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11.02.10: Afghanistan | Drucken |
Den Opfern Gesicht und Stimme geben
Nach dem verheerenden Luftangriff in Kundus letztes Jahr wird in Deutschland über die Verantwortung gestritten. Über die Opfer reden wenige. Christine Buchholz reiste nach Afghanistan und sprach mit ihnen.

marx21: Wie fühlt man sich, wenn man nach Afghanistan kommt?
Christine Buchholz: Spätestens beim Abflug aus Masar-i-Sharif ist klar: wir sind im Kriegsgebiet. Im steilen Zick-Zack steigt das Transall-Flugzeug auf, um Raketen kein leichtes Ziel zu bieten. Genauso steil geht es in Kundus beim Landeanflug runter. Am Flughafen: schwer Bewaffnete, die Patrouille für einen Konvoi ins PRT-Lager. PRT steht für Provincial Reconstruction Team. Das soll nach Wiederaufbau klingen, ist aber ein Militärlager - mit stark befestigten hohen Mauern.

Christine Buchholz (li) im Gespräch mit Laila (re), die zwei Söhne durch die Bombardierung verloren hat. (Foto: Steffen Twardowski)
Christine Buchholz (li) im Gespräch mit Laila (re), die zwei Söhne durch die Bombardierung verloren hat. (Foto: Steffen Twardowski)
Du und Dein Fraktionskollege Jan van Aken wolltet mit den Opfern der von der Bundeswehr befehligten Bombardierung in Kundus am 4. September sprechen. Was habt ihr erfahren?
Unter den 143 Opfern waren 26 Schüler, Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren. Ihre Eltern erzählten uns, dass ihre Kinder Benzin abzapfen wollten oder auch nur neugierig waren, was bei den Tanklastzügen los war. Zudem hat der Angriff 91 Witwen hinterlassen, deren Zukunft ungewiss ist.

Armut und Unterentwicklung des Landes sind stark mit dem Krieg verschränkt. Drei von Bulbuls Enkelkindern starben am 4. September. Sie sagte uns: »Wär' ich nicht arm, hätten wir kein Benzin gebraucht.«

Wie kann die Armut in Afghanistan bekämpft werden?
Nicht mit mehr Militär. Momentan sind der zivile Aufbau und die Armutsbekämpfung der militärischen Strategie der Aufstandsbekämpfung untergeordnet. Es heißt immer: Ohne Militär kein Aufbau, die Taliban machen gleich wieder alles kaputt. Vor Ort hat sich das aber anders dargestellt - gerade wenn die Armee zusammen mit Aufbauhelfern ausrückt, macht das die Leute misstrauisch und unkooperativ. Woher sollen sie wissen, ob nicht die Erkenntnisse der Helfer militärisch verwendet werden? Ob auf Brunnenbohrer Bomber folgen?

Es geht auch anders. In der Provinz Oruzgan haben ausländische Helfer erfolgreich eine Straße gebaut - ganz ohne militärische Absicherung, aber in enger Verhandlung und Abstimmung mit den Dorfältesten.

Zur Person:
Christine Buchholz ist friedenspolitische Sprecherin der Linksfraktion im deutschen Bundestag und arbeitet im Untersuchungsausschuss zu Kundus mit. Über ihre Reise berichtet sie in der nächsten marx21-Ausgabe — erhältlich ab 19. Februar (hier abonnieren).

Mehr im Internet:
  • Zivile Helfer werden nicht vom Acker geschossen: Doppelinterview der Linksfraktion mit den Abgeordneten Jan van Aken und Christine Buchholz über die Bombennacht, den zivilen Aufbau des Landes und darüber, warum es für Afghanistan immer noch Hoffnung gibt.
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