Der neue Imperialismus
Die Besatzer mit dem roten Stern
Vor 30 Jahren versuchten kommunistische Gruppen in Afghanistan mit Gewalt gegen die Rückständigkeit ihres Landes anzugehen. Dieses Experiment endete in der Katastrophe der sowjetischen Besatzung, erklärt Irmgard Wurdack.

Die Kolonialherren des 19. Jahrhunderts begründeten ihre Herrschaft damit, dass sie den „unzivilisierten" Völkern die Kultur bringen müssten. Das geschah für gewöhnlich mit Feuer und Schwert.

Die neuen Kolonialisten haben die Wörter geändert, der Inhalt bleibt aber derselbe. Die US-Armee „demokratisiert" den Irak mit Bomben und Maschinengewehren und die NATO-Besatzer in Afghanistan treiben den „Aufbau der Demokratie" mittels Flächenbombardements voran.

Ob damals oder heute: Immer ist der Versuch, Menschen mit Gewalt die eigenen Werte aufzuzwingen, nach hinten losgegangen. Ein besonders tragisches Beispiel ist der sowjetische Einmarsch in den 1970er Jahren.

Afghanistan in den 70ern war ein extrem ungleich entwickeltes Land. Die meisten Menschen lebten in unvorstellbarer Armut auf dem Land, als Bauern und Hirten. Nur zwei Prozent des Landes in Afghanistan war überhaupt kultivierbar. Davon gehörte ein großer Teil Großgrundbesitzern, den so genannten Khans, die hohe Pachten von den Bauern verlangten. Die Khans wurden von den geistlichen Vertretern, den Mullahs, gestützt. Diese feudalen Strukturen in den Dörfern hatten sich über Jahrhunderte kaum verändert. Das diktatorische, königliche Regime war schwach, und nur an der eigenen Bereicherung, aber nicht an der Entwicklung des Landes interessiert.

Die städtische Bevölkerung hingegen, insbesondere in Kabul, war Teil der modernen kapitalistischen Welt. Das Regime hatte Schulen und Universitäten aufgebaut, um Ingenieure, Offiziere und Verwaltungsexperten auszubilden.

Die Schulen und Universitäten brachten eine intellektuelle Mittelschicht hervor. Weil die Zahl der Adelsfamilien so klein war, kamen die meisten der neuen Absolventen aus Familien von Kleinbauern oder kleinen Geschäftsleuten, die ein wenig Land besaßen und vielleicht ein oder zwei Angestellte hatten.

Diese Jungen und Mädchen brachten in die Schulen ihren Hass auf den Landadel und auf das Regime mit. In den Städten und besonders in Kabul lernten sie darüber hinaus, die Sitten und den konservativen Lebensstil auf dem Land zu verachten.

Nach ihrem Studium nahmen sie Stellungen als Lehrer, Offiziere, Mediziner oder Beamte auf. Sie verdienten drei- oder viermal so viel wie Arbeiter auf dem Land oder in der Industrie, aber in den meisten Fällen nicht viel mehr als ihre Väter in den Dörfern einnahmen. Aus dieser Schicht rekrutierten sich die Anhänger der beiden wichtigsten politischen Oppositionsgruppen gegen das königliche Regime: die Kommunisten und die Islamisten.

Die Kommunisten wollten ihr Land aus der Finsternis führen. Sie wollten die Khane enteignen. Sie wollten Freiheit und Gleichheit für die Frauen. Sie wollten ein modernes, entwickeltes Land und ein Ende der Korruption. Auf dem Land konnten sie eine Unterstützerbasis nur in den höheren Schulen aufbauen. Ansonsten blieben sie isoliert. Zum einen verbreiteten die Mullahs in den Dörfern, dass die Kommunisten gottlos seien - und das stimmte ja auch. Zum anderen verängstigten die Khane die Landarbeiter, die sich den Kommunisten hätten anschließen wollen.

In Kabul war das anders. In den 50er und 60er Jahren fanden relativ freie Wahlen statt. In den ländlichen Gebieten und den meisten Städten konnte sich niemand in Opposition zu den reichen örtlichen Machthabern zur Wahl stellen, aber in Kabul war das den Kommunisten möglich.

Die Kommunisten und die Islamisten hegten denselben Hass auf die Regierung und den Mief der Korruption, aber sie hatten einige Differenzen. Die Kommunisten wollten das Land verteilen, während die Islamisten das Eigentum schützen wollten. Die Kommunisten wollten Gleichheit für die Frauen, während die Islamisten dagegen waren. Frauen schlossen sich trotzdem beiden Gruppen an, aber sie spielten in der kommunistischen Bewegung eine weit größere und mutigere Rolle. Und die Kommunisten orientierten sich nach Russland, während die Islamisten auf Unterstützung aus Saudi-Arabien und später aus den USA hofften.

1973 führte ehemalige Ministerpräsident Mohammed Daoud Khan einen Putsch gegen den König an. Außenpolitisch tendierte seine Regierung in Richtung der Sowjetunion. Er sah die Islamisten als Bedrohung und setzte die Kommunisten ein, um diese zu vertreiben.

Doch Daoud fürchtete auch die immer stärker werdenden Kommunisten. Daher hielt das Büdnis zwischen ihnen nicht lange. 1978 schickte er seine Polizei los, um alle führenden Kommunisten in Kabul zu verhaften oder umzubringen. Doch sein Plan scheiterte. Die Kommunisten hatten viele Anhänger unter den Offizieren der Armee. Also putsche die Armee unter kommunistischer Führung - mit Erfolg. Daoud wurde gestürzt, kaum jemand verteidigte ihn.

Die Kommunisten sprachen von „Revolution" - aber es war eine „Revolution von oben" gewesen. Die afghanischen Menschen, insbesondere die Landbevölkerung hatte sich nicht selbst befreit. Stattdessen hatten die Kommunisten einen Putsch unter Führung der Offiziere organisiert.

Als die Kommunisten 1978 an die Macht kamen, waren ihre ersten Amtshandlungen der Erlass zu einer Landreform und die Abschaffung der Bezahlung eines Brautpreises zur Hochzeit. Beide Beschlüsse hatten symbolischen Charakter. Sie mussten in den Dörfern erst noch durchgesetzt werden. Aber die Kommunisten hatten die politische Auseinandersetzung in den Dörfern noch nicht gewonnen. Sie wollten das Beste für die Menschen, aber sie wollten es so durchsetzen, wie sie an die Macht gekommen sind - von oben. Sie fuhren in die Dörfer, in den Uniformen der Offiziere und in der westlichen Kleidung der alten herrschenden Klasse und verkündeten die Beschlüsse. Dann fuhren sie wieder weg. Doch jahrhundertealte Traditionen und verkrustete soziale Strukturen verschwinden nicht per Beschluss. Dazu bedarf es Basisarbeit, geduldige jahrelange Debatte und praktische Hilfe. All diese kleinen Schritte gingen die Kommunisten nicht.

Schon bald sahen sie sich mit Rebellionen konfrontiert, die in Paktia and Nuristan an der pakistanischen Grenze ihren Ausgang nahmen. In diesen Gegenden konnten sich die Menschen noch an eine Zeit erinnern, in der sie in völliger Freiheit von Zentralregierungen gelebt hatten. Von dort breiteten sich die Aufstände auf die anderen ländlichen Gegenden aus. Das Banner dieses Aufstands war der Islam. Die Mullahs verbreiteten, dass die Kommunisten Marionetten der Russen seien.

Die Kommunisten gingen zu Verhaftungen und Folter über. Weil sie nicht überzeugt hatten, wollten sie jetzt erzwingen. Und wenn die Kommunisten die Kontrolle über ein Gebiet verloren hatten, griffen sie auf die Methoden der alten Regierung zurück: Bomben und Gewehre. In einer Gegend nach der anderen fanden sich Kommunisten in der Situation wieder, die Menschen zu unterdrücken, die sie hatten befreien wollen.

Ende 1979, anderthalb Jahre nach ihrer Machtergreifung, stand die kommunistische Regierung kurz vor ihrem Fall. In dieser Situation marschierte die Sowjetunion ein, um die Kommunisten an der Macht zu halten.

Das tat sie nicht im Interesse der Afghanen. Zur Sowjetunion gehörten vier Nachbarstaaten Afghanistans, nämlich die heutigen Staaten Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisien. Die zentralasiatischen Republiken beherbergten einen großen Teil der Öl- und Gasvorkommen der Sowjetunion. Die Einwohner dieser Sowjetrepubliken waren wenigstens formell in der Mehrheit Muslime, und unter islamischem Vorzeichen rumorten Ressentiments gegen die russische Vorherrschaft. Sollte Afghanistan durch einen muslimischen Aufstand fallen, hätten diese Länder leicht seinem Beispiel folgen können.

Als die russischen Panzer einrollten und die Flugzeuge landeten, nahmen die Kommunisten ihre Hilfe an. Kurz darauf wandten sich ihre verbliebenen Unterstützer von ihnen ab. Die Islamisten, die Mullahs und die alten Großgrundbesitzer hatten die Kommunisten schon immer als Handlanger der Russen bezeichnet. Nun konnten die Menschen sich selbst davon überzeugen, dass das stimmte.

Die Basis der Kommunisten war immer in den Städten gewesen. Diese Basis bröckelte nun. Im Frühjahr 1980 stiegen die Menschen eines Nachts in Herat, der drittgrößten Stadt Afghanistans, auf die Dächer ihrer Häuser. Von dort riefen sie „Gott ist groß" in die Nacht hinaus.

Dies war eine berechnete Provokation - die Armee und die Russen konnten nicht eine ganze Stadt bombardieren, weil dies gerufen wurde. Der Protest weitete sich nach Kandahar, der zweiten Stadt, aus und dann nach Kabul, in die Hauptstadt.

Dort traten die Beamten, die die stärksten Unterstützer der Kommunisten gewesen waren, aus Protest gegen die Russen in Streik. Jahrelang hatten die Schülerinnen der Mädchenschulen die Kampagne gegen den Schleier mutig angeführt: Während sie durch die Straßen demonstrierten, bespritzten Mullahs sie mit Säure.

Nun versammelten sich diese Schülerinnen auf dem Schulhof und riefen die afghanischen Männer auf, die Invasoren zu bekämpfen, wie das Frauen schon unter der britischen Besatzung getan hatten.

Acht Jahre lang tobte ein erbitterter Krieg. Weil der Widerstand die Unterstützung der Bevölkerung genoss, konnten die Russen ihm nur Feuerkraft entgegensetzen.

Sie setzten Bomber ein, Flugzeuge im Tiefflug, hunderttausende Landminen, Kampfhubschrauber und Napalm. Niemand weiß, wie viele Menschen in diesem Krieg starben. Niemand zählte die Opfer. Die Schätzungen liegen bei ein bis zwei Millionen - bei einer Gesamtbevölkerung von 15-20 Millionen.

Rund sechs Millionen Dorfbewohner wurden vertrieben. Zwei Millionen flohen nach Pakistan, wo sie in schlammigen Zeltlagern von Almosen überlebten. Zwei Millionen gingen in den Iran, wo keine Lager oder Hilfe angeboten wurden, aber viele als Tagelöhner im Bau und anderen Gelegenheiten Arbeit fanden. Viele suchten in Kabul Unterschlupf. Dessen Bevölkerung schwoll von einer halben auf über zwei Millionen an. Viele weitere Inlandsflüchtlinge zogen in andere Städte.

Der russische Krieg zerstörte Kommunismus und Sozialismus in den Herzen der Afghanen. Gewonnen wurde er von den Russen nicht. Sie mussten 1989 abziehen. Er zerstörte das Land, seine soziale Struktur und führte direkt in die Hölle des Bürgerkriegs. Dieses unendliche Leid lässt erahnen, wie die Afghanen die Rückkehr der Bomber heute empfinden müssen.

Zur Person:

Irmgard Wurdack ist aktiv bei DIE LINKE.Berlin-Neukölln