazins International Socialism und zuvor
viele Jahre der Wochenzeitung Socialist Worker, starb in der Nacht
vom 6./7. November an einem Herzinfarkt. Ein Nachruf von Alex Callinicos.
Chris
ging aus der politischen Radikalisierung Ende der 1960er und Anfang
der 1970er Jahre als der herausragende Marxist in Großbritannien
hervor. Sein grundlegender intellektueller Beitrag erstreckte sich
über ein verblüffendes Spektrum von Themen. Aber
ganz in der Tradition von Marx, Engels, Lenin und Trotzki, Luxemburg
und Gramsci war er ein professioneller Revolutionär, der sein Leben
dem Aufbau der Socialist Workers Party (SWP) widmete.
Geboren
im Jahr 1942 schloss Chris sich als Schüler in Watford der Socialist
Review Group an, der Vorgängerin der International Socialists (IS),
die später zur SWP wurde. Nach seinem Studium an der Universität
Leeds von 1962 bis 1965 ging er für ein Promotionsstudium an die
London School of Economics (LSE). In
der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war das LSE das Auge des Sturms
in der Studentenbewegung Großbritanniens. Chris wurde führender
LSE-Aktivist und gab seine wissenschaftliche Karriere auf. Seitdem
arbeitete er Vollzeit für die IS, anfangs als Chefredakteur des
Theoriemagazins International
Socialism und
Journalist für die Wochenzeitung Socialist
Worker. Chris gab den
Socialist Worker
von 1975 bis 1977 heraus und erneut von 1982 bis 2004. In seiner
letzten, sehr produktiven Arbeitsperiode war er wieder Chefredakteur
von International
Socialism.
Leistungen
Zehntausende
junger Menschen trafen Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre eine
ähnliche Entscheidung wie Chris. Aber sehr viel weniger blieben
diesem Weg noch treu, nachdem die Revolte Mitte der 1970er Jahre
abzuflauen begann. Chris
dagegen blieb nicht nur dabei, sondern begann bereits mit Anfang
zwanzig in seinen Schriften einen revolutionären Marxismus als
Wegweiser durch die Komplexitäten und Wirrungen der letzten
Jahrzehnte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Tony
Cliff, der Begründer der IS-Tradition, stattete Chris mit dem
theoretischen Rüstzeug aus. Cliffs Analyse der Sowjetunion und der
anderen »sozialistischen« Länder als bürokratische
Staatskapitalismen erlaubten die Fortsetzung des revolutionären
Marxismus als lebendige Tradition.
Auf dieser Grundlage - so demonstrierte Chris - konnte Marx'
Vorstellung von
Sozialismus als Selbstbefreiung der Arbeiterklasse weiterhin von
Bedeutung sein. Aufbauend
auf Cliffs Leistungen erweiterte Chris die Bandbreite und Tiefe der
marxistischen Theorie auf vielen, sehr unterschiedlichen Gebieten.
Insgesamt war seine Arbeit von höchster Qualität, stützte sich auf
gründlichste Forschung und rigorose wie schöpferische Analyse. Das
Folgende kann leider eine nur unzureichende Zusammenfassung seiner
Arbeit darstellen:
Zuallererst
entwickelte Chris die Analyse des Stalinismus von Tony Cliff weiter. In
seinem ersten Buch, »Bureaucracy
and Revolution in Eastern Europe« von 1974, wiederveröffentlicht
unter dem Titel »Class Struggles in Eastern Europe«, untersuchte
er die instabile und konfliktbehaftete Geschichte der
staatskapitalistischen Regime nach 1945. Aber
schon vorher hatte Chris aufgezeigt, wie Versuche, die
stalinistischen Regime von oben zu reformieren, eine Dynamik
freisetzen konnten, die die Möglichkeit eines revolutionären
Umsturzes von unten eröffnete. Eben diese Logik führte vor zwanzig
Jahren zum Sturz des Stalinismus.
In »Poland: Crisis of State Capitalism« (1976/77) erahnte er dieses
Ende. Er untersuchte, wie die sogenannten sozialistischen Länder in
den globalen kapitalistischen Rhythmus von Handel und Verschuldung
gezogen wurden.
Er
bezeichnete in »The Storm Breaks« (1990) den Sturz der Regime als »Schritt zur Seite«, von Staatskapitalismus zu
Privatkapitalismus. Chris'
Fähigkeiten als Historiker zeigten sich zum ersten Mal in ihrer
ganzen Breite in der überzeugenden Darstellung der Arbeiterrevolten
in seinem Buch »Bureaucracy
and Revolution«. Dann setzte er sich in »Die verlorene
Revolution. Deutschland 1918-1923« (1982) mit der Deutschen
Revolution auseinander, und mit dem Bewegungsaufschwung Ende der
1960er und Anfang der 1970er Jahre in »1968 - Eine Welt in
Aufruhr«.
Chris
schrieb auch wichtige Abhandlungen über marxistische Theorie und
Geschichte. Ein absoluter Höhepunkt seiner historischen Veröffentlichungen ist das Buch »People's
History of the World« (1999). Eine marxistische Darstellung der Geschichte der Menschheit. Ein großer Erfolg vor
allem, seit der englische Verlag Verso es neu herausgebracht hat. Eine
der Stärken des Buchs liegt in der kenntnisreichen Darstellung der »primitiven« Gesellschaften. Anlässlich der in den 1970er Jahren
tobenden Debatten über die Frage der Frauenbefreiung begann Chris
sich mit der anthropologischen Forschung über diese Gesellschaften
gründlich auseinanderzusetzen.
Für
ihn zeigte sie, dass Männer und Frauen in Gleichheit leben konnten,
wenn erst einmal die Klassengesellschaft mit ihrer Ausbeutung
gestürzt war. Das
war typisch für Chris' Arbeitsweise. Er interessierte sich
normalerweise für bestimmte Fragen nicht um des Themas selbst
willen, sondern um in eine politische Debatte einzugreifen. Der Text »Politischer Islam - eine marxistische Analyse« war deshalb ebenfalls eine Pionierarbeit, die Sozialisten als Rüstzeug für die Debatten und Kämpfe nach dem 11.
September 2001 diente.
Einige
von Chris' wichtigsten Schriften widmeten sich unmittelbar den
Fragen der revolutionären Strategie und Taktik. Ein herausragender
früher Aufsatz, »Partei und Klasse« von 1968, war ursprünglich
ein internes Parteidokument, mit dem die radikalisierten Studenten,
die sich um die IS gesammelt hatten, von der Notwendigkeit des
Aufbaus einer leninistischen Avantgardepartei überzeugt werden
sollten. Mitte
der 1970er Jahre, zu einer Zeit wachsender Konfusion in der
europäischen radikalen Linken, griff Chris entscheidend in die
aufkommenden Bewegungen und Diskussionen ein, vor allem während der
portugiesischen Revolution von 1974/75, und wandte sich gegen den
Versuch, Antonio Gramsci in einen Theoretiker des Reformismus zu
verwandeln.
Dasselbe
Bedürfnis, politische Richtung zu geben, stand hinter einem letzten
und wesentlichen Bereich von Chris' Arbeiten: der Analyse des
Kapitalismus selbst. Sein
tiefes und originäres Verständnis marxistischer politischer
Ökonomie hatte sich schon in einem brillanten Beitrag zu einer
Debatte Ende der 1960er Jahre mit Ernest Mandel, dem Führer der
Vierten Internationale, gezeigt. In
einer Artikelsammlung, die unter dem Titel »Explaining the Crisis«
1983 als Buch erschien, stützte er sich auf eine frühere Arbeit von
Mike Kidron. Kidron hatte nachgewiesen, dass ein hohes Niveau von
Rüstungsausgaben den Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg
vorübergehend stabilisiert hatte.
Chris
erweiterte diese Analyse nun, um die Rückkehr großer Krisen im
System ab Ende der 1960er Jahre zu erklären. Zu einer Zeit, da die
marxistische Ökonomie an den Universitäten in der Krise
war,
bewies er die fortgesetzte Bedeutung von Marx' Versuch, die
Bewegungsgesetze des Kapitalismus zu verstehen. Chris
schrieb weiterhin über politische Ökonomie in späteren
Jahrzehnten, aber erst in den letzten Jahren kehrte er mit größerer
Tiefe zu dem Thema zurück. In einem sich ausweitenden Dialog mit
anderen führenden marxistischen Wirtschaftswissenschaftlern
arbeitete er an dem Buch »Zombie Capitalism«, das Anfang dieses
Jahres veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine ausgezeichnete
Studie, in der Chris die gegenwärtige Krise in den Kontext von
Geschichte und Dynamik des Kapitalismus insgesamt setzt.
Engagement
Schon
ein Bruchteil seiner Leistungen hätten vielen eine akademische
Karriere verschafft. Chris produzierte all dies und noch viel mehr
nicht um der Annehmlichkeiten und des Ansehens der universitären
Karriere willen, sondern als unterbezahlter Vollzeitangestellter der
SWP. Eine
besondere Rolle in der Partei spielte er als Chefredakteur von
Socialist Worker,
nachdem er die Zeitung Anfang der 1980er Jahre erneut übernommen
hatte, in einer Zeit großer Desorientierung für die Linke. Chris
steuerte das Blatt durch die verheerenden Thatcher-Jahre - die vor
allem durch das große Drama des verlorenen Bergarbeiterstreiks von
1984/85 gekennzeichnet waren - und die Flaute der 1990er Jahre bis
zur neu aufkommenden Radikalisierung der antikapitalistischen und
Antikriegsbewegungen im vergangenen Jahrzehnt.
Chris
verbarg seine außerordentlichen Fähigkeiten und Leistungen hinter
einem schüchternen Äußeren. Er hatte nicht die geringste
Überheblichkeit an sich. Aber
er blieb ein Vorbild revolutionärer Integrität und Hingabe. Er
setzte einen eigenen Kontrapunkt gegen die selbstgefällige Nostalgie
der kürzlich in Erinnerung an die Kämpfe am LSE in den 1960er
Jahren Versammelten, indem er verkündete, dass er jetzt als Rentner
mehr Zeit für Aktivitäten habe. Es
gehört zu den Grausamkeiten des Lebens, dass Chris des glücklichen
und produktiven Alterslebens beraubt wurde, das er mit Fug und Recht
erwarten konnte. Er wird in seinen Schriften und dem politischen Erbe,
das er der SWP und ihren Schwesterorganisationen der International
Socialist Tendency hinterlassen hat, weiterleben.
Das
kann über den schrecklichen Verlust, den sein Tod bedeutet, nicht
hinwegtrösten - vor allem für seine Partnerin Talat und seine
Kinder Seth und Sinead, aber auch für den viel größeren Kreis, mit
dem er in Berührung kam. Ich und Chris kannten uns über 35 Jahre - persönlich habe ich einen Genossen, Freund und Lehrer verloren. Dies ist der Moment zu trauern ehe wir - wie Chris
es erwarten würde - den Kampf wieder aufnehmen.
|
|
|
|
 |
|