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15.01.10: Nachruf |
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Daniel Bensaïd 1946 - 2010 |
Daniel Bensaïd, einer der bekanntesten Persönlichkeiten
der französischen Studentenbewegung, Philosoph und revolutionärer Marxist ist gestorben. Ein Nachruf von Alex Callinicos
 Viele der 1960er Generation gaben ihre revolutionäre Politik auf, als ihre Hoffnungen auf schnelle Veränderungen enttäuscht wurden. Nicht so Daniel. Die traurige Liste von Toden marxistischer Intellektueller
der 1960er Generation hat sich verlängert: Der französische Philosoph und
Aktivist Daniel Bensaid, eine der großen Persönlichkeiten, die aus den
Studenten- und Arbeiterunruhen vom Mai und Juni 1968 hervorging, starb am 12.
Januar im Alter von 63 Jahren. Daniel gehörte zu einer kleinen Gruppe Aktivisten, die im
Jahr 1966 aus Protest gegen die konservative französische Kommunistische Partei
mit ihrer Jugendorganisation brach und die Jeunesse Communiste Révolutionnaire
(Revolutionär-kommunistische Jugend, JCR) gründete. Die JCR spielte eine
führende Rolle in der Studentenbewegung von 1968. Aus ihr ging der Kern der
Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) hervor, die wichtigste Kraft in der
radikalen Linken Frankreichs, die vor einem Jahr die Nouveau Parti
Anticapitaliste (Neue Antikapitalistische Partei, NPA) gründete.
In seiner Autobiografie beschrieb Daniel sehr anschaulich,
wie er aufwuchs, im Mittelpunkt das einfache Bistro seiner Eltern in einem
Arbeiterviertel von Toulouse mit einer stark ausgeprägten kommunistischen
politischen Kultur. Diese Wurzeln erklären vielleicht seine große Gabe als
Kommunikator sogar bei noch so esoterisch-philosophischen Konzepten und Themen. Der große Aufschwung der Arbeiterkämpfe Ende der 1960er und
Anfang der 1970er Jahre ermutigte zehntausende junger Menschen weltweit, sich
revolutionär-sozialistischen Organisationen anzuschließen. In einem Buch, das
er zusammen mit Henri Weber verfasst hat, nannte Daniel den Mai 1968 »eine
große Generalprobe« für die kommende Revolution. Er formulierte das
Dringlichkeitsgefühl seiner Generation, die „revolutionäre Ungeduld", wie er es
später nannte, und erklärte: »Die Geschichte sitzt uns im Nacken.«
Nach den Ereignissen von 1968 arbeitete Daniel viele Jahre
Vollzeit für die LCR und die trotzkistische internationale Strömung, die Vierte
Internationale, der die LCR als französische Sektion angehörte. Er unternahm
ausgedehnte Reisen durch Lateinamerika und spielte eine wichtige Rolle bei der
Gründung der brasilianischen Arbeiterpartei. Dieser Einfluss hat sich bis in die letzten Jahre
fortgesetzt. Ich erinnere mich daran, wie er ein Publikum brasilianischer
Sozialisten auf einem Weltsozialforum am Vorabend eines großen
Antikriegsprotests im Jahr 2003 mit einer kraftvollen Rede zum Jubeln brachte ,
als er den Neoliberalismus und Imperialismus angriff und auf die neu
entstehenden Widerstandsbewegungen verwies.
Viele der 1960er Generation gaben ihre revolutionäre Politik
auf, als ihre Hoffnungen auf schnelle Veränderungen enttäuscht wurden. Nicht so
Daniel. Als Philosophiedozent an der Universität Paris 8 (St. Denis) schrieb er
eine Reihe von Werken, in denen er eine Version von Marxismus entwickelte, die
unbeirrbar an der Kritik des Kapitalismus festhielt und gleichzeitig sensibel
mit den Komplexitäten und Ungewissheiten der Geschichte umging. Zu den vielleicht wichtigsten der erstaunlichen Zahl von
Büchern, die er verfasste, gehört die Essaysammlung »La Discordance des Temps«
(Der Missklang der Zeiten, 1995) und »Marx
l'intempestif« (Marx für unsere Zeit, 2003). Daniel war stark von dem großen
deutschen marxistischen Kritiker Walter Benjamin beeinflusst. Benjamin
betrachtete Geschichte als eine Katastrophe und Revolution als plötzliche,
gewaltsame Unterbrechung des normalen Laufs der Dinge.
Auch wenn Daniel sich Mitte der 1990er Jahre aus der Führung
der LCR zurückzog, blieb er weiterhin politisch sehr aktiv. Er gehörte zu den
stärksten Befürwortern einer Außenwendung der LCR, wie sie sich in Olivier
Besancenots erfolgreichen Präsidentschaftswahlkämpfen im Jahr 2002 und 2007 und
der Gründung der NPA zeigte. In den letzten Jahren beschäftigte sich Daniel insbesondere
damit, eine neue Generation von Aktivisten in der marxistischen Tradition
auszubilden. Er schrieb eine Reihe wichtiger Essays über revolutionäre
Strategie und den »neuen Internationalismus« der antikapitalistischen und
Antikriegsbewegungen. Er rief auch die Theoriezeitschrift »ContreTemps« ins
Leben, die jetzt mit der NPA verbunden ist.
All das erreichte Daniel, obwohl er in den letzten 15 Jahren
seines Lebens mit einer ernsthaften Krankheit zu kämpfen hatte. In den
vergangenen Monaten organisierte er von seinem Krankenhausbett aus eine
wichtige Konferenz über die Idee des Kommunismus, die noch in diesem Monat in
Paris stattfinden wird. Seine körperliche Gebrechlichkeit stand in Kontrast zu
dem unglaublich starken Willen, den er ausstrahlte, zu seiner tiefen, kräftigen
Stimme und dem trockenen Humor, der seine persönlichen Gespräche wie seine
öffentlichen Auftritte prägte.
Er war ein außerordentlich wortgewaltiger Redner und
Schriftsteller. Sein Genosse Pierre Rousset brachte es gut auf den Punkt, als
er mir gegenüber einmal sagte, Daniel schriebe um etwas herum, aber durch die
lebendigen Bilder, die er dabei benutzte, machte er die Dinge viel klarer, als
wenn er direkter darüber geschrieben hätte.
Erst vor zwei Monaten ist der britische Marxist Chris Harman verstorben. Daniel Bensaids Tod beraubt den revolutionären Marxismus einer weiteren seiner stärksten und kreativsten
Stimmen. Sein Einfluss wird in seinen Schriften weiterleben, in den Aufnahmen,
die von seinen Reden noch vorhanden sind, und darin, wie seine Worte und sein
Vorbild dazu beigetragen haben, Generationen von Aktivisten auf der Welt zu
formen. Das ändert nichts an dem schmerzhaften Verlust, den sein Tod
für seine Partnerin Sophie, seine Familie und Freunde und seine Genossen
bedeutet. Ihnen gehört unser Mitgefühl und unsere Solidarität.
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