|
 |
 |
 |
 |
| |
|
18.01.09: Haiti |
| Drucken |
|
|
»Die Menschen können es sich nicht leisten erdbebensichere Häuser zu bauen« |
Der kanadische Politikwissenschaftler Peter Hallward meint, dass
es ist kein Zufall ist, dass Port-au-Prince wie eine Kriegszone
aussieht.
Ein Erdbeben des Ausmaßes, wie es die haitianische Hauptstadt am
Dienstagnachmittag heimgesucht hat, hätte in jeder Großstadt der
Welt zu erheblichen Zerstörungen geführt. Dennoch ist es kein
Zufall, dass Port-au-Prince heute wie eine Kriegszone aussieht. Die
meisten Verheerungen durch die jüngste Katastrophe lassen sich am
besten als menschgemacht erklären - als weitere, durch und durch
menschgemachte Auswirkungen einer langen, hässlichen Reihe
historischer Ereignisse.
Die Insel Haiti hat überproportional viele Katastrophen durch
litten. 1770 starben Hunderte bei einem Erdbeben in Port-au-Prince.
Beim großen Erdbeben 1842 starben vermutlich allein in der
nördlichen Stadt Cap Haitien 10 000 Menschen. Hurrikane suchen die
Insel regelmäßig heim - zuletzt 2004 und 2008. Ein Sturm im
September 2008 überflutete die Kleinstadt Gonaives und schwemmte
einen Großteil der maroden Infrastruktur einfach weg. Mehr als 1 000
Menschen starben, etliche tausend Häuser wurden zerstört. In
Hinblick auf das aktuelle Erdbeben wird das volle Ausmaß der
Zerstörung erst in einigen Wochen bekannt werden. Selbst minimale
Instandsetzungsarbeiten werden sicherlich Jahre dauern, bis sie
abgeschlossen sind. Die Langzeitfolgen des Erdbebens sind noch nicht
absehbar. Klar ist die Tatsache, dass diese Auswirkungen das Resultat einer
noch älteren Geschichte - einer Geschichte der bewussten Verarmung
und Machtlosigkeit - sind. Haiti wird regelmäßig als das »ärmste
Land in der westlichen Hemisphäre« bezeichnet. Diese Armut ist das
direkte Vermächtnis des wahrscheinlich brutalsten Systems kolonialer
Ausbeutung in der Weltgeschichte - abgerundet durch mehrere
Jahrzehnte systematischer postkolonialer Unterdrückung die folgten.
Die edle »internationale Gemeinschaft«, die derzeit so emsig
bemüht ist, »humanitäre Hilfe« nach Haiti zu verfrachten, trägt
einen Großteil der Verantwortung für das Ausmaß der Not, die sie
jetzt zu lindern versucht. Seit 1915 die USA in Haiti einmarschierten
und das Land besetzten, wurde jeder ernsthafte politische Versuch des
haitianischen Volk, sich »aus dem absoluten Elend zu einer Armut in
Würde« hoch zuarbeiten - wie es Ex-Präsident Jean-Bertrand
Aristide ausgedrückt hat -, bewusst und gewaltsam durch amerikanisch
Regierungen und deren Verbündete blockiert. Die Regierung Aristide (die mit 75% der Wählerstimmen an die
Macht kam) ist das aktuellste Opfer dieser Einmischungspolitik.
Aristide wurde 2004 durch einen international gesponserten
Staatsstreich gestürzt, bei dem mehrere tausend Menschen getötet
wurden. Ein Großteil der Bevölkerung bebte vor Zorn. Nach dem Sturz
von Aristide stationierte die UNO eine große, extrem kostspielige
permanente »Stabilisierungs- und Pazifizierungstruppe« auf der
Insel.
Heute ist Haiti ein Land, in dem - gemäß der besten,
erhältlichen Studien -, rund 75% der Bevölkerung »von weniger als
$2 am Tag leben; 56%, das sind 4,5 Millionen Menschen, leben von
weniger als $1 am Tag«. Jahrzehnte der neoliberalen »Anpassung«
und der neoimperialen Einmischung haben die Regierung praktisch aller
maßgeblichen Möglichkeiten beraubt, die Wirtschaft zu regulieren
oder in ihr Volk zu investieren. Internationale Handels- und
Finanzabkommen, die Strafen vorsehen, stellen sicher, dass dieser
Zerfall und diese Ohnmacht (als strukturelle Tatsachen) das Leben der
Haitianer weiter bestimmen und dies in absehbarer Zukunft so bleibt. Diese Armut und Machtlosigkeit sind für das ganze Ausmaß des
Schreckens, der Port-au-Prince jetzt heimgesucht hat, verantwortlich.
Seit Ende der 70ger Jahre steht der landwirtschaftliche Sektor des
Landes unter neoliberalem Dauerbeschuss. Zehntausende Kleinbauern
wurden gezwungen, in übervölkerte urbane Slums abzuwandern. Dazu
gibt es keine verlässlichen Statistiken, doch leben hunderttausende
Bewohner und Bewohnerinnen von Port-au-Prince in verzweifelten
Verhältnissen - in improvisierten Unterkünften, die nicht dem
Standard entsprechen. Häufig sind sie bedrohlich an schräge,
abgeholzte Hänge gebaut. Welche Menschen an diesen Orten und unter
derartigen Bedingungen leben müssen, ist weder Zufall noch
»natürlich«, ebenso wenig wie die Verletzungen, die sie jetzt
erleiden, zufällig oder »natürlich« sind.
Brian Concannon ist Direktor des »Institute for Justice and
Democracy« auf Haiti. Er weist auf Folgendes hin: »Diese Menschen
sind dort gelandet, weil sie selbst oder ihre Eltern bewusst aus
ländlichen Gebieten abgedrängt wurden - durch eine Handelspolitik
und politische Hilfen, die speziell dazu entworfen worden waren, um
ein großes Heer von Menschen zu schaffen, das in den Städten
gefangen ist und daher eine ausbeutbare Arbeiterschaft darstellt; per
definitionem handelt es sich um Menschen, die es sich nicht leisten
konnten, erdbebensichere Häuser zu bauen«. Gleichzeitig ist die
grundlegende Infrastruktur von Port-au-Prince - fließendes Wasser,
Strom, Straßen usw. - extrem unzureichend oder vielfach überhaupt
nicht vorhanden. Die Kapazitäten der Regierung zur Mobilisierung von
Katastrophenhilfe gehen gegen Null. Seit dem Staatsstreich von 2004 regiert de facto die
internationale Gemeinschaft das Land. Nun sind diese Staaten emsig
bemüht, Nothilfe nach Haiti zu senden. In den vergangenen fünf
Jahren jedoch hatten sie kontinuierlich gegen eine Ausweitung des
Mandats der UNO-Mission auf Haiti - über den unmittelbaren
mlitärischen Bereich hinaus - votiert. Vorschläge, einen Teil der
»Investitionen« (für das Militär) zur Armutsbekämpfung
einzusetzen oder zur Entwicklung der Landwirtschaft, wurden
abgeblockt. Man blieb dem alten Muster treu - ein Muster, das
festlegt, wie internationale »Hilfe« verteilt wird.
Die gleichen Stürme, die 2008 (auf Haiti) so viele Opfer
forderten, trafen Kuba nicht weniger hart. Aber dort starben nur 4
Menschen. Kuba ist ein Land, das den meisten Auswirkungen der
neoliberalen »Reformen« entgangen ist. Hinzu kommt, dass die
kubanische Regierung in der Lage ist, ihre Bevölkerung vor
Katastrophen zu schützen. Wenn es uns ernst damit ist, Haiti durch
diese jüngste Krise zu helfen, sollten wir diesem Vergleich
Beachtung schenken. Neben der Versendung von Notfallhilfe, sollten
wir uns fragen, wie wir es den Menschen auf Haiti leichter machen
können, sich selbst zu emanzipieren. Wenn wir wirklich helfen
wollen, müssen wir aufhören, die Regierung dieses Landes
kontrollieren zu wollen bzw. die Bürger zu befrieden und deren
Wirtschaft auszuplündern. Außerdem sollten wir endlich damit
anfangen, zu bezahlen - zumindest für einen Teil der Schäden, die
die USA angerichtet hat.
Was du tun kannst:
Spenden und
Hilfe sind in Haiti dringend erforderlich. Hier sind einige
Organisationen mit Verbindungen zu den Basisbewegungen im Land.
- Der »Haiti
Nothilfe-Fonds«, unterstützt Basisorganisationen in Haiti,
die humanitäre Hilfe leisten. Er wird organisiert von Haiti
Action. Das Netzwerk wurde nach dem Putsch im Jahr 2004
gegründet. Für weitere Informationen, einschließlich telefonischem
Kontakt findest Du auf der Webseite der von »Haiti
Action in Kanada«.
- Die Organisation »Zanmi
Lasante Medical Center« hat iheren Sitz in der zentralen
Hochebene von Haiti und bietet Gesundheitsversorgung durch ein Netz
von Kliniken. Das Gesundheitszentrum hat das Erdbeben überstanden
und kann so Hilfe in das Katastrophengebiet sicherstellen. Spenden
vermittelt die US-amerikanische Non-Profit-Organisation »Partners
in Health«.
- Das Schulprojekt »SOPUDEP«
gibt es in der Stadt Petionville. Die Ressourcen der Schule und
Lehrer werden mobilisiert, um die benachbarte Bevölkerung zu
unterstützen. Sie können die Schulen unterstützung über die
kanadische »Sawatzky Family
Foundation«.
Zum Text:
Veröffentlichung auf marx21.de mit
freundlicher Genehmigung von ZNet.
Dort ist er zuerst auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von
Andrea Noll.
Erstmals auf englisch erschienen bei Guardian Online am 13.1.2010.
|
|
|
|
 |
|