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Streik bei Wohlthat'scher: »Wir lassen uns nicht verramschen« |
Der deutsche Buchhandelskonzern DBH
hat einem Viertel der Belegschaft der Wohlthat'schen Buchhandlung
gekündigt. In Berlin und Potsdam leisten die Kolleginnen und
Kollegen Widerstand. Ein Bericht von Frank Eßers
 Kampf um jeden (Arbeits-)Platz: Streikaktion bei der Wohlthat-Filiale am Berliner Alexanderplatz (Foto: Frank Eßers) Verlockend erscheinen die knallgelben
Plakate im Schaufenster der Wohlthat'schen Buchhandlung am Berliner
Alexanderplatz: »Alles muss raus« steht dort in großer Schrift.
Ein guter Roman oder schöner Bildband zum halben Preis - wer käme
da nicht in Versuchung, kurz vor Weihnachten. Doch das ist nicht
gemeint.
Denn an diesem zweiten Adventssamstag
hat die Buchhandlung geschlossen. Hier und in anderen Berliner und
Potsdamer Filialen kämpfen die Belegschaften um ihre Arbeitsplätze.
»Alles muss raus« - damit sind die Beschäftigten der
Wohlthat'schen gemeint. »Ilona«, »Merle«, »Boris«, »Felix, »Uwe«, »Philip« sind die Namen der Betroffenen, die auf
kleinen Zetteln am Schaufenster der bestreikten Filiale kleben.
Filialschließungen und
Personalabbau
Deren Muttergesellschaft DBH,
die zweitgrößte Buchhandelskette in Deutschland, hat den Rotstift
angesetzt. Mit Filialschließungen und Personalabbau soll der Konzern
umstrukturiert werden. Das trifft auch andere Tochterunternehmen wie
Hugendubel und Buch Habel. Die DBH gehört je zur Hälfte der Familie
Hugendubel und der Verlagsgruppe Weltbild.
In den letzten Monaten hat der Konzern
einem Viertel der Belegschaft bei der Wohlthat'schen gekündigt,
andere Beschäftigte mussten in Teilzeit gehen. Doch in Berlin und
Potsdam wehren sich die Betroffenen mit Streik, der von ver.di
unterstützt wird.
Kein Kinderspiel
»Wir lassen uns nicht verramschen«
steht auf den T-Shirts einer Gruppe junger Streikaktivisten, die mit
einer Straßenaktion vor der Filiale am Alexanderplatz auf die Lage bei Wohlthat aufmerksam macht.
Sie laufen zu schneller Musik um einen Kreis Stühle herum. Das
wirkt lustig. Bis die Musik plötzlich stoppt. Dann versucht jeder,
einen freien Stuhl zu ergattern. Doch für einen ist kein Platz. Der
scheidet aus. Vor der nächsten Runde wird ein Stuhl entfernt und die
Verbliebenen müssen erneut um einen freien (Arbeits-)Platz kämpfen.
Was unter den Namen »Reise nach Rom«, »Reise nach Jerusalem« oder »Stuhltanz« als erheiterndes
Kinderspiel bekannt ist, wird hier zu bitterem Ernst. Das wird auch
den Kunden und Passanten klar. Viele unterschreiben Postkarten, auf
denen sie ihre Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen
bekunden.
Kunden sollen Laden beaufsichtigen
Das neue »Geschäftsmodell« der DBH
sieht auch erhebliche Belastungen für die verbleibenden
Beschäftigten vor. So soll über größere Zeitabschnitte nur ein
Angestellter je Filiale eingesetzt werden. »Nach Aussage der
Geschäftsführung sollen sie bei Pausen oder Toilettengang einen
vertrauensvollen Kunden suchen, der in dieser Zeit den Laden
beaufsichtigt«, berichtet ver.di.
»Service wird wohl künftig bei
Wohlthat nicht mehr geboten«, teilte die zuständige
ver.di-Gewerkschaftssekretärin Janet Dumann mit. »Stattdessen lässt
man verbleibendes Personal unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten
und bezahlt gelernte Buchhändler und auch Aushilfen deutlich
unter Tarif«, so Dumann weiter.
Buchhändler als Billiglöhner
Wie weit das Lohndumping geht, macht
ein Plakat klar, dass auf der verschlossenen Tür der Filiale am
Alexanderplatz prangt: »Stundenlohn früher: 12 Euro - Stundenlohn
jetzt: 6,50 Euro«.
Ver.di fordert, die geltenden
Einzelhandelstarifverträge auch für Wohlthat'sche zu übernehmen.
Daneben soll ein Sozialtarifvertrag »soziale Härten des
Personalabbaus« abfedern, teilte ver.di in einem
Informationsflugblatt mit.
Bisher hatten die Verhandlungen
zwischen Gewerkschaft und Geschäftsleitung in Berlin und Brandenburg
kein Ergebnis. Ver.di vermutet, dass die Geschäftsleitung versucht,
die Gewerkschaft hinzuhalten.
Deshalb ist es auch nicht beim Streik am 12. Dezember geblieben. Am vergangenen Wochenende
standen die Kolleginnen und Kollegen wieder auf der Straße. Frühestens am 10.
Januar will die Geschäftsleitung weiter verhandeln.
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