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Den Opfern Gesicht und Stimme geben |
Nach dem verheerenden Luftangriff in
Kundus letztes Jahr wird in Deutschland über die Verantwortung
gestritten. Über die Opfer reden wenige. Christine Buchholz reiste
nach Afghanistan und sprach mit ihnen.
marx21: Wie fühlt man sich, wenn man nach
Afghanistan kommt?
Christine Buchholz: Spätestens beim
Abflug aus Masar-i-Sharif ist klar: wir sind im Kriegsgebiet. Im
steilen Zick-Zack steigt das Transall-Flugzeug auf, um Raketen kein
leichtes Ziel zu bieten. Genauso steil geht es in Kundus beim
Landeanflug runter. Am Flughafen: schwer Bewaffnete, die Patrouille
für einen Konvoi ins PRT-Lager. PRT steht für Provincial
Reconstruction Team. Das soll nach Wiederaufbau klingen, ist aber ein
Militärlager - mit stark befestigten hohen Mauern.
 Christine Buchholz (li) im Gespräch mit Laila (re), die zwei Söhne durch die Bombardierung verloren hat. (Foto: Steffen Twardowski) Du und Dein Fraktionskollege Jan van
Aken wolltet mit den Opfern der von der Bundeswehr befehligten
Bombardierung in Kundus am 4. September sprechen. Was habt ihr
erfahren?
Unter den 143 Opfern waren 26 Schüler,
Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren. Ihre Eltern
erzählten uns, dass ihre Kinder Benzin abzapfen wollten oder auch
nur neugierig waren, was bei den Tanklastzügen los war. Zudem hat
der Angriff 91 Witwen hinterlassen, deren Zukunft ungewiss ist.
Armut und Unterentwicklung des Landes
sind stark mit dem Krieg verschränkt. Drei von Bulbuls Enkelkindern
starben am 4. September. Sie sagte uns: »Wär' ich nicht arm, hätten
wir kein Benzin gebraucht.«
Wie kann die Armut in Afghanistan
bekämpft werden?
Nicht mit mehr Militär. Momentan sind
der zivile Aufbau und die Armutsbekämpfung der militärischen
Strategie der Aufstandsbekämpfung untergeordnet. Es heißt immer:
Ohne Militär kein Aufbau, die Taliban machen gleich wieder alles
kaputt. Vor Ort hat sich das aber anders dargestellt - gerade wenn
die Armee zusammen mit Aufbauhelfern ausrückt, macht das die Leute
misstrauisch und unkooperativ. Woher sollen sie wissen, ob nicht die
Erkenntnisse der Helfer militärisch verwendet werden? Ob auf
Brunnenbohrer Bomber folgen?
Es geht auch anders. In der Provinz
Oruzgan haben ausländische Helfer erfolgreich eine Straße gebaut -
ganz ohne militärische Absicherung, aber in enger Verhandlung und
Abstimmung mit den Dorfältesten.
Zur Person:
Christine Buchholz ist
friedenspolitische Sprecherin der Linksfraktion im deutschen
Bundestag und arbeitet im Untersuchungsausschuss zu Kundus mit. Über ihre Reise berichtet sie in der nächsten marx21-Ausgabe — erhältlich ab 19. Februar (hier abonnieren).
Mehr im Internet:
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Zivile Helfer werden nicht vom Acker
geschossen: Doppelinterview der Linksfraktion mit den Abgeordneten Jan van Aken und
Christine Buchholz über die Bombennacht, den zivilen Aufbau des
Landes und darüber, warum es für Afghanistan immer noch Hoffnung
gibt.
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