Dem Kapitalismus liegen allgemeine Bewegungsgesetze zugrunde, aber er existiert auch in verschiedenen Ausprägungen und Entwicklungen. Deswegen kann auch Marxismus nur im Plural existieren. Von Elmar Altvater
 Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE. Niemand wird behaupten, der Kapitalismus zu Adam Smith' Zeiten im späten 18. Jahrhundert und der Turbo-Kapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts seien gleich. Und auch niemand wird bestreiten wollen, dass sich der deutsche, britische, US-amerikanische oder chinesische und südafrikanische Kapitalismus heute unterscheiden lassen. Daher setzt sich Marx im »Kapital« mit dem »Kapital im Allgemeinen« und dessen »Bewegungsgesetzen« keineswegs unabhängig von den historischen Unterschieden der kapitalistischen Gesellschaften auseinander. Ebenso wenig ist es möglich, zumindest nicht sinnvoll, unabhängig voneinander zunächst den Begriff des Gesamtkapitals zu rekonstruieren, um dann in der Darstellung der Konkurrenz der vielen Kapitale in den einzelnen Industriezweigen und zwischen ihnen den facettenreichen historischen Verlauf der Kapitalismen nachzuzeichnen. Marx hat beides unternommen, eine »reine Theorie« des Kapitalismus (so würde Marx' Analyse in der Tradition des japanischen Marxisten Kozo Uno eingeordnet werden) zu entwickeln und gleichzeitig der historischen Stufenfolge von Entwicklung und der Vielfalt der Kulturen und Traditionen Rechnung zu tragen.
Michael Heinrich hat überzeugend herausgearbeitet, dass auch die Dynamik des Kapitals im Allgemeinen nur angemessen verstanden werden kann, wenn die Bewegung der vielen Kapitale in der Konkurrenz Berücksichtigung findet, d.h. wenn historische Prozesse nicht als eine Art »Verunreinigung« der reinen Begriffsbildung abgetan werden. Eine mehrdimensionale Aufgabe ist also zu erledigen: Marx-Interpretationen erarbeiten, die Verbindung von allgemeinem Begriff und der Sphäre der Konkurrenz vieler Kapitale herstellen und dann, wie in der Weltsystemtheorie, den »historischen Kapitalismus« zum Gegenstand der Analyse erheben. Denn lässt sich die »Botschaft« des Kapitalismus, die Produktivkräfte zu steigern auf der Ebene der allgemeinen Tendenzen des Kapitals begründen, ohne den Stachel der Konkurrenz, das Streben nach Extramehrwert und -profit und die darauf bezogenen sehr konkreten Strategien der Einzelkapitale - sprich: der Unternehmen und ihres Managements - in die Untersuchung einzubeziehen? Wohl kaum.
Lassen wir Marx selbst zu Wort kommen. In drei längeren Entwürfen und einem kurzen Brief an die russische »Volkstümlerin« Vera Sassulitsch aus dem Frühjahr 1881 (MEW 19: 242f; 384-406) schreibt er zunächst hinsichtlich der Grundtatbestände eines kapitalistischen Systems: »Dem kapitalistischen System liegt (...) die radikale Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln zugrunde (...) Die Grundlage dieser ganzen Entwicklung ist die Expropriation der Ackerbauern. Sie ist auf radikale Weise erst in England durchgeführt (...) Aber alle anderen Länder Westeuropas durchlaufen die gleiche Bewegung.« (MEW 19: 242) Er fügt dann aber hinzu: »Die ›historische Unvermeidlichkeit› dieser Bewegung ist also ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt.« Denn, so zitiert er aus der französischen Ausgabe des »Kapital«, »das Privateigentum, das auf persönlicher Arbeit gegründet ist (...), wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, das auf der Ausbeutung der Arbeit andrer, auf Lohnarbeit gegründet ist.« Und: »Bei dieser Bewegung im Westen handelt es sich um die Verwandlung einer Form des Privateigentums in eine andere Form des Privateigentums. Bei den russischen Bauern würde man im Gegenteil ihr Gemeineigentum in Privateigentum umwandeln.«
»Die im ›Kapital‹ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise - weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben und wofür ich mir Material aus Originalquellen beschafft habe, hat mich davon überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müßte man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.« (MEW 19: 242f.) Diese Ausführungen sind insofern bemerkenswert, als sie jedem historischen Determinismus entgegen gerichtet sind und Raum für viele, in je spezifischen Traditionen und Kulturen verankerte Praxen öffnen.
Marx war die Strenge der begrifflichen Entfaltung ebenso wichtig wie die historischen Besonderheiten, insbesondere wenn es um die strategischen Schlussfolgerungen ging, oder die empirischen Illustrationen allgemeiner Gesetze. Im »Kapital« wird man daher Ausführungen über allgemeine Gesetze (z. B. das 23. Kapitel des ersten Bandes über »das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation«) finden und in diesem Kapitel eine ausführliche »Illustration des allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation«. Letztere verwendet nur Beispiele aus dem England seiner Zeit, und schon deshalb kann sie keine Allgemeingültigkeit beanspruchen.
Die kapitalistischen Bewegungsgesetze (auf der begrifflichen Ebene des Kapitals im Allgemeinen) erscheinen (in der historisch-empirischen Untersuchung) als eine Tendenz, die in empirischen Datenreihen die Gestalt eines Zyklus von Konjunkturen und Krisen annehmen. Die Zyklen und die historischen Tendenzen sind in einzelnen Ländern, die auch in Zeiten der Globalisierung noch als unterscheidbare Einheiten gelten, sehr unterschiedlich. Beispielsweise sind die wirtschaftlichen Wachstumsraten in reichen und »gesättigten« Industrieländern relativ niedrig und in nachholend sich industrialisierenden Schwellenländern zeitweise sehr hoch. Dabei gehen die Wege auseinander, obwohl doch die Gesetze des Kapitals im Allgemeinen Gültigkeit beanspruchen. Das wird schlagend deutlich, wenn das kapitalistische Weltsystem insgesamt in eine schwere Krise gerät. Dann setzt sich die »Dialektik des Kapitals« geschichtlich durch und alle Länder sind von der Krise betroffen, gleichgültig welcher »kapitalistischen Spielart« sie zuneigen.
Doch aus dem »Vorwort« zum ersten Band des »Kapital« könnte man herauslesen, dass Marx der Auffassung war, es existiere eine dominante Entwicklungsbahn der kapitalistischen Produktionsweise, der alle Nationen zeitversetzt folgen würden. An den deutschen Leser gerichtet schreibt er: »Sollte jedoch der deutsche Leser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, daß in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn, so muß ich ihm zurufen: De te fabula narratur. An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.«
Er fügt aber hinzu: »(...) Wo die kapitalistische Produktion völlig bei uns eingebürgert ist, z.B. in den eigentlichen Fabriken, sind die Zustände viel schlechter als in England, weil das Gegengewicht der Fabrikgesetze fehlt. In allen andren Sphären quält uns, gleich dem ganzen übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. Le mort saisit le vif!« (MEW 23: 12ff.)
Diese Passage ist interessant. Denn zunächst wird mit großer Bestimmtheit auf die allgemein gültigen Tendenzen in kapitalistisch organisierten Gesellschaften verwiesen, die er beansprucht, im »Kapital« zu explizieren. Mit Zeitverzögerung setzen sie sich in allen Ländern durch, auch in den weniger entwickelten. Das ist der Grund, weshalb Marx manchmal als »Modernisierungstheoretiker« bezeichnet wird. Seine kursorischen Ausführungen über die Rolle des britischen Imperialismus in Indien unterstützen modernisierungstheoretische Interpretationen. Alle Gesellschaften folgen der von den entwickelten Kapitalismen vorgezeichneten Entwicklungsbahn, wie sie aus dem »Kapitalbegriff im Allgemeinen« abgeleitet werden kann. Welch eine triumphale Bestätigung für diese Weltsicht, als nach 1989 auch die ehemals realsozialistischen Länder auf die Bahn des Kapitalismus einschwenkten. Doch lässt diese sich mit Marx begründen?
Marx verwies ja auch auf die Unterschiede zwischen den kapitalistischen Nationen, zu seiner Zeit zwischen England und Deutschland, auf die Bedeutung der unterschiedlichen politischen Regulierung für die empirisch konkreten Verhältnisse. England war im 19. Jahrhundert ein Land mit einer Fabrikgesetzgebung, d.h. mit gewissen Regularien des Schutzes der Arbeit, Deutschland war es damals nicht. Diese und andere Unterschiede (der Managementstil, die Finanzierungsmodi von Unternehmen, das Verhältnis von Markt und Staat etc.) sind es, die heute eine ganze Armada von Soziologen beschäftigen, um vergleichend den atlantischen und rheinischen, den finanzgetriebenen und eher »bodenständigen«, an die Produktion von Waren und Dienstleistungen gebundenen Kapitalismus zu erforschen und zu vergleichen. Die Ausbeute ist zumeist langweilig, wenn man die umfangreiche Literatur Revue passieren lässt. Das liegt vor allem daran, dass beim soziologischen Vergleich der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen wird, dass die Dynamik des inzwischen globalisierten Kapitalismus aus den Augen gerät, - nach den Bewegungsgesetzen also gar nicht mehr gefragt wird, weil vor allem die Ergebnisse der unterschiedlichen Regulation interessieren, um von den »erfolgreichen Modellen« zu lernen.
Ein solches interessiertes Vorgehen verdrängt, dass erstens in der historischen Entwicklung nicht das wiederholt wird, was das entwickeltere Land vorexerzierte, sondern neue Regulationsformen der kapitalistischen Verhältnisse von Lohnarbeit und Kapital entstehen, dass zweitens der Gesamtreproduktionsprozess des Kapitals unendlich viele Facetten aufweist, die sich immer um einen Kernbestand von Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise drehen, dass drittens auch - wie in dem Brief an Vera Sassulitsch hervorgehoben - die historische Herkunft der Kapitalismen, ihre kulturelle Tradition zählen.
Die Diversität der historischen Kapitalismen und die sich daraus ergebenden sehr spezifischen Anforderungen an die Strategiebildung und deren theoretische Begründung haben zur Herausbildung verschiedener Marxismen in verschiedenen Ländern und Kulturen beigetragen. Der Marxismus ist schon aus diesem Grund »pluraler Marxismus« (Wolfgang Fritz Haug). Politische Praxis findet immer im konkreten Raum der Geschichte statt, aber sie unterliegt Restriktionen, die sich aus den allgemeinen Entwicklungstendenzen des Kapitalismus ergeben und überörtlich und in der langen Zeitperspektive (Fernand Braudel) gelten und die deshalb die theoretische Reflexion zur Begründung der Praxis erfordern.
Mit dem Blick aus dem (europäischen) Zentrum erscheinen die historischen Kapitalismen in Japan oder Lateinamerika und anderswo als Abweichungen oder Modifikationen der durch den Begriff des Kapitals im Allgemeinen gesetzten Regel. Mit dem Blick aus anderen Weltregionen erscheint der europäisch-atlantische Kapitalismus als eine mögliche Spielart neben anderen. Der einst einflussreiche japanische Marxist Kozo Uno, heute fast vergessen, hat methodisch den Übergang von der Analyse der »Dialektik des Kapitals«, von den allgemeinen Entwicklungstendenzen zu ihrer je konkreten Geschichte zu begründen versucht. Die Betonung der historischen Unterschiede und zugleich der Kernbestandteile der kapitalistischen Ökonomie ermöglicht auch strategische Schlussfolgerungen.
Den (vor allem) lateinamerikanischen Dependenztheoretikern geht es um das Auffinden von Wegen aus der Unterentwicklung, deren Ursache in einem permanenten Werttransfer aus dem globalen Süden in den entwickelten Norden aufgrund von ungleichen Tauschbeziehungen erblickt wird. Dies ist mit der Marx'schen Position nicht voll kompatibel, da die ungleiche Verteilung innerhalb des Weltsystems in der Produktion ihren Ursprung hat. Im Austausch, so schreibt Marx im vierten Kapitel des ersten Bandes des »Kapital«, verlieren die einen, was die anderen gewinnen. Dennoch ist dieser Ansatz in Verbindung mit der Theologie der Befreiung, die sich (etwa in den Schriften von Enrique Dussel) explizit auf Marx beruft, historisch sehr wirkungsmächtig geworden.
Wenn man also anerkennt, dass es zwar allgemeine Bewegungsgesetze des Kapitalismus gibt, die auf der Ebene des Kapitals im Allgemeinen analysiert werden müssen, aber auch historische Kapitalismen, die sich beträchtlich unterscheiden können, und wenn man weiterhin davon ausgeht, dass es nicht nur einen Entwicklungspfad gibt, sondern deren viele, dann wird man auch akzeptieren müssen, dass Marxismus nur im Plural existieren kann. Auf dieser Grundlage kann der Streit um die überzeugendsten Interpretationen des modernen Kapitalismus und um die glaubwürdigsten Alternativen ausgetragen werden.
Die historische Vielfalt des Kapitalismus ist obendrein die Bedingung seiner Flexibilität. Diese zeigt sich daran, dass der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital, das Geldverhältnis oder der Umgang mit der Natur, die internationalen Beziehungen und das System der politischen Regulation in ganz unterschiedlichen historischen Formen, also Institutionen und Akteurskonstellationen, organisiert werden können. Wenn man nun Kriterien entwickelt, an denen der Erfolg der jeweiligen Konstellationen abgelesen werden kann, ist man sogleich in der Komparatistik der »varieties of capitalism«. Wenn man nicht zu unterschlagen bereit ist, dass jenseits aller historisch-empirischen Verschieden- und Besonderheiten doch ein kapitalistischer Kern bleibt, dann muss dieser in »dialektischer Analyse« (würde Kozo Uno sagen) des »Kapitals im Allgemeinen« erschlossen werden: Das Privateigentum an Produktionsmitteln, deren Nutzung als Kapital, indem Lohnarbeit ausgebeutet wird, die Produktion von Waren mit einem Mehrwert, der die Geldform annehmen muss, soll die Ausbeutung der Lohnarbeit Erfolg haben. Deshalb sind kapitalistische Gesellschaften immer Arbeits- und Geldgesellschaften zugleich. Das ist der Kern, dessen Verkleidung historisch beträchtlich variiert. Wer die kapitalistische Produktionsweise reformieren oder umwälzen will, muss den Kern knacken, aber dabei um die Varietäten der schützenden Verkleidung wissen.
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