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09.12.09: Afghanistan |
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Malalai Joya: »Ich erhebe meine Stimme« |
Afghanistans jüngste Parlamentarierin Malalai Joya über die Besatzung, ihren Kampf gegen die Kriegsherren und Fundamentalisten im Land und über ihr neues Buch:
 Malalai Joya (Foto: AfghanKabul / flickr.com) Ich komme aus einem tragischen Land. Es heißt Afghanistan. Mein
Leben hat einige außergewöhnliche Wendungen genommen, und doch ist
meine Geschichte in vielerlei Hinsicht die Geschichte meiner
Generation. Ich bin 30 Jahre alt. Schon seit ich geboren wurde,
leidet mein Land unter der Geißel des Krieges. Die meisten Afghanen
meines Alters - oder jüngere - kennen Blutvergießen, Besatzung und
Vertreibung. Als ich noch ein Baby in den Armen meiner Mutter war,
marschierten die Sowjets in mein Land ein. Als ich vier Jahre alt
war, sah sich meine Familie gezwungen, in den Iran zu flüchten.
Später lebten wir in Pakistan. Millionen Afghanen wurden getötet
oder ins Exil getrieben. Meine Familie floh in den von
kriegsgebeutelten 80ger Jahren. Als die Russen abzogen und ihr
Marionettenregime gestürzt wurde, sahen wir uns mit einem
furchtbaren Bürgerkrieg zwischen fundamentalistischen
Kriegsherren konfrontiert. Dann kam die Herrschaft der
rückschrittlichen, mittelalterlichen Taliban.
Nach der Tragödie vom 11. September 2001 und dem darauf folgenden
Sturz der Taliban glaubten viele Afghanen, endlich ein wenig Licht am
Ende des Tunnels zu sehen - Zukunft und ein gewisses Maß an
Gerechtigkeit. Doch es sollte nicht sein. Wieder einmal wurde das
afghanische Volk betrogen - diesmal von jenen, die behaupteten, ihm
helfen zu wollen. Mehr als sieben Jahre sind seit der US-Invasion
vergangen. Noch immer sehen wir uns mit einer ausländischen
Besatzung konfrontiert und mit einer von den USA gestützten
Regierung, voller Kriegsherren, die nicht besser sind als die
Taliban. Anstatt diese ruchlosen Killer für ihre Kriegsverbrechen
vor Gericht zu bringen, haben die USA und ihre Verbündeten sie mit
mächtigen Ämtern ausgestattet, so dass sie einfache Afghanen weiter
terrorisieren können.
Vielleicht schockt es Sie, das zu hören - denn die Wahrheit über
Afghanistan wird versteckt hinter Rauchschwaben aus Worten und
Bildern, die die USA und deren Nato-Verbündete sorgfaltig geschaffen
haben, häufig unkommentiert von den westlichen Medien. Vielleicht
haben Sie sich einreden lassen, dass - gleich nach dem Sturz der
Taliban -, die Gerechtigkeit einzog in Afghanistan. Afghanische
Frauen wie ich, die wählen gehen und sich selbst wählen lassen,
müssen als Beweis herhalten, dass das amerikanische Militär
Afghanistan die Demokratie und den Frauen die Frauenrechte gebracht
hat. Doch das alles ist Lüge. Man streut der Welt Sand in die Augen.
Ich bin das jüngste Mitglied des Afghanischen Parlamentes. Doch
mein Abgeordnetensitz wird mir verwehrt. Man hat mich mit dem Tod
bedroht. Warum? Weil ich die Wahrheit sage - über die Kriegsherren
und die Kriminellen in der Marionettenregierung von Hamid Karsai. Ich
habe mindestens fünf Attentate - und unzählige geplante Anschläge
- überlebt. Aus diesem Grund bin ich gezwungen, im eigenen Land als
Flüchtling zu leben. Ein Onkel, dem ich vertraue, managt die
Details, was meine Leibwächter angeht. Wir ziehen von Haus zu Haus -
fast jede Nacht - um den Feinden immer einen Schritt voraus zu sein.
Um meine Identität zu schützen, muss ich mich unter einem dieser
schweren Tücher - Burka genannt - verbergen. Für mich ist die Burka
ein Symbol der Unterdrückung der Frau. Es ist wie ein Leichentuch
für den lebendigen Leib. Selbst während der dunklen Zeit der
Taliban war es mir zumindest möglich, nach draußen zu gehen und in
Geheimschulen Mädchen zu unterrichten. Heute fühle ich mich selbst
unter der Burka nicht mehr sicher - nicht einmal in Begleitung der
Bodyguards. Besucher werden nach Waffen durchsucht. Selbst die Blumen
bei meiner Hochzeit wurden nach Bomben durchsucht. Ich kann Ihnen
meinen Familiennamen nicht nennen - auch nicht den Namen meines
Ehemannes - weil ich sie dadurch in höchste Gefahr bringen würde.
Aus diesem Grund verwende ich in diesem Buch unterschiedliche Namen.
Den Namen »Joya« legte ich mir zur Zeit der Taliban als mein Alias
zu. Damals war ich Untergrundaktivistin. Der Name Joya hat in unserem
Land große Bedeutung. Es gab einmal einen berühmten afghanischen
Schriftsteller und Poeten namens Sarwar Joya. Er lebte im Zwanzigsten
Jahrhundert. In den 20ger Jahren setzte er sich für die Verfassung
ein und kämpfte gegen Unrecht. Fast 24 Jahre seines Lebens
verbrachte er im Gefängnis. Weil er seine demokratischen Prinzipien
nicht opfern wollte, töteten sie ihn.
Das kann ich nachempfinden. Auch ich weigere mich, meinen
Widerstand gegen die Warlords und die Fundamentalisten aufzugeben
oder sie mit weniger harschen Worten anzugreifen. Vielleicht werde
ich eines Tages, so wie Joya, auf der langen Liste der Afghanen zu
finden sein, die für die Freiheit gestorben sind. Wenn es um die
Wahrheit geht, gilt es, keine Kompromisse zu machen. Ich fürchte
mich nicht vor einem frühen Tod - sollte er dazu beitragen, die
Sache der Freiheit voranzubringen. Selbst das Grab wird mich nicht
zum Schweigen bringen, denn andere werden die Sache für mich weiter
vertreten. Das Traurige an Afghanistan ist, dass die Ermordung einer
Frau hier wie das Töten eines Vogels ist. Die USA haben versucht,
ihre Besatzung rhetorisch zu rechtfertigen und sprachen von der
»Befreiung« der afghanischen Frauen. Dabei sind wir in unserem Land
noch immer eingesperrt wie in einem Käfig. Wir haben keinen Zugang
zum Recht und werden nach wie vor von frauenfeindlichen Kriminellen
regiert. Die Fundamentalisten predigen nach wie vor, die »Frau
gehört in ihr Haus oder ins Grab«. An vielen Orten ist es für eine
Frau immer noch gefährlich, sich unverschleiert in der
Öffentlichkeit zu zeigen oder ohne einen männlichen Verwandten auf
die Straße zu gehen. Jeden Tag kommt es zu Vergewaltigungen, die
nicht geahndet werden.
Unser Leben in Afghanistan ist kurz und oft durch Gewalt, Verlust
und Angst geprägt. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer.
Die Lebenserwartung liegt unter 45 Jahren. Im Westen würde man von
der 'mittleren Lebensphase' sprechen. Wir leben in verzweifelter
Armut. Es ist unglaublich: 70% der afghanischen Bevölkerung leben
von weniger als 2 Dollar am Tag. Laut Schätzungen sind etwas mehr
als die Hälfte aller afghanischen Männer und 80 Prozent der Frauen
Analphabeten. In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich Hunderte
Frauen selbst verbrannt - sie haben sich buchstäblich verbrannt, bis
sie tot waren. Auf diese Weise wollten sie ihrem Elend entrinnen.
Das ist der geschichtliche Hintergrund, vor dem sich mein Leben
abspielt und die tragische aktuelle Situation. Gemeinsam mit vielen
anderen arbeite ich daran, Veränderungen zu bewirken. Ich bin nicht
besser als meine leidenden Landsleute, aber die Geschichte und mein
Schicksal wollten es so, dass ich in gewisser Weise zu einer »Stimme
der Stimmlosen« geworden bin. Mit »Stimmlosen« meine ich die
vielen tausend Afghanen, die Jahrzehnte des Krieges und der
Ungerechtigkeit ertragen mussten.
Seit Jahren drängen mich meine Unterstützer, ein Buch über mein
Leben zu schreiben. Ich wollte es nie, weil es mir unangenehm ist,
über mich selbst zu schreiben. Ich habe das Gefühl, meine
Geschichte sei nicht wichtig. Schließlich überzeugten mich meine
Freunde, das Buch in Angriff zu nehmen - denn es gibt mir die
Möglichkeit, über das Elend des afghanischen Volkes zu schreiben
(aus der Perspektive einer Frau aus der afghanischen
Kriegsgeneration). Ich war einverstanden, meine persönlichen
Erfahrungen einfließen zu lassen, um über die politische Geschichte
Afghanistans schreiben zu können. Der Fokus meines Buches liegt auf
den letzten drei Jahrzehnten - auf der repressiven Misswirtschaft.
Ich schreibe über meinen gefährlichen Wahlkampf, als es mir darum
ging, das arme Volk in meiner Provinz zu vertreten. Ich schreibe über
die physischen und verbalen Angriffe, denen ich ausgesetzt war, als
ich schließlich Parlamentsabgeordnete wurde. Ich schreibe über die
gemeine und illegale Intrige, die mich mein Abgeordnetenposten
kostete. Dies hat vor allem ein Licht auf jene Korruption und
Ungerechtigkeit geworfen, die verhindern, dass Afghanistan eine echte
Demokratie werden kann. So gesehen schreibe ich nicht nur meine
eigene Story sondern auch die meines kämpfenden Volkes.
Nach dem 11. September wurden viele Bücher über Afghanistan
geschrieben. Doch nur Wenige bieten ein umfassendes und realistisches
Bild über die Vergangenheit dieses Landes. Die meisten Bücher zum
Thema setzen sich eingehend mit der Brutalität und der
Ungerechtigkeit des Taliban-Regimes auseinander, während sie meist
versuchen, eine der dunkelsten Perioden unserer Geschichte zu
ignorieren oder zu verhehlen. Damit meine ich die Herrschaft der
fundamentalistischen Mudschaheddin (1992 - 1996). Ich hoffe, mein
Buch wird die Aufmerksamkeit stärker auf die Gräuel dieser Warlords
lenken, denn es sind diese Männer, die heute das Karsai-Regime
dominieren.
Ich hoffe auch, dass mein Buch dazu beitragen wird, die
unglaubliche Menge an Fehlinformationen über Afghanistan, die sich
überall verbreitet haben, zu korrigieren. In den Medien werden die
Afghanen manchmal als Hinterwäldler dargestellt - alle seien
Terroristen, Kriminelle, Bandenmitglieder. Dieses falsche Bild ist
extrem gefährlich - sowohl für die Zukunft meines Landes als auch
für den Westen. In Wahrheit sind die Afghanen mutige,
freiheitsliebende Menschen mit einer reichen Kultur und einer stolzen
Geschichte. Wir sind durchaus in der Lage, unsere Unabhängigkeit
selbst zu verteidigen, uns selbst zu regieren und unsere Zukunft
selbst zu bestimmen.
Afghanistan wurde lange als »tödliches Spielfeld« im
»Todesspiel zwischen den Supermächten« benutzt - angefangen vom
Britischen Imperium über das Sowjetreich bis hin zu Amerika und
seinen Verbündeten in heutiger Zeit, die versuchen Afghanistan zu
beherrschen, indem sie es spalten. Schurken, Kriegsherren und
Fundamentalisten gaben sie Geld und Macht. Diese Schurken haben die
Menschen in schreckliches Elend getrieben. Doch wir wollen nicht
missbraucht und nicht falsch gegenüber der Welt vertreten werden.
Wir brauchen Sicherheit und eine helfende Hand (von Menschen) rund um
die Welt - aber nicht diesen »Krieg gegen den Terror« unter Führung
der USA. Dieser Krieg ist im Grunde ein Krieg gegen das afghanische
Volk. Das afghanische Volk besteht nicht aus Terroristen. Wir sind
Terroropfer. Heute ist der Boden Afghanistan gespickt mit Landminen,
Kugeln und Bomben. Was wir wirklich brauchen, ist eine Invasion von
Kliniken, Hospitälern und Schulen für Jungen und Mädchen. Ein
weiterer Grund, weshalb ich zögerte, meine Memoiren zu schreiben,
ist, dass ich der Meinung bin, es sollten zuerst Bücher erscheinen
über die vielen demokratischen Aktivisten, die den Märtyrertod
gestorben sind, über die vielen Helden und Heldinnen aus der
Geschichte Afghanistans. Das gleiche Gefühl beschleicht mich bei
einigen Preisen, die mir in den letzten Jahren von internationalen
Menschenrechtsorganisationen verliehen wurden. Die mir vorausgingen,
hätten es eher verdient gehabt. Diese Anerkennung ehrt mich zwar,
doch wünschte ich mir, dass all die Liebe und Unterstützung, die
mir zuteil wurde, an die Waisen und Witwen Afghanistans gegangen
wäre. Ich sehe es so, dass all diese Preise und Ehrungen meinem Volk
gehören. Jede Ehrung, die mir zuteil wird, stärkt mein Gefühl der
Verantwortung für unseren gemeinsamen Kampf. Aus diesem Grund werden
alle Einnahmen aus diesem Buch an dringend benötigte humanitäre
Projekte in Afghanistan fließen. Sie sollen helfen, das Leben Vieler
zu verbessern.
Während der Eskalationskampagne sprach der neue Präsident der
Vereinigten Staaten, Barack Obama, von mehreren zehntausend
ausländischen Soldaten, die er zusätzlich nach Afghanistan
entsenden will. Zum Thema Korruption und Kriegsherrentum - der
doppelten Geißel, die mein Land zerstört - hatte er hingegen nichts
zu sagen. Ich weiß, dass die Wahl Obamas viele friedliebende
Menschen in den USA mit großer Hoffnung erfüllt hat. Für die
Afghanen bedeuten Obamas militärische Aufstockungen aber nur noch
mehr Leid und Tod für unschuldige Zivilisten, während die Taliban
und die Al Kaida dadurch nicht einmal geschwächt werden. Ich hoffe,
die Lektionen meines Buch werden Präsident Obama und seine Politiker
in Washington erreichen und sie warnen: Das afghanische Volk weist
eure brutale Okkupation und eure Unterstützung für die Warlords und
Drogenbarone zurück.
Seit Jahrzehnten kämpfen demokratisch Gesinnte in Afghanistan für
Menschenrechte und die Rechte der Frau. Unsere Geschichte beweist,
dass diese Werte nicht durch ausländische Truppen aufgezwungen
werden können. Ich werde niemals müde, meinem Publikum zu sagen:
Keine Nation kann einer anderen Nation die Freiheit schenken. Für
diese Werte muss ein Volk selbst einstehen und sie sich erringen.
Diese Werte können nur wachsen und blühen, wenn das Volk sie in
eigener Erde pflanzt und sie mit den eigenen Tränen und dem eigenen
Blut bewässert.
Es gibt ein afghanisches Sprichwort, das mir sehr am Herzen liegt:
Die Wahrheit ist wie der Aufgang der Sonne. Niemand kann sich ihr in
den Weg stellen oder sie verbergen. Ich hoffe, dass dieses Buch und
meine Story ein wenig dazu beitragen werden, dass die Sonne weiter
scheinen kann und dass es Sie - wo immer Sie auch sein mögen, um es
zu lesen -, dazu inspiriert, für Frieden, Demokratie und
Gerechtigkeit einzutreten.
Das Buch:
»A Woman Among Warlords: The
Extraordinary Story of an Afghan Woman to Raise Her Voice«
von Malalai Joya (Dschoja) und Derrick O'Keefe (Scribner-Verlag,
2009). Auf Deutsch erschienen: »Ich erhebe meine Stimme«
Malalai Joya (2009).
Über die Autorin:
Malalai Joya ist die jüngste Parlamentarierin Afghanistans. Sie hat die Kriegsherren, die von den
USA unterstützt werden und das afghanische Parlament beherrschen,
offen angegriffen. Seitdem erhalt sie Morddrohungen. Sie überlebte vier Mordversuche. Eine Dokumentation über sie, »Enemies of
Happiness«, gewann den Preis der Großen Jury auf dem Sundance Film
Festival 2007.
Zum Text:
Veröffentlichung auf marx21.de mit
freundlicher Genehmigung von ZNet.
Dort ist er zuerst auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von
Andrea Noll.
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