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Gramscis Linkspartei
Zum 70. Todestag des italienischen Sozialisten erinnert Michael Ferschke an dessen fast vergessenes kämpferisch-emanzipatorisches Parteienkonzept Zum 70. Todestag des italienischen Sozialisten erinnert Michael Ferschke an dessen fast vergessenes kämpferisch-emanzipatorisches Parteienkonzept

Erstmals seit den 20er Jahren entsteht in Deutschland eine bundesweite Partei links der Sozialdemokratie mit Massenbasis und einer potentiellen Ausstrahlungskraft auf mehrere Millionen Menschen. Dies sind gute Voraussetzungen, um einen radikalen Bruch mit dem neoliberalen Mainstream zu machen und sozialistische Perspektiven wieder in die Diskussion zu bringen. Die Frage stellt sich, wie die neue Linke arbeiten soll, damit sie tatsächlich die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen bringt und nicht den Weg der Anpassung beschreitet. Die Vorstellungen des italienischen Revolutionärs Antonio Gramsci (1891-1937) zur Parteienfrage können heute wieder einen relevanten Bezugspunkt bilden. Es ist zwar klar, dass die neue Linke keine revolutionäre Partei ist, wie sie Gramsci im Auge hatte. Dieser Artikel soll jedoch einen Beitrag dazu leisten, Gramscis Vorstellungen eines kämpferisch-emanzipatorischen Parteienkonzepts in der Linken bekannt zu machen.


Kampf um die Hegemonie
Gramsci hat seine Vorstellungen über die Partei aus der Analyse der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse abgeleitet. Der historische Kontext seiner Überlegungen waren die gescheiterten revolutionären Erhebungen in den westlichen Staaten am Ende des Ersten Weltkrieges. Auch in Italien verebbte 1920 eine beeindruckende Welle von Fabrikbesetzungen. Gramsci entwickelte vor diesem Hintergrund das Konzept des Stellungskrieges – einer Strategie, welche mittels geduldiger praktischer und politischer Auseinandersetzung den lähmenden Einfluss bürgerlicher und reformistischer Ideen zurückdrängen sollte, um Mehrheiten für die Perspektive einer revolutionäre Entmachtung des Kapitals zu mobilisieren.
Dieses Herangehen stand in Kontrast zu linksradikalen Strömungen in der kommunistischen Bewegung der 20er Jahre, welche den bewaffneten Aufstand und Sturz der bürgerlichen Gesellschaft zur unmittelbaren und einzigen Losung erhoben. Diese Strategie des Bewegungskrieges war jedoch nur für die Zeit der revolutionären Offensive brauchbar und untauglich für den Kampf gegen die bürgerliche Hegemonie in Zeiten relativer Stabilität. Denn die Herrschaft des Kapitals wird in bürgerlich-demokratischen Staaten nicht alleine durch Zwang ausgeübt, sondern beruht wesentlich auf Konsens – der Zustimmung der Ausgebeuteten und Unterdrückten zur bestehenden Ordnung. Der Konsens wird durch soziale Kompromisse und durch intellektuelle Führung des Bürgertums hergestellt. Gramsci widmete sich der Frage, wie die Hegemonie der bürgerlichen Ideen gebrochen werden kann. Der Begriff Hegemonie taucht nicht erst bei Gramsci auf. Bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war dieser in der sozialistischen Bewegung Russlands geläufig. Er bezog sich auf die Rolle, welche die Arbeiter gegenüber der Bourgeoisie in der bürgerlich-demokratischen Revolution spielen müssten. Wenn Lenin und andere sagten, die Arbeiter müssten hegemonial werden, dann meinten sie, dass diese die Führung der Bewegung übernehmen sollten.
Die Gefängnishefte stellen Gramscis umfassendes theoretisches Vermächtnis dar. Sie sind entstanden unter den unmenschlichen, letztlich tödlichen Bedingungen der über 10-jährigen Haftzeit in Mussolinis Kerkern. Zwei Themen durchziehen die Gefängnishefte: Erstens, das Scheitern der revolutionären Fabrikräte-Bewegung in Italien und der Aufstieg Mussolinis. Zweitens, die historische Schwäche des italienischen Bürgertums im Vergleich zur französischen Bourgeoisie, die Nation für die kapitalistische Entwicklung zu vereinheitlichen.
Ursächlich für beides ist, nach Gramsci, die Unfähigkeit einer potentiell mächtigen Gesellschaftsgruppe, ihre ökonomische Macht in eine politische Kraft zu übersetzen, welche die Masse der Unterdrückten zum Sturz einer alten politischen Struktur zusammenführt. Dem italienischen Bürgertum ist es nicht gelungen, die Masse der Bauern und Mittellosen für die grundlegende Umwälzung der alten feudalen Gesellschaftsstrukturen zu mobilisieren. Die große ökonomische, kulturelle und politische Uneinheitlichkeit Italiens war das Ergebnis.
Ebenso war es den Arbeitern nicht gelungen, über die industriellen Zentren hinaus, die Masse der Unterdrückten, vor allem die Bauern, für eine sozialistische Umwälzung zu mobilisieren. So blieb die Fabrikrätebewegung isoliert und musste scheitern. Das Ergebnis war der konterrevolutionäre Aufstieg des Faschismus und die Allianz des Kapitals mit Mussolini.1
Der Kampf um die sozialistische Hegemonie hat demnach zwei Seiten. Erstens, den Einfluss bürgerlicher Vorstellungen innerhalb der Arbeiterklasse zurückzudrängen. Dies ist die Voraussetzung, um überhaupt eine politische Unabhängigkeit der Klasse zu ermöglichen, um eigene Ziele entwickeln und formulieren zu können. Die zweite Herausforderung ist es, alle unterdrückten Schichten in einen politischen „Block“ mit der Arbeiterklasse zusammen zu schweißen, um eine umfassende Bewegung zum Sturz der bürgerlichen Ordnung zu begründen. Der Kampf um Hegemonie findet bei Gramsci nicht unabhängig von sozialen Kämpfen statt. Vielmehr müssen die politischen und ideologischen Auseinandersetzungen mit den sozialen Widersprüchen und hieraus resultierenden Bewegungen verbunden werden. Im Zentrum des Kampfes um gesellschaftliche Hegemonie steht bei Gramsci die Partei.


„Organische Intellektuelle“
Für Gramsci ist es von entscheidender Bedeutung, dass die lohnabhängige Klasse (die „Subalternen“) sich eine eigene Partei als Hilfe zu ihrer Befreiung schafft. Diese Partei hat drei Aufgaben zu bewältigen: Erstens muss sie eine eigene „Weltanschauung“ transportieren. Zweitens Bündnispolitik betreiben, um Mehrheiten gegen die kapitalistische Ordnung zu mobilisieren und drittens eigene „organische Intellektuelle“ ausbilden. Organische Intellektuelle einer Klasse sind ihre zentralen Akteure im Kampf um gesellschaftliche Hegemonie. Organische Intellektuelle der Bourgeoisie sind diejenigen, die den Zusammenhalt der in Klassen gespaltenen Gesellschaft organisieren – mittels bürgerlicher Parteien, neoliberalen Think-Tanks und Stiftungen oder anderen Medien.
Gramsci begreift die sozialistische Partei als Ausbilder von organischen Intellektuellen der Arbeiterklasse, das bedeutet als Zusammenschluss der vorwärtstreibenden antikapitalistischen Aktivisten. „Organisch“ bedeutet, dass es hier nicht um die Ausbildung privilegierter Experten geht, sondern um die intellektuelle Bewaffnung der Subalternen selbst. Gramscis Vorstellung von einer Partei hat dementsprechend nicht viel mit dem vorherrschenden Bild einer Parlamentspartei gemein, die stellvertretend für die Subalternen das politische Geschäft betreibt. Gramscis Partei dient dem Zweck der Selbstemanzipation der lohnabhängigen Mehrheit – sie ist ein Instrument der „subalternen Klasse, die sich selbst zur Kunst des Regierens erziehen will.“2 Diese Partei muss auch einen professionellen Apparat herausbilden. Der Grund dafür ist, dass vor allem ein solcher Organismus in der Lage ist, für die Subalternen eigene, aus ihrer Klasse erwachsene und mit ihr politisch verbundene „organische Intellektuelle“ heranzubilden. Auf diesem Wege können sie die Beschränktheit der vereinzelten sozialen und politischen Auseinandersetzungen überwinden und einen vereinheitlichenden kritisch-revolutionären Gegenentwurf für den Kampf um eine andere Gesellschaft entwickeln. Wenn die Subalternen sich keinen eigenen Apparat schaffen, so sind sie nach Gramsci dazu verdammt, den Intellektuellen des Bürgertums hinterher zu laufen, was den Verlust jeglicher politischer Autonomie nach sich zöge.
Wenn Gramsci auch deutlich die Notwendigkeit eines Parteiapparats für den Befreiungskampf herausstellte, so wusste er zugleich um den schädlichen Effekt einer von den sozialen Auseinandersetzungen losgelösten Bürokratisierung der Partei: „Die Bürokratie ist die gefährlichste Routine- und Beharrungsmacht; wenn sie schließlich eine solidarische Körperschaft bildet, die für sich steht und sich von der Masse unabhängig fühlt, wird die Partei schließlich anachronistisch, und in den Augenblicken akuter Krise wird sie ihres gesellschaftlichen Inhaltes entleert und schwebt gleichsam in der Luft.“3 
Entstehung und Fortbestand einer solchen, auf ihre eigenen Interessen bezogenen Bürokratie stehen meist in Zusammenhang mit einer passiven Mitgliederstruktur und der entsprechenden Entkopplung der Partei von den sozialen Bewegungen. Dem gilt es eine Partei gegenüber zu stellen, die sich als Motor und Sprachrohr sozialer Bewegungen begreift, eine offensive Mitgliedswerbung betreibt und die Aktivität und intellektuelle Förderung der Mitgliedschaft ins Zentrum der politischen Arbeit stellt.


Bewegung und Partei
Der Kampf um Hegemonie ist letztlich eine Auseinandersetzung um die politische und intellektuelle Führung der lohnabhängigen Mehrheit der Gesellschaft, d.h. über die Meinungsführung in Fragen ökonomischer und politischer Ziele, sowie der moralischen Wertevorstellungen. Wenn Gramsci von „Führung“ spricht, dann ist damit kein abstrakt-belehrendes Verhältnis der sozialistischen Partei zu den Unterdrückten oder zu Bewegungen gemeint. Vielmehr geht es sowohl um die Verallgemeinerung der Erfahrungen vergangener Auseinandersetzungen, als auch um das Lernen von den aktuellen sozialen Kämpfen, die in einer Partei ausgewertet und auf ihre praktischen Konsequenzen hin untersucht werden müssen.
Der kollektive Kampf um die sozialistische Hegemonie muss am Alltagsverstand und den praktischen Erfahrungen der Menschen anknüpfen. Im Alltagsverstand finden sich gleichzeitig Elemente verschiedener Weltanschauungen, traditionelle und moderne, rationale wie irrationale Elemente. Das heißt, im Bewusstsein der Subalternen finden sich sowohl bürgerliche Ideen und Vorurteile, als auch Ansätze für eine solidarische und sozialistische Perspektive. In den konkreten sozialen Auseinandersetzungen können die Versatzstücke der verschiedenen Weltanschauungen in praktischen Konflikt geraten: „Der aktive Mensch in der Masse wirkt praktisch, hat aber kein klares theoretisches Bewusstsein dieses seines Wirkens, das dennoch ein Erkennen der Welt ist, da er sie umgestaltet. Sein theoretisches Bewusstsein kann geschichtlich sogar im Gegensatz zu seinem Wirken stehen. Man kann beinahe sagen, dass er zwei theoretische Bewusstseine hat (oder ein widersprüchliches Bewusstsein), eines, das in seinem Wirken impliziert ist, das ihn auch wirklich mit all seinen Mitarbeitern bei der praktischen Umgestaltung der Realität verbindet, und ein oberflächlich explizites oder verbales, das er von der Vergangenheit ererbt und ohne Kritik übernommen hat.“4
Die etablierte Ideologie macht eine bestimmte Aussage über das Leben der Menschen, während ihre unmittelbare Aktivität sie dazu bringt, eine gänzlich andere Ansicht darüber zu haben. Während etwa der kapitalistische Alltag von Konkurrenz und Ohnmachtsgefühl geprägt ist, erfordern soziale Auseinandersetzungen den solidarischen Kampf der Lohnabhängigen und Unterdrückten und können die eigene potentielle Macht erfahrbar machen. Es ist dieser Widerspruch, der das Potential für die Entwicklung einer neuen Weltsicht in sich birgt.
Eine politische Führung in den sozialen Kämpfen in einem emanzipatorischen Sinne geben zu wollen, steht somit nicht im Gegensatz zu den konkreten, oft spontan entstandenen Bewegungen. Sie muss praktischer Teil jeder spontanen und begrenzten Bewegung  sein und von dort aus auf eine antikapitalistische und sozialistische Perspektive  verallgemeinern, weil die Kämpfe sonst leichter von bürgerlichen bzw. reformistischen Ideen ausgebremst werden können. Gramscis Vorstellung von Führung ist also nicht etwas qualitativ von der Bewegung getrenntes, sondern lediglich eine politisch formulierte Konsequenz, welche die gesellschaftsverändernde „Praxis homogener, kohärenter, in all ihren Elementen wirksamer gestaltet und so ihr Potential zu einem Maximum entwickelt.“


Anmerkungen:
1 Gramsci springt in den Gefängnisheften zwischen diesen beiden Themen, den Fragen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution, hin und her. Dies kann zu falschen Schlüssen führen. Denn das Bürgertum konnte bereits im Schoße des Feudalismus seine ideologische Position mittels der wachsenden wirtschaftlichen Dominanz ihrer kapitalistischen Produktionsweise durchsetzen und bereits durch eine politische Machtübernahme behaupten. Die Arbeiterklasse kann jedoch erst nach dem Sturz des bürgerlichen Staates und der Enteignung des Kapitals zur wirtschaftlich dominanten Klasse werden und die Kontrolle über Fernsehen, Presse und Universitäten erringen. Ein zweiter wichtiger Unterschied ist, dass die bürgerliche Revolution die Ausbeutung und Entrechtung der Mehrheit der Bevölkerung durch eine Minderheit nicht beseitigte, sondern die Herrschaft von Adel und Klerus durch die Herrschaft des Kapitals ersetzte. Die sozialistische Revolution ist dagegen die „Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl“ (Marx).
2Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtaus­gabe, Hamburg/Berlin 1991-2002, S. 1325.
3Ebenda, S. 1579.
4Ebenda, S. 1384.

Hintergurnd: Die Gefängnishefte
Im Gefängnis und unter den Augen der faschistischen Zensur konnte Gramsci nicht offen über Revolution und bewaffneten Massenaufstand schreiben. Vielfach wird in der akademischen Diskussion daraus abgeleitet, dass der „späte“ Gramsci der Gefängnishefte sich von den revolutionären Perspektiven aus der Zeit der Fabrikrätebewegung verabschiedet hätte. Aber noch 1926, kurz vor seiner Verhaftung, verdeutlichte Gramsci in seinen Thesen zum Lyoner Parteitag der italienischen Kommunistischen Partei den revolutionären Kern seiner Ideen: „Es geht darum, gegen jede Abweichung von der Theorie und Praxis des revolutionären Klassenkampfes aufzutreten“.  An anderer Stelle spitzt er noch zu: „Die Gewinnung eines entscheidenden Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse und das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern sind eng mit der militärischen Seite der Revolution verbunden, die heute besondere Bedeutung für uns gewinnt in Bezug auf die Anordnung der bewaffneten Kräfte, über die die italienische Bourgeoisie verfügt.“ Nur weil Gramsci sich in den Gefängnisheften wesentlich dem Feld der politisch-ideologischen Auseinandersetzungen widmete, gibt das noch keinen Grund zur Annahme, dass er seine, in den Lyoner Thesen entwickelte Position aufgegeben hatte.



 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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