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10.01.10: Imperialismus |
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Obama, Afghanistan und das neue »Große Spiel« |
Der Afghanistankrieg ist zentral für
Obamas Strategie in Zentralasien, meint Lee Sustar. Es geht es den
USA darum, fossile Ressourcen zu kontrollieren, die Konkurrenten
Russland und China zu behindern und den Iran weiter unter Druck zu
setzen.
Wenn Barack Obama davon spricht, dass er den »Job in Afghanistan
erledigen« will, meint er weit mehr als nur die Zerschlagung der Al
Kaida oder der Taliban. Er hat es auf einen dauerhaften Außenposten
des US-Imperialismus in Zentralasien, einer der strategisch
bedeutsamsten Regionen der Welt, abgesehen.
Einige belesene Beobachter jedoch
bestreiten, dass der Krieg in Afghanistan sich in eine größere
Strategie der USA einfüge. »Die wirklichen Ziele der Eskalation in
Afghanistan sind innenpolitischer und wahltaktischer Natur« ,
schrieb kürzlich der Journalist Christian Parenti, »Wie Lyndon
Johnson, der den Krieg in Vietnam ausweitete, hat Obama schreckliche
Angst davor, dass die Republikaner ihn als 'Schwächling' betiteln
könnten.«
Parenti zufolge, der zu den führenden
unabhängigen Berichterstattern aus Afghanistan zählt, war die
US-Invasion Afghanistans für die Bush-Administration das »Trampolin«
, um in den Irak zu gelangen. Und es ist nicht zu bestreiten, dass
Bushs Neo-Konservative es eilig hatten, im Irak einzumarschieren. Wir
wissen, dass der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister
Paul Wolfowitz sich sofort nach den Anschlägen vom 11. September für
einen Angriff auf den Irak aussprach.
»Pipelineistan«
Tatsächlich aber hatte die Invasion
Afghanistans aus der Perspektive der imperialen US-Strategen eine
eigene zwingende Logik. Eine der zentralen Motivationen ist der
Zugang zum Öl und Gas des Kaspischen Meeres und Zentralasiens. Der
Journalist Pepe Escobar nennt die Region »Pipelineistan« , und die
USA sind ganz offensichtlich damit beschäftigt, Pipelines zu bauen,
die kaspisches Gas entlang einer Route abtransportieren können, die
an Russland und Iran vorbeiführt.
Escobar
schreibt: »Ja, es geht letztlich um das Schwarze und das Blaue
Gold (Gas), fossile Reichtümer jenseits aller Beschreibung, und so
ist es an der Zeit, in das immer sprudelnde Wunderland zurückzukehren
- Pipelineistan. Es ist an der Zeit, die Abkürzungen
aufzufrischen, besonders die SCO (Shanghai Gruppe für
Zusammenarbeit), die asiatische Antwort auf die NATO, und sich ein
paar neue einzuprägen wie zum Beispiel IPI
(Iran-Pakistan-Indien-Pipeline) und TAPI
(Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien). Vor allem aber ist es
Zeit, sich die jüngsten Züge auf dem riesigen Schachbrett Eurasien
anzusehen, auf dem Washington ein entscheidender, wenn nicht der
beherrschende Spieler werden will.«
Escobar behauptet, dass die USA und
China daran arbeiten, als Teil einer Wiederaufnahme des »Großen
Spiels« des 19. Jahrhunderts, in dem konkurrierende Imperialmächte
um Einfluss in Zentralasien rangen, den pakistanischen Hafen in
Gwadar zur End- und Umladestation zweier rivalisierender Pipelines
auszubauen.
Es geht um mehr
Escobars Analyse klingt einleuchtend,
zumindest zum Teil. Er lenkt unsren Blick zu Recht auf die
Auseinandersetzungen um den für moderne Industriegesellschaften
wichtigsten Rohstoff - Öl. Aber das allein unterschätzt die
Bedeutung Zentralasiens für den US-Imperialismus. Um zu verstehen,
warum das so ist, muss man sich in Erinnerung rufen, was die
strategischen Ziele der USA nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
waren, als das Land als beherrschende Imperialmacht der Welt erstand.
Nach 1945 gab es nur einen ernst zu
nehmenden Rivalen für die Vormachtstellung der USA, nämlich die
UdSSR, die Ostdeutschland und die osteuropäischen Staaten zu ihren
Satelliten gemacht hatte. Die Sowjetunion sollte bald mit den USA als
Nuklearmacht ungefähr gleich ziehen und so gegenseitige Zerstörung
für den Fall sicherstellen, dass eine Seite gegen die andere in den
Krieg zöge.
Die Nationale Sicherheitsstrategie der
USA in den späten 40er Jahren konzentrierte sich auf den
vermeintlich expansionistischen »Kommunismus« der UdSSR.
Tatsächlich aber waren die USA die treibende Kraft hinter der
Teilung der Welt, indem sie die Nordatlantische Vertragsorganisation
(NATO) gründeten, um die westeuropäischen Staaten zu drängen, sich
unwiderruflich Washington anzuschließen. Wie der erste
NATO-Generalsekretär, der Brite Lord Ismay, es formulierte, war die
Aufgabe der NATO, »die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und
die Deutschen unten zu halten.«
Kalter Krieg
Während des langen Kalten Krieges
rangen Washington und Moskau miteinander um Einfluss in allen Teilen
der Erde. Dieser Streit begann mit einem Stellvertreterkrieg um die
koreanische Halbinsel und erstreckte sich bald in viele Ecken der so
genannten Dritten Welt. Während eines Großteils dieser Zeit gehörte
Zentralasien zu den Regionen, die Washingtons Einfluss am weitesten
entrückt waren. Aber Russlands Einmarsch in Afghanistan 1979, der
das bedrohte pro-russische Regime an der Macht halten sollte,
veränderte das.
Anfang des selben Jahres war Washington
von der iranischen Revolution erschüttert worden, die das Regime des
Schahs beendete - ein von Washington gestützter Diktators, der den
USA dabei behilflich war, Druck auf die südliche Flanke der
Sowjetunion auszuüben. Aus Furcht vor Moskaus möglichem Einfluss im
post-revolutionären Iran erklärte der Demokratische Präsident
Jimmy Carter, dass die USA jeden Versuch der UdSSR, in die Region um
den Persischen Golf vorzustoßen, als feindlichen Akt verstehen
würden. Diese Politik wurde kurz darauf als Carter Doktrin bekannt.
Aber zur selben Zeit, als Washington
wegen Russlands vermeintlichen Plänen am Golf die Alarmglocken
läutete, wurde die US-Aggression in der Einflusszone der Sowjetunion
verstärkt, indem man den afghanischen Widerstand unterstützte. Wie
der damalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski sich in
einem Interview erinnerte: »Ich schrieb an Präsident Carter. Wir
haben jetzt die Gelegenheit, den Russen ihren Vietnamkrieg zu
bescheren.«
Der Zusammenbruch der UdSSR schuf in
Afghanistan ein Vakuum, das schließlich von den Taliban gefüllt
wurde. Diese Bewegung war aus den islamistischen Kämpfergruppen
hervorgegangen, die die USA bewaffnet und ausgebildet hatten.
Gleichzeitig eröffnete der zunehmende Zerfall der UdSSR ganze neue
Regionen für die wirtschaftliche, politische und militärische
Ausbreitung der USA.
NATO expandiert
Ab 1996 stand das US-Komitee zur
NATO-Erweiterung, das von Waffenherstellern finanziert und mit
neokonservativen Politikspezialisten besetzt war, bereit, um die
wichtigsten osteuropäischen Satelliten Russlands sowie die drei
baltischen Staaten zu vereinnahmen.
Die NATO verkündete als ihre neue
Daseinsberechtigung ihren vermeintlich »humanitären« Krieg gegen
Jugoslawien, der angeblich geführt wurde, um die albanische
Minderheit in Serbien zu beschützen, aber tatsächlich den Zweck
erfüllte, die Allianz für die neue Zeit nach dem Kalten Krieg
zusammenzuschweißen. Als das US-Militär 2001 die Kontrolle in
Afghanistan übernahm, folgten ihm NATO-Truppen auf dem Fuß. Als
Rechtfertigung wurden diesmal die Anschläge vom 11. September
angeführt. Die Allianz berief sich auf einen Artikel ihrer Charta,
in dem es heißt, dass ein Angriff auf ein Mitglied einem Angriff auf
alle gleichkomme. Da die USA Afghanistan für den Angriff
verantwortlich machten, hatte die gesamte NATO eine Rechtfertigung
zum Einmarsch.
Seither haben die meisten NATO-Staaten
eher gezögert, einen großen Einsatz in Afghanistan zu riskieren,
und so die USA gezwungen, immer wieder mehr Geld und Einheiten von
ihnen einzufordern. Aber die USA sind - bis jetzt - dabei erfolgreich
gewesen, ihre Alliierten bei einem tiefen Vorstoß nach Asien
mitzunehmen, mithin in eine Region, die weit von der atlantischen
Region entfernt ist, welche die NATO ursprünglich verteidigen
sollte.
Vorstoß nach Asien
Diesen Schritt haben die USA
tatsächlich viele Jahre lang vorbereitet. Der General Anthony Zinni,
während der 90er Jahre Chef des für Europa und den Nahen Osten
zuständigen Central Command des US-Militärs, verglich sich mit
einem römischen Prokonsul, als er sein Kommando über die
US-Einheiten im Nahen Osten und am Golf dazu benutzte, die
politischen Ziele der USA in dieser Region und darüber hinaus zu
verwirklichen. Andrew Bacevich, ein pensionierter US-Colonel, der
jetzt eine akademische Stellung innehat, nannte diese Periode eine
»historisch einmalige Militarisierung der US-Außenpolitik« .
Dies ging so weit, dass
Spitzenkommandeure des US-Militärs sich 1995 im NATO-Hauptquartier
trafen, um zu beraten, wie sich die »Sicherheitsgarantien für den
Persischen Golf« auf Zentralasien ausweiten ließen. Ihre
Anstrengungen trugen Früchte, symbolisiert in der
öffentlichkeitswirksamen »Nummer« , die General John Sheehan,
Oberbefehlshaber des »US Atlantic Command« , 1997 aufführte.
Sheehan flog 19 Stunden von einer US-Luftwaffenbasis in North
Carolina, um in Kasachstan im Herzen Zentralasiens mit einem
Fallschirm abzuspringen. »Die Botschaft ist, dass es keine Nation
auf der Erde gibt, die sich unserem Zugriff entziehen könnte« ,
erklärte er damals.
Nach 9/11
Diese Vorbereitungen zahlten sich für
die USA nach dem 11. September aus. Die USA richteten sogleich
militärische »Einrichtungen« in fünf zentralasiatischen Staaten
ein, die früher Teil der UdSSR gewesen waren. Diese Basen spielten
im Folgenden wichtige Rollen bei der Invasion und Besetzung
Afghanistans. Plötzlich hatte das stärkste Militär der Welt sich
eine Position gesichert, die es seinen Ziele ein großes Stück näher
brachten: der Iran ließ sich nun vermehrt militärisch unter Druck
setzen, und das US-Militär verfügte über Luftwaffenbasen in kurzer
Flugdistanz zu zentralen Städten in Russland und China.
Sicherlich sind die in Planung
befindlichen Öl- und Gaspipelines ein wichtiger Teil der Gleichung.
Aber die USA verfolgen auch sehr viel größere Ziele, nämlich die
Behinderung eines wirtschaftlichen, politischen oder militärischen
Wiedererstarkens Russlands und eine Warnung an China, das versucht,
sein wachsendes wirtschaftliches Gewicht in größeren politischen
Einfluss zu verwandeln.
Obama will retten, was Bush
»vermasselt« hat
Diese Vorteile zu sichern war für die
USA nicht einfach. Nicht nur sehen sie sich in Afghanistan einem
Widerstand gegenüber, der sehr viel stärker ist, als anfangs
vermutet wurde. Sie befinden sich zudem in einem stetigen Kampf mit
Russland um Einfluss in den zentralasiatischen Staaten, insbesondere
Kirgisien und Usbekistan. Aber auch die Russen haben sich mit
Washingtons Plänen in der Region ein Stück weit abfinden müssen,
da sie eine US-Besatzung Afghanistans einer erneuten Machtübernahme
der Taliban vorziehen - zumindest bis auf Weiteres.
Aus all diesen Gründen ist der Krieg
in Afghanistan für Obama und seine Militärstrategen sehr viel
wichtiger als jener »dumme« im Irak. In ihrer Einschätzung war der
Irak unter Saddam Hussein schwach und durch Sanktionen eingehegt,
während die militärische Vormachtstellung der USA am Golf von
niemandem in Frage gestellt wurde. Im Gegensatz dazu bietet das neue
»Große Spiel« in Zentralasien nie gekannte Möglichkeiten für
den US-Imperialismus.
Nun versucht Obama in Afghanistan einen
Einsatz zu retten, den Bush vermasselt hat. Obamas Kriegspläne
werden anders verpackt, und zwar so anders, dass sie sich in eine
Dankesrede zum Empfang des Friedensnobelpreises einbauen lassen. Aber
die Ziele bleiben dieselben: einen abhängigen Staat mit einer großen
und dauerhaften US-Militärpräsenz zu etablieren.
Obamas imperialistische Kriegstreiberei zu stoppen, ist eine Aufgabe für die Friedensbewegung.
Zum Text:
Veröffentlichung
auf marx21.de mit freundlicher Genehmigung des US-Onlinemagazins
SocialistWorker.org.
Übersetzung: David Meienreis
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