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Der bedeutendste deutsche Dichter schöpfte Inspiration aus den Schriften des Islam, erläutert der Literaturwissenschaftler Peter-Anton von Arnim
Der bedeutendste deutsche Dichter schöpfte Inspiration aus den Schriften des Islam, erläutert der Literaturwissenschaftler Peter-Anton von Arnim
Vor ein paar Jahren hat ein Mitglied der jetzigen Regierungspartei CDU, Friedrich Merz, den Begriff einer deutschen Leitkultur ins politische Spiel gebracht. Dieser Herr hat sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen. Der von ihm lancierte Begriff einer deutschen Leitkultur wird aber von seinen Parteifreunden weiterhin gebraucht. Sie verlangen von den hier lebenden Ausländern und deren Nachkommen, die sich darum bemühen, als Deutsche anerkannt zu werden, nach einer solchen zu leben.
Nun gut: Wenn man anerkennt, dass derjenige, der die deutsche Kultur am nachhaltigsten geprägt hat, Johann Wolfgang von Goethe heißt, dann ist gegen den Begriff einer „deutschen Leitkultur“ zunächst einmal nichts einzuwenden. Denn hat nicht Goethe in einer Ankündigung seines Werkes des „West-östlichen Divan“ öffentlich bekannt, er – der Verfasser desselben – lehne den Verdacht nicht ab, selbst ein „Muselman“ zu sein? Aber vielleicht war ja dann Goethe ein verkappter Terrorist?
Jedoch ist Goethe als Bürge für eine deutsche Leitkultur gänzlich ungeeignet, wenn man von einem gemeinsamen christlich-jüdischen Erbe ausgeht, auf dem die Leitkultur aufgebaut sei. Politiker wie Bundeskanzlerin Merkel nehmen offenbar nicht zur Kenntnis, was nach dem Ende der Naziherrschaft in Deutschland Gershom Scholem erklärt und Salomon Korn jetzt erneut festgestellt hat: nämlich, dass von einer „deutsch-jüdischen Symbiose“ keineswegs die Rede sein kann.
Es ist wahr: Goethe als Kind seiner Zeit war nicht frei von Vorurteilen gegen Juden, was er jedoch später selbst zugab. Aber da wir von Kultur sprechen: Er hat immer wieder seine Bewunderung für das jüdische Volk ausgedrückt, das fähig war, die Bibel (Altes und Neues Testament) hervorzubringen. Und sein Lieblingsphilosoph war der Jude Spinoza. In „Dichtung und Wahrheit“ gibt er seiner Verehrung Ausdruck für die altjüdischen Propheten. Die christlichen Kirchen haben zwar auch das Alte Testament als der Bibel zugehörig anerkannt, gleichzeitig aber die Juden, die Jesus nicht als Messias und als Gottes Sohn anerkannten, als Heiden verfolgt und niedergemetzelt. Den Talmud und die Kabbala, Produkte jüdischer Kultur, die erst nach der christlichen Zeitrechnung entstanden sind, haben sie als „gemeinsames Erbe“ niemals zur Kenntnis genommen.
Kein christlich-jüdisches Erbe
Wie gesagt, ein christlich-jüdisches Erbe hat es nie gegeben, das ist eine propagandistische Erfindung deutscher Politiker. Dagegen hat es eine andere Symbiose gegeben, von der man allzu selten spricht: die jüdisch-islamische. Es ist kein Zufall, dass der größte jüdische Philosoph des Mittelalters, Ibn Maimun, in der latinisierten Form Maimonides genannt, seine Hauptwerke auf Arabisch schrieb. Und die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ernst Bloch sahen zu Recht im Werk Spinozas orientalische Gedanken wieder aufleben. Spinoza (wie dann ja auch Goethe) war jedoch ein Aufklärer.
Es gehört zu den weit verbreiteten Märchen, dass der Islam keine Aufklärung gekannt habe und deshalb jetzt die Schaffung eines „europäischen Islam“ vonnöten sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die europäische Aufklärung, besonders aber die deutsche, wäre ohne den Islam gar nicht denkbar. Dass der Islam inzwischen unter einer erstarrten Orthodoxie zu leiden hat und deshalb ein Teil der Rechtsgelehrten die Aufklärung als westlichen Import verdammt, steht auf einem anderen Blatt. Niemand käme ja auch auf die Idee, zu sagen, dass, weil einige christliche Fundamentalisten in den USA, darunter Präsident George Bush selbst, die Lehre der Darwinschen Evolutionstheorie an den Schulen verbieten lassen wollen, die USA die Aufklärung erst noch nachholen müssten.
Es gibt eine äußerst umfangreiche Literatur über Goethe. Trotzdem klafften in dieser zwei entscheidende Lücken, die ein merkwürdiges Licht auf die Zunft der Germanisten werfen: zum einen Goethes Beziehungen zu Spinoza, zum anderen zum Islam und seinem Begründer, dem Propheten Mohammed. Dabei hatte doch Goethe selbst in seinen Memoiren „Dichtung und Wahrheit“ darauf hingewiesen, wie wichtig beide für ihn waren. Aber erst der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Momme Mommsen hat Spinozas Einfluss auf Goethe untersucht und seine Ehefrau Katharina Mommsen hat dann in einem Werk, das einer Pionierarbeit gleichkommt, Goethes Beziehungen zur arabischen Welt dargestellt (siehe Literaturtipp). Katharina Mommsen weist zu Recht darauf hin, dass sich Goethe in den Epochen seines Lebens, als er sich mit Spinoza beschäftigte, zugleich auch mit dem Islam auseinandersetzte. In der Tat fand er im Koran immer wieder Stellen, welche die Menschen auf Erscheinungen der Natur als Gottes Wunderwerke aufmerksam machen, was seinen Ansichten entsprach.
Goethes Orientalistik
Goethe lebte zu einer Zeit, in der die europäische Orientalistik, durch die Aufklärung befreit von den alten Fesseln der von den christlichen Kirchen ausgeübten Bekehrungswut, zu erblühen begann, und noch frei war von den Fesseln imperialistischer Eroberungsgelüste. Goethe kann man jedenfalls nicht den Vorwurf machen, er habe sich „seinen“ Islam nur erträumt. Er hat alle ihm darüber verfügbaren Dokumente, in allen Sprachen, die er beherrschte, in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch, gelesen und studiert.
Vor allem und zuerst natürlich den Koran selbst. Wer weiß schon, dass bereits der junge Goethe, angeregt durch seinen älteren Freund Johann Gottfried von Herder, sich mit dem Koran befasste (und nicht nur, wie in einschlägigen Goethe-Biographien zu lesen, mit dem Straßburger Münster)? Wer weiß, dass er bereits in seinen Jugendwerken „Götz von Berlichingen“ und den „Leiden des jungen Werthers“ auf Stellen aus dem Koran anspielt, wie Katharina Mommsen herausgefunden hat?
Wer weiß, dass Goethe sich aus dem Koran, der von einem Frankfurter Orientalisten namens Megerlin zum ersten Mal direkt aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen worden war, Exzerpte angefertigt hat? Von den Rechtsextremen wird der Koran in Karikaturen als Handbuch des Terrorismus dargestellt, und die bürgerliche Presse greift das mit Vergnügen auf. Also nochmals die Frage: War Goethe ein Terrorist? Absurd.
Aus der Sure 2 hat er sich unter anderem Vers 172 notiert, worin es heißt, dass es nicht auf die Einhaltung bestimmter formaler Vorschriften ankommt, (wie etwa die Einhaltung der Gebetsrichtung), sondern sich wahre Gottesfurcht zeigt an den guten Werken, die einer verrichtet.
1772 hatte Goethe ein Mohammed-Drama geplant aber nicht vollendet. Aus diesem jugendlichen Fragment stammt „Mahomets Gesang“, ein Gedicht, das nur deshalb zu den bekannteren gehört, weil Goethe es später, neben dem „Prometheus“ und dem „Ganymed“, selbst in die Sammlung seiner Gedichte aufgenommen hat.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ein großer Verehrer Goethes, hat „Mahomets Gesang“ zu Recht als Bild gedeutet, in dem der Prophet Mohammed einem Strom gleichgesetzt wird, der dem Ozean, das heißt Gott, zustrebt und dabei andere Flüsse als seine Brüder mit sich reißt.
Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel hat in einem Vortrag darauf hingewiesen, wie viel Intuition für den Geist des Islam Goethe mit diesem Gedicht bewiesen hat. Wenn wir nun an das neben „Faust II“ bedeutendste Alterswerk Goethes, den „West-östlichen Divan“ denken, so ist dessen Beziehung zur islamischen Welt an sich nicht von der Hand zu weisen. Er ist entstanden als Produkt des Wettstreits mit dem größten persischen Dichter, mit Hafis, den Goethe seinen Zwillingsbruder nannte, obwohl dieser vierhundert Jahre vor ihm gelebt hat. Nach Goethe sagte Hafis von sich selbst:
„Durch den Koran hab‘ ich alles,
Was mir je gelang, gemacht.“
Es kann deshalb nicht wundernehmen, dass Goethe selbst immer wieder den Koran als Inspirationsquelle für seine Gedichtsammlung wählte. In den muslimischen Schriften fand er auch die Helden seiner Kindheit wieder, nämlich die Propheten der Bibel: Abraham, Isaak, Jakob und Esau, und vor allem auch seinen Liebling Joseph.
Trotzdem hat man immer wieder den „Divan“ nur als romantisches Produkt Goethes dargestellt, der die Orientalismusmode in Deutschland eingeläutet habe.
Nun haben wir gesagt, dass Goethe sich öffentlich zum Islam bekannt hat, oder, in seiner vorsichtigeren Weise ausgedrückt, der Verfasser des „Divan“ lehne den Verdacht nicht ab, selbst ein „Muselman“ zu sein. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, sich weiterhin als Christ zu betrachten, allerdings nicht als ein kirchenfrommer.
Die Kirchen sahen in ihm denn auch einen „Heiden“. In der Tat, er lehnte die von den christlichen Kirchen, aber auch die von den muslimischen Schriftgelehrten gepredigten Dogmen ab. Deshalb kann die Auffassung des Islam, wie Goethe ihn verstand, für heutige Muslime, vor allem solche, die in Deutschland, der deutschsprachigen Schweiz oder Österreich leben, anregend sein, ohne dass sie sich derselben deswegen insgesamt anschließen müssen.
Es gibt ein Gedicht von ihm, beginnend mit dem Vers „Süßes Kind, die Perlenreihen“, das erst nach seinem Tode veröffentlicht worden ist. Seinem jungen, katholischen Freund Sulpiz Boisseré hatte er versprochen, es zu seinen Lebzeiten unter Verschluss zu halten, da es sonst Anstoß erregen könnte. Schon in den ersten Zeilen gab er seinem Unmut über das christliche Kreuzeszeichen Ausdruck.
Es wird ja in der Tat nur noch gedankenlos als leeres Symbol gebraucht. Goethe mit seiner lebhaften Phantasie hingegen sah darin das Marterwerkzeug eines zum Tode Verurteilten, das es zu respektieren und nicht zu missbrauchen galt.
Wenn überhaupt, dann stand Goethe einigen Dogmen des Judentums und des Islam näher als den christlichen Dogmen.
Heinrich Heine, die Juden und Muslime
Ähnlich wie Goethe hat auch Heinrich Heine sich ausgiebig mit dem Islam beschäftigt. Er war jüdischer Herkunft und musste wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Minderheit in Deutschland viel erleiden. Denn die meisten Menschen verteidigten den Monopolanspruch der christlichen Kirchen auf die Erlösung vom irdischen Jammertal durch den Ausschluss der Juden von allen offiziellen Ämtern und durch ihre gesellschaftliche Diskriminierung.
Heine hat aber nicht nur dies an sich selbst schmerzhaft erlebt. In dem kollektiven Gedächtnis der Juden war noch die Verfolgung lebendig, die sie, gemeinsam mit den Muslimen, von der sich als christlich verstehenden Kirche in Spanien durchlitten hatten. Heine machte das Schicksal der spanischen Muslime so auch zum Thema seines Dramas „Almansor“. Darin kommen die berühmten Verse vor:
„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Man hat zu Recht diese Verse als Prophezeiung gedeutet, als dichterische Vorwegnahme der Bücherverbrennung, welche die Nazis nach Hitlers Machtergreifung 1933 organisierten, und der sie ab 1942 die millionenfache Vernichtung von Juden folgen ließen. Diese Verse findet man jetzt im Boden eingemeißelt an dem Ort in Berlin, an dem die Bücherverbrennung stattgefunden hat. Jedoch wissen nur die wenigsten, dass Heine auf die Verbrennung des Korans anspielte – was deutlich wird, wenn man den Kontext des Zitates betrachtet:
Almansor:
Wir hörten dass der furchtbare Ximenes,
Inmitten auf dem Markte, zu Granada –
Mir starrt die Zung im Munde - den Koran
In eines Scheiterhaufens Flamme warf!
Hassan:
Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
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